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Shakespeare ist berühmt, dieser Dichter ist notorisch

Shakespeare ist berühmt, dieser Dichter ist notorisch

Rendezvous von Rose und Axt“ – E. M. Ciorans Aphorismus über William Shakespeare in den „Syllogismen der Bitterkeit“ passt eigentlich besser auf Shakespeares düsteren Dichterkollegen und Rivalen, auf den gleichaltrigen, wilden, nie gebändigten und jung ermordeten Christopher Marlowe (1564–1593). Nicht nur bei Cioran, auch sonst steht Marlowe im Schatten Shakespeares.

 Man könnte indes argumentieren, er sei Shakespeares Schatten gewesen: polarisierend, kompromisslos und schockierend dort, wo Shakespeare geschmeidig, geschäftstüchtig und konziliant war. Bei Shakespeare muss man immer wieder lächeln, bei Marlowe bleibt einem entsetzt das Gesicht stehen. Marlowe war aufsässig und blieb attraktiv für Rebellen: Der junge Brecht hat das Skandalstück über Eduard II., der Königreich und Leben durch die Liebe zum hübschen Favoriten Gaveston verlor, kongenial verdeutscht.

1991 hat Derek Jarman eben dieses Drama als grandiose Attacke auf Margaret Thatchers homophobe Gesetzgebung verfilmt und so innovatives Queer Cinema lanciert. Shakespeare ist berühmt, Marlowe ist notorisch. Bei Shakespeare sehen wir Vollendung, bei Marlowe schräges Fragment und rauchende Ruine. Bei Shakespeare bleibt der Dolch auf der Bühne, dem 29-jährigen Marlowe jedoch wird er in einer abgelegenen Taverne an der Themse am Abend des 30. Mai 1593 in den Leib gestoßen.            

Stephen Greenblatt, Pulitzerpreisträger und weltberühmter Erforscher der englischen und europäischen Renaissance, hat bereits 1980 in bahnbrechenden Studien zum „Renaissance Self-Fashioning“ Marlowes absoluten Willen zum ekstatischen, rücksichtslos mörderischen (Macht-)Spiel in „Tamburlaine the Great“ kritisch analysiert und seither zahlreiche Bestseller geschrieben, darunter eine gefeierte Shakespeare-Biografie. Es ist eine großartige Geste, dass Greenblatt nun auch Shakespeares dunklem Bruder ein Denkmal setzt (Dunkle Renaissance. Siedler, 416 S., 28 Euro). Er legt einen hinreißend geschriebenen (und schwungvoll übersetzten) Pageturner über ein gefährdetes Leben vor, dessen Verfilmung man sich wünscht. 

Der Titel, im Original „Dark Renaissance“, akzentuiert, dass die Epoche Shakespeares und Marlowes nicht nur das leuchtend-heitere Gegenbild zum finstren Mittelalter war. Greenblatt entrollt die skandalgesättigte Biografie Marlowes in einer von Beulenpest, religiösem Fanatismus, teuflischen Intrigen, von Folter und bestialischen Hinrichtungsorgien dominierten Zeit. Erneut gelingt ihm souverän, was Thomas Mann die doppelte Optik guter Autorschaft nannte: Man kann „Dark Renaissance“ als spannenden Historienroman verschlingen, aber auch als gelehrten Beitrag zur Anglistik studieren. Wir lernen, dass die Ärzte der Epoche das zu Mehl gestoßene Horn des Einhorns im Repertoire hatten. Oder, dass eine Aufführung des Doktor Faustus ungut endete, weil plötzlich ein Teufel zu viel auf der Bühne war. 

Gab Elizabeth I. den Auftrag?

Aber wir lernen auch, dass Marlowe den Blankvers – den wir fälschlich Shakespeare-Vers nennen – im „Tamburlaine“ erfand und das Publikum elektrisierte.

Die Geschichte des aus armen Verhältnissen nach Cambridge gelangenden hochbegabten Jungen, der sich nolens volens als Geheimagent ihrer Majestät betätigt, in Mordfälle und Geldfälschungen verstrickt wird, in London als Dramatiker sensationelle Erfolge feiert, in berühmten Figuren der Epoche schwerreiche Förderer findet und sich dem lebensgefährlichen, wohl zu seiner Ermordung führenden Verdacht ausgesetzt sieht, ein Atheist zu sein: Greenblatt legt die Schilderung eines kurzen, atemlosen Lebens so an, dass der Gedanke nie aufkommt, dieses blasphemische Vabanque-Spiel könne gut ausgehen. Spätestens seit Beginn der Spionagetätigkeit gibt es keinen Menschen mehr, dem der junge Dichter vertrauen könnte. 

Es ist ein ernstes Buch über einen existenziellen Außenseiter, dessen vier dramatische Geniestreiche die Dämonen auf die Bühne bringen, die die Menschen beherrschen: in „Tamburlaine“ massenmörderischen Ehrgeiz, in „The Jew of Malta“ machiavellistische Gier, in „Doktor Faustus“ verteufelten Erkenntnishunger, schließlich in „Eduard II.“ sexuelle Hörigkeit: „Was bleibt uns am Ende? Eine Vision von alles verzehrender, hoffnungsloser, selbstzerstörerischer Liebe“, notiert Marlowes Biograf.

Greenblatts Buch gibt viel Stoff zum Nachdenken, wenn er etwa argumentiert, dass Marlowe im Thema des Teufelspakts den eigenen, verhängnisvollen Teufelspakt mit dem königlichen Geheimdienst durcharbeitete (es war, wie Dokumente nahelegen, womöglich Elizabeth I. selbst, die die Ermordung in Auftrag gab). Oder aber die Biografie des Helden und die Darstellung seiner Epoche um die Achse einer berühmten Bemerkung des Erfinders der modernen Realpolitik schwingen lässt, der im „Juden von Malta“ als „Machevil“ seinen Auftritt hat: 

„Die Art und Weise, wie wir leben, unterscheidet sich so markant von der Art und Weise, wie wir leben sollten“, schrieb Machiavelli, „dass derjenige, der studiert, was getan werden sollte, anstelle dessen, was getan wird, eher den Weg zu seinem Untergang als zu seiner Selbsterhaltung lernt.“ Bestimmend für Lebensgang und Werk Christopher Marlowes, so erkennen wir dank der großen Biografie Stephen Greenblatts, ist der verzweifelte und unversöhnliche Protest dagegen, dass Machiavelli womöglich recht hat, die Welt beschreibt, wie sie ist. 

Die vier obsessiven Tragödien lassen uns in den Abgrund blicken, der aufklafft zwischen dem, was Menschen tun sollten, und dem, was sie einander fortgesetzt antun. Doktor Faustus fragt seinen heraufbeschworenen Gast: „Wie kommt’s, dass du außerhalb der Hölle bist?“ Die verblüffende Antwort des in unserer Welt aufgetauchten Mephistopheles lautet: „Ich bin nicht außerhalb, dies hier ist Hölle!“ Diese Antwort des Mephistopheles nennt Stephen Greenblatt als Paradebeispiel für eine „mighty line“ Christopher Marlowes, das Markenzeichen des mächtigen Verses, der einem den Atem nimmt, bis heute. 

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