Moskau (Russland) – Die Warnung aus Kiew war unmissverständlich: Sollte Wladimir Putin (74) seinen brutalen Krieg gegen die Ukraine fortsetzen, würden bald auch Millionen Russen in ihrer Heimat dessen Folgen spüren. Jetzt ist es so weit. Der Krieg hat auch die Moskauer und andere Großstädter erreicht. Allerdings nicht in Form von Drohnen und Raketen, die Schulen, Wohnhäuser und Kirchen in Schutt und Asche legen – so wie es Putins Armee täglich in ukrainischen Städten tut. Kiew legt stattdessen den Alltag in Russland lahm.
So war es jedenfalls am Sonntag: In Moskau und anderen Städten ging teilweise nichts mehr. Bankdienstleister waren nicht erreichbar. Kunden konnten weder online per App bezahlen noch Taxis rufen, auch die Websites und Apps von zahlreichen Geschäften, Restaurants, Apotheken und einer Fitnessstudiokette fielen aus. In Sankt Petersburg war der Internetauftritt des Flughafens Pulkowo gestört. Ausfälle gab es auch in Kasachstan, Belarus und Armenien.
Der Grund: Die Ukraine hatte das Yandex-Rechenzentrum in Wladimir (rund 180 Kilometer nordöstlich von Moskau) mit Drohnen getroffen. Es war bereits der dritte Schlag gegen die Rechenzentren des Konzerns, der als russisches Pendant zu Google gilt. Zuvor waren bereits die Zentren in Sassowo (Region Rjasan) und Kaluga (Region Moskau) getroffen worden – und zwar so schwer, dass es Monate dauern könnte, die volle Leistung wiederherzustellen.
Yandex ist unverzichtbar für viele Russen
Dmitry Pirogov, Leiter der Fintech-Abteilung von Yandex, wandte sich deshalb noch am Sonntagabend an verunsicherte Kunden. Infolge des jüngsten Angriffs könnten „viele von Ihnen immer noch nicht den Kontostand abfragen, Einkäufe bezahlen oder Geld überweisen“, erklärte er. Yandex könne auch noch keinen genauen Zeitplan für die Wiederherstellung der Dienste nennen, so Pirogov weiter. Das Geld der Kunden sei aber sicher.
Traffic sogenannter Bots brach zusammen
Brisant: Die Angriffe auf die Rechenzentren beeinträchtigen nicht nur den Alltag der Russen, sie haben offenbar auch einen Effekt auf die Aktivität russischer Bots! Daten des Analyse-Portals Cloudflare Radar zeigen, wie der Traffic (zu Deutsch: Datenverkehr) solcher automatisierter Online-Konten, die sich in sozialen Medien oder Messengern wie ein echter Nutzer verhalten, zusammenbrach. UND: Ukraine-Präsident Wolodymyr Selenskyj (48) deutete an, dass das auch einen Effekt auf die Verbreitung von Kremlpropaganda hat.
Beim Warschauer Sicherheitsforum erklärte Selenskyj am Montag, sehr viele Menschen hätten gemerkt, dass es in den sozialen Medien plötzlich „leichter sei, zu atmen“. Es gebe dort weniger Bots und damit „weniger Hass, weniger Spaltung und weniger Provokationen“. Woher diese Bots gekommen seien, sei deshalb „ziemlich offensichtlich“, ergänzte er. Gemeint ist Russland. Laut Selenskyj verbergen sich hinter den Yandex-Rechenzentren sogenannte Bot-Farmen, die gezielt Desinformation verbreiten – und die nun erst einmal verstummt sind.