Tokio – Der Kanzler ist entzückt. Gerade hat Japans Premierministerin Sanae Takaichi (65) beim Empfang für Friedrich Merz (70, CDU) in Tokio von Deutschland als einem „gleich gesinnten Premiumpartner“ Japans geschwärmt. Auf „wunderbare Weise“ ergänzten sich beide Länder. Doch genießen kann er diesen politischen Höhepunkt des zweiten Tages seiner Asien-Reise (erste Station war Singapur, dritte ist ab Donnerstag Südkorea) nicht richtig.
Denn in Deutschland ist die Lage nicht „wunderbar“ für Merz. Bayern-Regent und CSU-Chef Markus Söder (59) hat Merz in der Frage der Kür des nächsten Bundespräsidenten heftig unter Druck gesetzt, seinem Vorstoß für Landtagspräsidentin Ilse Aigner (61) zuzustimmen. Der Zoff darum überschattet die ganze Reise.
So passt es sinnbildlich, dass Merz sich für seinen Auftritt zum Abschluss des Abends auf eine Terrasse auf einem Wolkenkratzer vor der Glitzerfassade von Tokio gestellt hat, die eiskalt eingehüllt ist von Zugluft. Merz ist ohnehin schon erkältet, er verlässt den Ort, so schnell er kann. Innenpolitische Fragen, womöglich zum Thema Bundespräsident? Bitte nicht!
Merz steckt in der „Aigner-Falle“
Die Festspiele für die CSU-Präsidentenkandidatin Ilse Aigner, die Söder beim Parteitag in München kurz vor Merz’ Abreise nach Asien veranstaltete, haben den Kanzler kalt erwischt. In Merz’ Umfeld ist man an Bord des Regierungs-Airbus bemüht, nicht den Eindruck entstehen zu lassen, dass Merz in der Bundespräsidenten-Frage ein Getriebener Söders ist. Aber das gelingt nur halb. Das taktische Problem, in das er sich manövriert hat, ist ja auch groß. Denn Merz, der eigentlich gar nichts gegen Aigner hat, sogar mit ihr befreundet ist, kann mal wieder nicht aus seiner Haut. Er steckt in der „Aigner-Falle“. Merz will sich grundsätzlich nicht von Söder und der kleinen Unionsschwester öffentlich vorschreiben lassen, wer erste Frau im Staate wird. Doch Söder hat Fakten geschaffen, während Merz immer noch rätselte, wen er vorschlagen soll. Er hat die Sache zu lange laufen lassen, weil immer etwas anderes wichtiger war.
Als Söder Aigner im Frühjahr erstmals ins Spiel brachte, geschah das auch aus egoistischen Motiven. Denn sie ist die einzig ernstzunehmende Konkurrentin um den Ministerpräsidentenjob in Bayern. Eine Abschiebung nach Berlin, geschickt und charmant verpackt. Doch Merz will partout nicht, dass es aussieht, als knicke er ein.
Das Problem ist nur, dass er noch immer keinen Alternativ-Namen hat, der sich wirklich für Bellevue aufdrängt. Eine Frau soll es werden, heißt es wieder. Aber Bildungsministerin Karin Prien wollen nicht alle in seiner Partei. Julia Klöckner (53) wird von SPD-Chef Lars Klingbeil (48) abgelehnt. Hessens CDU-Fraktionschefin Ines Claus (49) tat Merz den Gefallen, sich selbst ins Spiel zu bringen, die Reaktionen blieben verhalten.
Alle wollen Aigner
Aigner aber, die wollen sie alle. SPD-Fraktionschef Matthias Miersch (57), Top-Grüne wie Omid Nouripour (51), sogar SPD-Legende Hubertus Heil (53). In Merz’ Umfeld heißt es jetzt, er wolle eine gemeinsame Kandidatin für alle drei Parteien aufstellen, um eine breite Zustimmung zu besorgen. Das kann – nach Lage der Dinge – nur Aigner sein. Wenn sie es wird, dann ist es Söders Sieg, nicht der von Merz. Diese Möglichkeit hat er sich verbaut.
Dröge kritisiert Debatte: „Dem Amt nicht angemessen“
Kritik an Merz’ Verhalten in der Debatte um die Steinmeier-Nachfolge kommt nun auch von der Grünen-Spitze. Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge (42) sagte zu BILD: „Ich erwarte in dieser Frage mehr Professionalität vom Bundeskanzler.“ Dröge sagt auch: „Dass CSU und CDU sich öffentlich über Namen streiten, ist dem Amt und den potenziellen Kandidatinnen nicht angemessen.“
Sie betont, dass es Zeit wäre für eine Frau – „nach über sieben Jahrzehnten, in denen das Amt ausschließlich von Männern bekleidet wurde“. Von Merz erwarte sie „einen Vorschlag für eine Frau, die bundesweite Bekanntheit und Anerkennung besitzt“, so Dröge weiter. Klingt ganz nach Aigner...