Der Heilige Geist kommt von weit oben – mit dem Fallschirm. Bevor man ihn mit eigenen Augen am Himmel erspähen kann, meldet er sich von seinem Flug durch die Lüfte per Live-Videoübertragung beim wartenden Publikum im Schlosshof von Prinzendorf. Dort, wo der berühmte Wiener Aktionist Hermann Nitsch seine Orgien-Mysterien-Spiele veranstaltete, hat Biennale-Star Florentina Holzinger mit ihrer Amazonentruppe zum „Pfingstspiel“ geladen. „Es wird definitiv orgiastisch“, kündigte die Extrem-Performerin bereits vorab in der Presse an. Doch löste sich das künstlerische Pfingstwunder ein?
Das mehrstündige „Pfingstspiel“ ist Holzinger pur. Die 40-jährige Österreicherin erfindet ihre Kunst nicht neu, sondern fährt alles auf, wofür sie bekannt ist: Menschen, Maschinen, Sensationen. So eroberte Holzinger erst die Tanzwelt in Wien, später die Theaterwelt an der Berliner Volksbühne und darüber hinaus (mit ihrem neuesten Stück „A Year Without Summer“ gastiert sie dieser Tage im australischen Melbourne) und dringt jetzt in die Kunstwelt vor, wie der Hype um den von ihr gestalteten österreichischen Pavillon bei der Biennale in Venedig zeigt, vor dem sich lange Warteschlangen bilden.
Es beginnt im Wiener Eislaufverein. In den Wintermonaten gleiten hier Tausende über die glatte Eisfläche, heute sieht man bei strahlendem Sonnenschein und hohen Temperaturen nur eine kleine Pfütze in der Mitte der riesigen Asphaltfläche. Zum Stadtpark hin erhebt sich die gigantische Betonfront des Hotelhochhauses Continental, dem erst kürzlich mit „The Souffleur“ ein filmisches Denkmal gesetzt wurde (mit Hollywood-Star Willem Dafoe als Hoteldirektor der alten Schule). Es dauert nicht lange, da seilt sich eine von Holzingers Performerinnen vom Dach des Hotels ab und läuft in Anlehnung an Trisha Browns „Man Walking Down the Side of a Building“ von 1970 langsam die Fassade hinab. Dazu klimpern Harfen sphärisch wie bei der Thai-Massage.
Die Show nimmt nun Fahrt auf. Die Live-Musik dröhnt und wummert. Man ahnt, dass nun etwas Krasses kommt. Sehen kann man es nicht, weil man meistens mindestens zehn Reihen von Menschen vor sich hat, die ihre Köpfe und Smartphones in die Höhe recken. Durch die ganzen kleinen Bildschirme der Telefone entsteht allerdings wie eine neue mediale Ebene, die einem selbst weiter hinten stehend doch einen Blick darauf erhaschen lässt, dass sich Holzinger etwas durchs Gesicht bohren lässt, was wie ein langes Messer ausschaut. Kurz darauf klettert sie, nun besser sichtbar, bei voller Fahrt auf ein im Kreis driftendes Auto mit qualmenden Reifen und zündet zum Schluss noch etwas Pyrotechnik. Begeisterter Applaus für den Höhepunkt der gefährlichen Nummer.
Das „Oratorium für Körper und Maschinen“, wie der erste Teil betitelt ist, lebt vom Aufeinanderprallen der nackten, verletzbaren Frauenkörper mit kraftstrotzenden Stuntposen. Holzinger „reitet“ das wildgewordene Auto wie einen Stier in der Arena oder ein archaischer Kriegerfürst seinen Streitwagen. Stellt man sich allerdings vor, wie sich ein Mann mit Schwert und Feuerwerk auf einem Auto den Fahrtwind durchs nackte Gehänge blasen ließe, käme man vor übertriebener Kraftmeierei wohl kaum aus dem Lachen heraus, während es bei Holzinger zum Verwirrspiel künstlerischer Kontexte wird.
In einer Kolonne von Reisebussen geht es anschließend für knapp über 1000 Zuschauer ab ins Weinviertel, wo auf einem idyllischen Hügel das Schloss Prinzendorf lockt. Der Pulk zieht die Allee zum Schlosstor hinauf, wo linker Hand das Grab des 2022 im Alter von 83 Jahren verstorbenen Nitsch liegt. Erst vor einem Jahr wurde in Prinzendorf der letzte Teil der finalen Fassung des berühmten „6-Tage-Spiels“ aufgeführt, laut Nitsch ein „ästhetisches Ritual der Existenzverherrlichung“. Die Witwe Rita Nitsch will Prinzendorf künftig als Zentrum für Performancekunst etablieren, und Holzinger als Auftakt lockt nicht nur die Medien und Theaterwelt, sondern auch die finanzkräftigere Kunstwelt an.
Holzinger zitiert anfangs brav den großen Meister mit seinen Orgien-Mysterien-Spielen: Eine Nackte in Christuspose wird zwar nicht mit frischem Blut, aber mit roter Farbe eingedeckt. Geschlachtet wird an diesem Abend weder Tier noch Mensch. Nitsch wird später noch ironisch als doppeltes Double vorgeführt. In der Wiener Nitsch-Community sorgte Holzingers Auftritt allerdings bereits vorab keineswegs nur für Begeisterung, sondern wurde als flaches Spektakel kritisiert, das den Ausverkauf radikaler Kunstideen für eine gelangweilte Hochkulturbourgeoisie befeuert. Eine Kritik, die sich durch diesen eventisierten Abend bestätigt fühlen dürfte, der einen eher in die Mysterien des hyperkapitalistischen Kunstmarkts eintauchen lässt als in die des menschlichen Seins.
Das „Pfingstspiel“ ist eine lose Nummernrevue zwischen Gottesdienst, Zirkus und Stuntshow. Da zermalmt zum Beispiel ein Monstertruck einen Holzpanzer. 30 Minuten Vorbereitung, bis der Panzer an der richtigen Stelle steht, 30 Sekunden Pointe. Das Verhältnis zieht sich durch den Abend, so läppern sich am Ende vier Stunden Spielzeit allein in Prinzendorf zusammen (bis man am Ende wieder mit dem Bus in Wien landet, sind ganze zehn Stunden vergangen). Den Leerlauf kann man an überteuerten Büdchen für Wein, Leberkässemmeln und Pommes vertrödeln. Oder im Schlossgarten, wo nackte Musen mit Harfe und Leier wie in den Bürgerträumen des 19. Jahrhunderts durchs Gebüsch streifen, während irgendwo Haken in lebendiges Fleisch gestochen werden.
Mit Sonnenuntergang kommt nicht nur eine Mückenplage, sondern auch etwas Bewegung in die Sache. Man wird den Hügel heruntergescheucht, den man nach vielen Minuten Wartezeit mit Fackeln, Pauken und Trompeten wieder hinaufzieht zum großen Finale, bei dem Holzinger mit zwölf Mitstreiterinnen als letztes Abendmahl an den zuvor in Rücken und Knien befestigten Haken hängen. Wieder dröhnt die Musik, Böller werden gezündet, Glocken geläutet, Feuer geschluckt. Wer eine Dramaturgie sucht, wird auch auf dem Programmzettel nicht fündig.
Als Show reicht die Brachialbebilderung religiöser Motive auch. So läuft man immerhin nicht Gefahr, wie beim vorigen Stück hanebüchene historische Linien von Sigmund Freud zu Josef Mengele zu ziehen (wie die Nazis Freud vertrieben und seine Familie ermordet haben, zeigt zurzeit das Wiener Freud-Museum). Es geht allerdings auch jene Feinheit der Bilder verloren, die man in Holzingers Theaterinszenierungen neben all den Schockeffekten eben auch entdecken konnte.
Was sich über den ganzen Abend nicht einstellen mag, ist ein Pfingstwunder. Der Pulk des Publikums wird weder zur Gemeinschaft noch zur Gemeinde, sondern nimmt sich auf der Jagd nach den krassesten Bildern vor allem gegenseitig die Sicht. Auf Hunderten Telefonen dürften sich lückenlose Foto- und Videodokumentationen des „Pfingstspiels“ finden. Erhebt eure Herzen zu Gott? Was sich allein erhebt, sind die Smartphones zum Ruhme der Star-Choreografin auf Instagram & Co. Manche Zuschauer rücken entblößten Darstellerinnen mit quasiprofessionellen Kamerasets auf den Leib, wie man es nur von Erotikmessen kennt. Man schaut und wundert sich, doch berühren tut es einen nicht.
Und der Heilige Geist? Landet sicher auf dem Feld neben dem Schloss und entpuppt sich als nackte Frau mit Taubenkostüm auf dem Kopf. Mit einer weißen Flagge zieht sie in den Schlosshof ein, stellt sich auf den vom Monstertruck deformierten Panzer und steckt sich als Schwertschluckerin die Fahnenstange tief in den Hals. Schwerter zu Showequipment, lautet die neue Friedensparole! „No War“ steht zur Verdeutlichung auf den Videoleinwänden hinter der Bühne.
Diesen Abrüstungsvorschlag der Kunst darf man getrost als Pfingstbotschaft mit nach Hause nehmen, als das Wichtigste von Holzingers Kunst: Sie zeigt den verletzbaren Körper, aber als bunte Show mit Happy End. Im Krieg hingegen ist das blutiger Ernst, der in irreversibler Zerstörung und Zerstückelung endet.
„Pfingstspiel“ wurde einmalig bei den Wiener Festwochen gezeigt.