Berlin – Sich endlich von der Last der deutschen Geschichte befreien, um Israel ungehemmt kritisieren und verleumden zu können? Dieser Wunsch geistert seit Jahrzehnten durch deutsche Debatten. Und offenbar hat auch die ehemalige Kulturstaatsministerin Claudia Roth (71, Grüne) ein sehr starkes Bedürfnis danach!
Bei „Jung & Naiv“, der Online-Sendung des strammlinken und antiisraelischen Podcasters Thilo Jung (41), sprach die ehemalige Grünen-Chefin und Bundestagsvizepräsidentin über ihre Zeit als Kulturstaatsministerin.
Erst die Entschuldigung, jetzt die Entschuldigung für die Entschuldigung
Roth stand in diesem Amt gleich zweimal im Zentrum von Antisemitismus-Debatten: bei der Kunstausstellung Documenta in Kassel 2022 und bei der Berlinale 2024. Bei der Documenta hatte Roth bei Judenhass weggeschaut. Bei der Berlinale hatte sie versucht, angerichteten Schaden nachträglich zu reparieren.
Die Berlinale 2024 hatte – mitten im Gaza-Krieg, als die Hamas noch israelische Geiseln festhielt – einen antiisraelischen Propagandafilm ausgezeichnet, und Roth hatte bei den Reden dazu – allesamt Anklagereden gegen Israel – geklatscht.
Später sagte sie doch noch klare Worte. Im „Spiegel“ beklagte sie „ekelhaften offenen Antisemitismus“ bei Linksradikalen (März 2024). Dass von der Berlinale-Bühne aus Israel außerdem ein „Genozid“ vorgeworfen wurde, nannte sie den „Tiefpunkt“ der Gala und stellte klar, dass Israel keinen begeht: Es habe, „bei allem Mitgefühl für das Leid der Zivilisten, nun wirklich nichts mit der Situation im Gazastreifen zu tun“.
Jetzt die Kehrtwende
Jetzt, im Podcast „Jung & Naiv“, klingt alles anders. Ihre Kritik an der Berlinale und den Filmemachern, die Israel „Apartheid“ vorwerfen, sei falsch gewesen. Roth: „Aber es war so ein unfassbarer Druck vom Zentralrat, von unglaublich vielen Kreisen. (…) Da war ich zu schwach oder zu überfordert in dieser Lage und es war ein Fehler.“
Dann folgt der Satz, der besonders aufhorchen lässt: „Manche gute Freunde von mir, ausländische Freunde, sagen: ‚Wann befreist du dich endlich von dieser Schuld der Geschichte? Oder wann gehst du anders damit um? Und wann wirst du so frei, anders damit umzugehen?’ Und das war eine Situation, wo ich es nicht konnte.“
Volker Beck sieht Parallelen zu Björn Höcke
Es handele sich bei Roths Sätzen um „klassische deutsche Schuldabwehr“, sagt ihr Grünen-Parteifreund Volker Beck (65), Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG). Roth zitiere zwar Freunde, mache sich den Gedanken „aber zu eigen“.
Roth stelle sich „in eine geistige Tradition des Schuldabwehrdiskurses“ wie Schriftsteller Martin Walser, der 1998 in der Paulskirche von der „Moralkeule“ faselte – und von AfD-Rechtsaußen Björn Höcke, der 2017 eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ gefordert hatte und den angeblichen deutschen „Schuldkult“ angeprangert. Beides lange vor dem jüngsten Gaza-Krieg, wohlgemerkt.
„Ich bin erschüttert über diese Entwicklung“, erklärt Beck. Roths Geschwurbel sei „nur eine Ecke vom ‚Schuldkult’-Vorwurf Höckes entfernt“.