Washington (USA) – Mit Anrufen beim US-Präsidenten ist das so eine Sache. Ich überlege schon genau, wann ich seine Nummer wähle. Denn man will ihn ja auch nicht verärgern, nicht in den Wahnsinn treiben, den richtigen Moment erwischen. Es gibt Tage, da rufen ihn zwanzig verschiedene Reporter an. Und dann erzählt Trump manchmal dem einen dies, dem anderen das. Vor allem bei außenpolitischen Themen, etwa der wichtigen Iran-Frage, macht der Präsident dann während der kurzen Telefonate Kehrtwenden. Mein Eindruck ist, er nutzt dann diese Reporter-Telefonate, um mit teils gegensätzlichen Botschaften die Welt im Unklaren zu lassen. Auch deshalb bin ich recht zurückhaltend mit diesen Anrufen.
Aber in dieser Woche war für mich mal wieder der richtige Moment für einen Anruf bei ihm. Trump hatte überraschend ein Dekret zur Regulierung von Künstlicher Intelligenz (KI) gestoppt. Eigentlich wollte er das unterschreiben, um der Branche strengere Regeln zu geben. Aber dann der plötzliche Rückzieher. Und danach nur eine kurze Erklärung: Trump wolle nichts tun, um den Vorsprung vor China zu gefährden. Hm. Aber wie steht er nun zu KI? Sieht er sie als Gefahr? Glaubt er nun, dass es da Regeln braucht – oder nicht? Das wollte ich genau wissen von ihm. Also habe ich ihn angerufen.
Trumps KI-Berater widersprachen sich
Manchmal geht er nicht ran. Manchmal klingelt es lange, bis er abnimmt. Dieses Mal ging er gleich ran, nach zweimal Klingeln: „Hi, Dasha.“ Tja, und dann hat Trump erst mal weit ausgeholt. Die KI-Politik sei ihm wirklich wichtig, und als es um neue Regeln ging, hätten ihm nun viele unterschiedliche Berater sehr unterschiedliche Ratschläge gegeben: von „Zieh es durch“ bis „Lass es lieber“.
Am Ende aber habe er aus der Branche ziemliche Bedenken gehört. Von David Sacks zum Beispiel, der als „KI-Zar“ bekannt ist. Ein Großinvestor, der die staatliche Regulierung von KI völlig ablehnt. Und nach so vielen Bedenken habe er sich entschieden, er wolle nicht, dass das Weiße Haus den Fortschritt behindert. Es sei nicht der richtige Moment für strikte Regeln.
Was würde Onkel John denken?
Und dann hat mir Trump plötzlich von seinem Onkel John erzählt. Der war Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT), einer absoluten Spitzen-Uni. John war ein wirklich renommierter Wissenschaftler, ein Elektroingenieur und Physiker, der vor allem in der Krebsforschung erfolgreich war. Er baute den ersten Megavolt-Generator für die Krebstherapie.
Der Präsident erzählte mir das alles jetzt am Telefon – in liebevollem Ton, er geriet minutenlang über seinen Onkel ins Schwärmen. Er sagte, er habe sich jetzt, vor der geplanten Unterzeichnung des Dekretes, in die Lage von Onkel John versetzt: Was der wohl denken würde, wenn er durch solch ein Dekret wissenschaftliche Durchbrüche gefährden oder verhindern würde?
Hat also Trumps Onkel, der 1985 nach langer Krankheit verstarb, posthum dieses KI-Dekret „verhindert“? Dies zumindest war die Geschichte, die mir der US-Präsident in dieser Woche erzählt hat. Schauen wir mal, wie lange Trump dieser Linie folgt.