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Warum man bei diesem Spider Man aus dem Staunen minutenlang nicht herauskommt

Warum man bei diesem Spider Man aus dem Staunen minutenlang nicht herauskommt

Superhelden, das ist die vielleicht beruhigendste Nachricht, die man aus der neuen Prime-Serie „Spider-Noir“ mitnehmen kann, gehen ihrer TĂ€tigkeit im Alter auch nicht mehr ohne Schmerzen nach. Stöhnen nach der Landung auf dem Asphalt, wenn sie sich durch die Straßen New Yorks geschwungen haben, Ă€chzen, schwitzen, atmen schwer.

Der Spinnenmann, um den sich alles dreht in diesem Seitenuniversum des Spiderman-Kosmos, ist schließlich, sollte er so alt sein wie Nicolas Cage, der ihn spielt, schon 62. Nimmt man noch dazu, dass der Spinnenmann, wie alle Wesen mit besonderen KrĂ€ften in all ihren Geschichten, gern unter eben diesen leiden und in Depressionen verfĂ€llt, ist der Achtteiler auf jeden Fall ein Argument gegen ein höheres Renteneintrittsalter fĂŒr Superhelden.

Die zweite beruhigende Nachricht ist, dass man, bevor der wollmasketragende Mann mit dem weiten schwarzen Mantel das erste Mal ĂŒber den Bildschirm huscht, nicht sĂ€mtliche Marvellschen Parallelkosmen besucht haben, sich nicht alle VerĂ€stelungen der Spinnenmanngeschichte vorher mit seiner KI zu einem kulturgeschichtlichen Peter-Parker-Essay zusammenklauben lassen muss. Solche Umwege erhöhen zwar gelegentlich die Ortskenntnis in dieser fremden Welt und den Spaß an Anspielungen. Ansonsten ist der Zutritt zur Geschichte von „Spider-Noir“ allerdings erstaunlich barrierefrei.

Und die geht so und ganz anders, als alle bisherigen Netzewerfergeschichten: Wir sind im New York des Jahres 1933. Depression, Wirtschaftskrise, Prohibition, die Wunden des Ersten Weltkriegs sind kaum verheilt, schwarze Veteranen betteln in den Straßen, Slums blĂŒhen und das Verbrechen, die Korruption und die Machtversessenheit von ein paar Menschen, die ganz weit oben in den Wolkenkratzern wohnen. Manhattan verwandelt sich in Gotham City. Manhattan braucht einen Superhelden.

Der, den es eigentlich hĂ€tte, die Spinne, hat allerdings fĂŒnf Jahre zuvor nach dem Tod der großen Liebe seines Lebens, fĂŒr den er sich schuldig fĂŒhlt, Mantel und Maske hinter einer Wand im Bad versteckt und das WeltrettenmĂŒssen gegen einen vorgezogenen Unruhestand eingetauscht. Ben Reilly heißt die Spinne (nicht Peter Parker wie sonst, er ist dessen Klon, die KlĂ€rung der restlichen verwickelten Details wĂŒrden wir an dieser Stelle gern Ihrer KI ĂŒberlassen).

Er fristet mit Janet, seiner zunehmend entnervten SekretĂ€rin, sein zermĂŒrbtes, mĂŒdes Dasein als OstkĂŒstenkollege von Philip Marlowe und Sam Spade und anderen Detektiven der Noir-Welt in seinem DetektivbĂŒro, wo er schwer zu erreichen ist, weil er zwar noch Geld fĂŒr Zigaretten und Whisky, aber keins mehr fĂŒrs Telefon hat.

Zwei Versionen einer Geschichten

Bevor wir jetzt zu Silvermaine kommen, Sandman, Tombstone und Megawatt und dem eigentlichen Ursprung der SuperkrĂ€fte in der Welt, mĂŒssen wir kurz zur eigentlichen Sensation dieser Serie kommen. Man kann nĂ€mlich – zum ersten Mal in der Seriengeschichte – zwischen zwei Versionen wĂ€hlen.

In der einen wird einem die Geschichte in „True-Hue-Color“ erzĂ€hlt und Manhattan leuchtet derart irre und eigentlich auch ganz schick, als hĂ€tte man sich ein hyperaktives Nachkolorierprogramm so richtig austoben lassen. In der anderen (und fĂŒr die ist „Spider-Noir“ als Hommage an die Bogart-Ära natĂŒrlich eigentlich gedreht) schillert die Stadt in allen Nuancen zwischen Schwarz und Weiß.

Das Licht fĂ€llt kostbar durch Fenster in finstere RĂ€ume, silbrige RauchfĂ€den schlingern vor schwarzen HintergrĂŒnden magisch herum, die Konturen sind megascharf, die Gesichter unfassbar plastisch. Wer nach Joel Coens magischem „Macbeth“ und „Ripley“, der vielleicht Ă€sthetisch aufregendsten Serie der vergangenen zehn Jahre, noch Angst hat vor Schwarz-Weiß, dem wird sie hier genommen.

Das alles ist nicht so konsequent gefilmt wie „Ripley“ und nicht so streng, etwas weniger Sepia und mehr Körnigkeit hĂ€tten den manchmal allzu glatten und brillanten Bildern nicht geschadet. Trotzdem kommt man aus dem Staunen minutenlang nicht heraus und bleibt am Bildschirm wie von SpinnfĂ€den gefangen kleben.

Diese garantiert nicht billige Darreichungsform kann man unentschieden nennen und inkonsequent, spiegelt allerdings, was die Showrunner Oren Uziel und Steve Lightfoot ohnehin vorhatten – ihre Spinnen-Geschichte fĂŒr zwei Generationenbubbles zu erzĂ€hlen nĂ€mlich. Man muss sich „Spider-Noir“ auch als Einladung zu einem klĂ€renden innerfamiliĂ€ren GesprĂ€ch ĂŒber die Filmsozialisation der Generation Cage vorstellen.

Der hat erzĂ€hlt, er habe seinen Spinnenmann aus Bogart (siebzig Prozent) und Bugs Bunny (dreißig Prozent) gebastelt und versucht, in Ben Reilly seine langjĂ€hrige Film-Noir-AbhĂ€ngigkeit mit seiner ebenso langjĂ€hrigen AbhĂ€ngigkeit von Stan-Lee-Comics zusammenzubringen. Das ist ihm sagenhaft gut gelungen.

Cage ist der eigentliche Grund, weswegen man sich diesem manchmal doch arg durchhĂ€ngenden und knietief in Klischees festsitzenden Mehrteiler aussetzen muss. „Spider-Noir“ ist seine erste Serie. Und man wĂŒnscht ihm am Ende noch ein sehr langes Leben. Cage braucht nicht lang, ein paar hingenuschelte SĂ€tze, ein paar tapsige Bewegungen auf dem Trottoir, ein mĂŒder Augenaufschlag im ausgesessenen Gesicht, und man will einfach alles wissen von dem Mann, der er mehr ist, als er ihn spielt, wie es zu seinem Sosein kommen konnte.

Und wie es weitergeht mit ihm und Cat Hardy (Li Jun Li), der Femme fatale, die ihm natĂŒrlich irgendwann gegenĂŒbersitzt und in die er sich natĂŒrlich sterblich verliebt, mit Silvermaine, dem fiesen irischen Oberschurken (Brendan Gleeson ist auch ein Prime-Abo wert), mit den ganzen anderen Wesen, die Manhattan in Angst und Schrecken versetzen, und mit denen er mal im Kriegsgefangenenlager war, wo die Deutschen gruselige Mensch-Tier-Versuche machten – dem elektroblitzewerfenden Megawatt und dem auseinanderbröselnden Sandman zum Beispiel.

Wenn „Spider-Noir“ unter Youngadults zu einer Renaissance der spinnenfreien alten Noirs fĂŒhrt, wĂ€re der cineastischen Bildung doch sehr geholfen. Es gibt dazu ĂŒbrigens eine ganz herrliche Nebengeschichte in „Spider-Noir“. Ben Reilly nĂ€mlich, infiziert mit dem Spinnen-Gen und voll im Griff des Spinnenhaften in seinem Hirn, hat sich, um sich wieder an sein Menschsein zu erinnern, wieder zu lernen, wie ein Mensch zu reden und sich zu bewegen, ins Kino gesetzt. Und stundenlang Cagney-Filme geschaut und Bogart-Filme und Filme mit Edward G. Robinson (eine Liste von Klassikern beschafft die KI in Sekunden).

Es gibt allerdings neben der Wahl zwischen „True-Hue Color“ und „authentischem Schwarz-Weiß“ noch eine Entscheidung, die man treffen könnte, bevor man sich aufmacht in diese dunkel lockende Welt. Man könnte nĂ€mlich auf den Gedanken kommen, dass kein Ă€sthetischer, sondern ein knallhart kommerzieller Plan hinter der Schwarz-Weiß-Idee steckt. Man soll zum Abschluss eines werbefreien Abos gezwungen werden.

Alle fĂŒnfzehn Minuten nĂ€mlich wird, wenn man nicht gerade Unsummen in die werbefreie Streamerversion investiert hat, das Schwarz-Weiß-Epos unterbrochen. Von tanzenden PuddingkĂŒhen auf knallgrĂŒnen Wiesen, von orangen Bibern und von Ralf Schumacher, der einem das Auto abkaufen will. Man möchte sofort den nĂ€chsten Superheldennotdienst anrufen und Jeff Bezos von Megawatt foltern lassen.

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