Kultur

Berühmte Gräber besuchen – ein Hobby für Fortgeschrittene

Berühmte Gräber besuchen – ein Hobby für Fortgeschrittene

Das Gedenken an tote Dichter gehört zu den ältesten Stoffen der Weltliteratur. Entweder reist man direkt ins Jenseits und lässt sich von Dante zeigen, wo Homer gelandet ist (in der Vorhölle). Oder man pilgert arglos in die saubere Schweiz und erwischt prompt einen Hund beim Kacken aufs Grab von Thomas Mann (wie in Christian Krachts Roman „Faserland“).

Bereits vor einigen Jahren hat Leonhard Hieronymi mit seinem Buch „In zwangloser Gesellschaft“ aus Pilgeranekdoten zu Dichtergräbern eine Art Roman gestaltet. Dass jetzt auch der tschechische Schriftsteller Jaroslav Rudiš das Sujet aufgreift, wird Kenner kaum überraschen, denn in Rudiš-Romanen geht es seit jeher viel um Menschen, die mit dem Fluch und Segen der Vergangenheit leben, vom „Himmel unter Berlin“ über „Grand Hotel“ bis „Nationalstraße“.

Der 1972 geborene Autor, der seit vielen Jahren zwischen Berlin und Böhmen pendelt, ist mit seinen Geschichten zu einem der beliebtesten Vermittler zwischen der deutschen und der tschechischen Kultur geworden, die – neben der jüdischen – die Region Böhmen seit Jahrhunderten prägen. Wie bereits „Winterbergs letzte Reise“ (2019) – sein bislang wohl bekanntestes Werk, das 2019 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war – hat Rudiš seinen aktuellen Roman „Wo die Toten sprechen“ auf Deutsch verfasst. Und es ist ein typischer Rudiš-Roman: vergangenheitsbeseelt, Cicerone-artig erzählend und bei alledem auch wieder ein Reiseroman, wobei dieses Mal kein Duo, sondern ein Trio tourt: Caspar, Lorenzo und Miss Detroit treffen aufeinander. Es sind Clochard-ähnliche Figuren, die auf Friedhöfen nächtigen. Fans der Sepulkralkultur.

Drei Freunde entdecken Friedhöfe

Lorenzo entpuppt sich als Ex-Knacki, der erst über die Gefängnisbibliothek von Stein an der Donau zum Leser und Freund der toten Dichter geworden ist, denn wie es sich für eine Justizanstalt mit k. u. k.-Tradition gehört, beherbergt ihre Bücherei Werke aus allen Sprachen der ehemaligen Habsburgermonarchie: auf Deutsch, Tschechisch, Slowenisch, Slowakisch, Ungarisch, Polnisch, Ukrainisch, Serbokroatisch und Italienisch. Lorenzo nennt dieses Bücherangebot seine private „Universität für Weiterbildung“, wobei es eine Hochschule mit dem gleichen Titel im benachbarten Krems tatsächlich gibt.

Miss Detroit heißt eigentlich Susanne und wuchs in Berlin-Kreuzberg auf, in der Nähe der Friedhöfe an der Bergmannstraße. Seit sie Teil der Grufti-Szene wurde und auf einem Grabstein den Namen Lilly Detroit entdeckte, wollte sie nur noch selbst so heißen; sie lernte Friedhofsgärtnerin. Schließlich Caspar – er hat studiert und stammt aus dem Böhmischen Paradies, jener Gegend in Tschechien, in der auch der Schriftsteller Rudiš selbst beheimatet ist.

Was alle drei Figuren eint: Sie sind Singles, entweder frisch oder schon lange, und sie interessieren sich nicht nur für Friedhöfe, sondern für Autopsien von Vergangenheit in jeder Form. Caspar hat einen „Radiovampir“ als Vater, der alte Geräte zerlegt und wieder zusammenbastelt. Lorenzo hat in seiner kriminellen Vergangenheit Antiquitätenläden überfallen, um – dem letzten Wunsch seiner Prager Großmutter entsprechend – jüdische Besitztümer, die als Raubgut aus der NS-Zeit auf den Markt gelangten, wieder heimzuholen und im mährischen Nikolsburg (Mikulov) am Grab des Wunderrabbis Samuel Horowitz zu deponieren.

Miss Detroit wuchs mit einem Berliner Schrauber-Vater auf, der in seiner Garage Fahrzeuge, die auf dem Autofriedhof gelandet waren, wieder flott machte. Auch wenn ihr Nom de plume fast zu sprechend ausfällt – die einstige Wiege der US-Autoindustrie ist heute ein Ort der Geisterfabriken und Symbol für das Ableben der Autoindustrie –, fährt Miss Detroit im Roman einen weißen Saab (Spitzname: Sarg). Diese legendäre schwedische Automarke, die längst nicht mehr gebaut wird, ziert (neben einem Grab-Bouquet aus Lilien) nicht nur das Buchcover, sondern dient auch als zentrales Vehikel der Handlung.

Einen zwingenden Plot, der festlegt, welche Gräber und Friedhöfe angesteuert werden, gibt es in „Wo die Toten sprechen“ nicht. Eher regiert mäanderndes Fantum, mal für Jean Paul und Bayreuth (Bier!), mal für Theodor Storm und The Doors („Riders on the Storm“) oder Joseph von Eichendorff und Neiße (Nysa).

Rudiš’ Trauergesang gilt vergessenen Dichtern, plattgebombten Städten und verschwundenen Juden. Mit diesem Basso continuo scheint der eigentliche Plot lange vernachlässigbar. Doch gegen Ende des Romans nimmt die Handlung richtig Fahrt auf, es kommt zu einem überraschenden Showdown, denn die Ewiggestrigen und Unbelehrbaren der Geschichte geistern als „Kreuzspinnen“ weiterhin durch die Gegenwart.

Im Zentrum von „Wo die Toten sprechen“ steht jedoch die magische Beziehung der Figuren zu ihren toten Dichterhelden. Diese Beziehung kann sich respekt- oder liebevoll gestalten, manchmal aber auch entwaffnend ehrlich, wenn es etwa zu Stifter heißt, dass sich dessen langatmige Landschaftsprosa wohl am besten unter Ausnahmebedingungen lesen lasse, nämlich: eingeschneit oder eingesperrt.

Die Habsburger-Autopsie

Auch wenn sich das Talent dieses Schriftstellers zur topografischen Litanei bisweilen Bahn bricht: Die konkreten Gräber werden eher beiläufig beschrieben. Rudiš wollte nach seiner „Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen“ und einer weiteren fürs Bier erkennbar keinen Baedeker für Dichtergräber schreiben, keine Enzyklopädie des (un)toten Habsburgerreiches anhand seiner Honoratioren-Friedhöfe von Lemberg bis Laibach und von Bratislava bis Budapest. Und doch macht Rudiš in seinen Büchern wie kein zweiter Autor in Mitteleuropa immer wieder anschaulich, dass die Infrastrukturen der einstigen k. u. k. Monarchie das Leben ihrer Nachfolgestaaten und Bewohner bis heute definieren – vom Krematorium in Liberec bis zu den Eisenbahnschienen nach Venedig.

Die Vergangenheit ist ein Schatz, der in Rudiš’ Büchern mit feinironischer Verve gehoben wird. „Wo die Toten sprechen“ wird Rudiš-Fans als Mischung aus Requiem, Roadnovel und tragikomischer Posse begeistern. Unverkennbar schreibt Rudiš mit seiner Sympathie für kauzige und komödiantische Typen dabei auch eine Hašek-Traditionslinie der tschechischen Literatur fort.

Jaroslav Rudiš: Wo die Toten sprechen. Roman. Luchterhand, 240 Seiten, 24 Euro

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