Kultur

Warum in einem Schweizer Dorf ein neuer Kanon geschmiedet wird

Warum in einem Schweizer Dorf ein neuer Kanon geschmiedet wird

Die Anfahrt mit der Rhätischen Bahn durchs Engadin ist die perfekte Einstimmung für einen Besuch im Muzeum Susch, das die polnische Sammlerin und Mäzenin Grazyna Kulczyk 2019 eröffnet hat. Um im malerischen Bergdorf anzukommen, muss man den Halt-Knopf drücken. Dann bietet sich ein reizvoller Blick über das 200-Seelen-Nest mit den beiden Mittelaltertürmen, dem der Schweizer Bildhauer Not Vital einen dritten, zehn Meter hohen Turm aus Marmor hinzugefügt hat.

Doch von einem imposanten Museumsneubau keine Spur. Dafür kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus, wie diskret und respektvoll die preisgekrönten Schweizer Architekten Chasper Schmidlin und Lukas Voellmy das Ensemble eines mittelalterlichen Klosters mit Brauerei sorgfältig renoviert und in einen außergewöhnlichen Kunstort verwandelt haben. In den Felsen gehauene Grotten, ein Verbindungstunnel und moderne Ausstellungsräume ermöglichen ein einzigartiges Zusammenspiel von Geschichte und Gegenwart.

Ortsspezifische Installationen, die eigens beauftragt wurden, und Raumsituationen, die wie geschaffen sind, um Werke der Stiftung zu präsentieren, sorgen für atmosphärische Dichte und überraschende Inszenierungen. Da ist der langsam rotierende Edelstahlzylinder von Mirosław Bałka, der die nackten Felswände spiegelt, die geborstene Metalltreppe von Monika Sosnowska, die sich im ehemaligen Kühlturm in die Höhe schraubt, oder der Abstieg in die tropfsteinartige Höhle von Sara Masüger, die einen Durchblick bis zum Inn erlaubt.

Da ist die Videoinstallation von Valie Export, die das penetrierende Auf- und Ab von Nähmaschinen fokussiert, die graubraune Masse kopfloser Figuren, die Magdalena Abakanowicz im schmalen Kellergewölbe aufmarschieren lässt, das gehäutete Herrenzimmer von Heidi Bucher, das die Raumzeit weiblicher Ausschlüsse buchstäblich abgestreift hat, oder die Bronzefigur von Tracey Emin auf allen Vieren.

Die Auswahl lässt sofort den feministischen Fokus erkennen: Hier geht es vor allem um vergessene, übersehene oder unterbewertete Künstlerinnen. Ein zweiter Schwerpunkt liegt auf Kunst aus Ost- und Mitteleuropa, insbesondere aus dem Heimatland der Sammlerin. Gezielt versucht das Muzeum Susch, weibliche Positionen wieder sichtbar zu machen, die aus politischen oder geschlechtsspezifischen Gründen nie vollständig in den westlichen Kanon aufgenommen wurden.

Genau diese Mechanismen der Kanonbildung interessieren Kulczyk am meisten, wie sie im Gespräch mit WELT erklärt: „Eine gewaltige Rolle spielen dabei Geografie, Geschlecht, Sprache, der Markt und die institutionellen Netzwerke.“ Mit diesem kritischen Bewusstsein verfolgt sie eine Sammlungsstrategie, die auf wissenschaftliche Forschung, monografische Ausstellungen, Publikationen und Künstlerresidenzen setzt.

Die Liste der 14 Künstlerinnen, die im Rahmen von zwei Ausstellungen pro Jahr entstanden ist, liest sich fast wie ein Seismograf der internationalen Neubewertung. Viele waren lange außerhalb ihrer Herkunftsländer kaum bekannt, gehören inzwischen jedoch zu den spannendsten Wiederentdeckungen. Besonders deutlich zeigt sich dies bei den Schweizerinnen Heidi Bucher, Hannah Villiger und Emma Kunz, der belgischen Pop-Surrealistin Evelyne Axell und der griechischstämmigen Weltbürgerin Laura Grisi, deren museale Präsenz in den vergangenen zehn Jahren erheblich gestiegen ist – und ebenfalls deren Marktwert.

Kulczyk möchte Trends setzen

Auch Anu Põder aus Estland, Feliza Bursztyn aus Kolumbien, Ilona Keserü aus Ungarn sowie Běla Kolářová und Emila Medková aus Tschechien haben deutlich an Reputation gewonnen. Edita Schubert aus Kroatien, Jadwiga Maziarska, Wanda Czełkowska und Tapta aus Polen oder Gabriele Stötzer, die als dissidentische Künstlerin in der ehemaligen DDR begann und derzeit auch im Berliner Gropius Bau gefeiert wird, werden zunehmend in den internationalen Kanon integriert, auch wenn ihre Marktwerte dieser Neubewertung bislang nur langsam folgen. Gerade hier zeigt sich die besondere Vorreiterrolle des Muzeum Susch: Es reagiert nicht auf kunsthistorische Trends, sondern trägt selbst dazu bei, sie zu setzen.

In der aktuellen Ausstellung gibt es erneut eine Künstlerin und Aktivistin zu entdecken, von der noch kaum jemand gehört haben dürfte: Mariuccia Secol, geboren 1929 in Castellanza bei Varese, erhält mit 97 Jahren ihre erste institutionelle Ausstellung – und das zu Recht, denn von ihren ersten Malereien bis zu ihren Werken aus Stoffen und Alltagsmaterialien entpuppt sich Raum für Raum, dass die Italienerin eine eigenständige Pionierin feministischer Kunst ist.

Bei der Auswahl und Programmgestaltung kann die erfolgreiche Unternehmerin Kulczyk nicht nur auf ihr internationales Team und Netzwerk zurückgreifen, sondern auf jahrzehntelange Erfahrungen mit moderner und zeitgenössischer Kunst. Schon während ihres Jurastudiums in Posen begann Kulczyk zu sammeln. Parallel dazu baute sie mit ihrem Mann eines der größten Privatunternehmen Polens auf, das zum Alleinimporteur des VW-Konzerns wurde. Nach ersten Ausstellungen im Autohaus entwickelte sie aus einer ehemaligen Brauerei in Posen das mehrfach ausgezeichnete Einkaufs- und Kulturzentrum Stary Browar. Nach der Scheidung gründete sie die Art Stations Foundation, um für die Kunst eine dauerhafte und langfristige Sichtbarkeit zu gewährleisten.

Da sich ihre Pläne jedoch weder in Posen noch in Warschau realisieren ließen, fiel die Wahl schließlich aufs Engadin. Anders als in den mondänen Orten St. Moritz, Klosters, Davos oder Sils Maria, wo superreiche Sammler und Feriengäste neben dem atemberaubenden Bergpanorama auch noch etliche Galerien und Kunstorte erleben können, wird in Susch eine alternative Haltung der „slow art“ gepflegt. Nichts lenkt ab von dem reinen Natur- und Kunsterlebnis. Einhellig ist die Begeisterung unter den Besuchern, der sich auch eine 90-jährige Dorfbewohnerin anschließt.

So gehört das Muzeum Susch zu einer neuen Generation privater Kulturinstitutionen in Europa, die den Vergleich mit dem Luma in Arles oder der Fondazione Prada in Mailand nicht zu scheuen braucht. Gemeinsam ist ihnen, dass sie von außergewöhnlich erfolgreichen Unternehmerinnen gegründet wurden, die ihr wirtschaftliches Kapital gezielt in langfristige kulturelle Infrastruktur investieren. Auch wenn Grazyna Kulczyk, Maja Hoffmann und Miuccia Prada unterschiedliche Visionen verfolgen, gehen sie alle über das klassische Sammlermuseum hinaus, da sie ihre Institutionen als Raum für gesellschaftliche Debatten, Wissensproduktion und Innovation begreifen.

Das Projekt in Susch ist längst nicht abgeschlossen. Gegenwärtig wird dem historischen Gebäudekomplex ein weiterer Baustein hinzugefügt. Im Hospiz San Jon sollen ausgewählte Werke der privaten Sammlung gezeigt werden, ohne die Autonomie des übrigen Museums zu berühren. Unabhängig davon bleibt der Wunsch nach einer ständigen Sammlungspräsentation in ihrer Heimat bestehen, wie Kulczyk freimütig bekennt: „Es wäre mir wichtig, dass die Menschen in Polen im Alltag Zugang zu internationaler moderner Kunst haben – auch zu den Werken meiner Sammlung.“ Bis dahin bleibt die Reise ins Engadin, wo Landschaft und Kunst auf selten geglückte Weise ineinandergreifen.

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