Berlin – Ist das wirklich so? Literatur-Professor Dirk Oschmann (58) gab bei Markus Lanz (57) eine besonders spannende Antwort auf eine Frage, die viele beschäftigt: Warum haben die Deutschen im Osten trotz Jahrzehnten der Unterdrückung durch die russischen Besatzer, trotz der katastrophalen Folgen der kommunistischen Zwangswirtschaft und trotz des brutalen Überfalls auf die Ukraine so viele Sympathien für Putin?
Oschmanns These: Brüssel habe „als Repräsentant des Westens die Norm gebildet, der die osteuropäischen Länder zu entsprechen hatten.“ Gleichzeitig aber hätten die Länder, die sich entsprechend anstrengten, „immer mitgeteilt bekommen: Es ist schon ganz gut, was ihr hier macht, es reicht aber nicht.“ Deshalb habe „um 2010 eine Gegenbewegung eingesetzt: Wenn wir immer nur zweitklassig sein sollen, dann müssen wir uns eben wieder mehr auf unsere nationalen Eigenheiten besinnen.“
Schon nach der großen Finanzkrise 2008/9 habe man gedacht: O.k., in diesem globalen Modell gibt‘s auch viele Verlierer. Lanz sichtlich erstaunt: „Und dann beginnt die Hinwendung zu Moskau?“ Das wollte Oschmann zwar nicht bestätigen, nannte aber als Grund eine „Identifikation mit dem historischen Verlierer“. Der Professor: „Dass man sagt, wir sind historische Verlierer und identifizieren uns mit dem großen Verlierer, nämlich mit Putins Russland, das wäre eine mögliche Erklärung.“
„Mir leuchtet diese Erklärung nicht ein“
Widerspruch! „Mir leuchtet diese Erklärung nicht ein“, erwiderte FAZ-Autor Reinhard Bingener (47), denn „sie läuft ja letztlich darauf hinaus, dass der Westen jetzt auch noch an der Russland-Liebe in gewissen Teilen Ostdeutschlands schuld sein“ solle. „Das habe ich nicht gesagt“, wehrte sich Oschmann. „Etwas verkürzt schon!“, beharrte Bingener und mahnte, man müsse schon darauf achten, „wem solche Argumentationsmuster in die Hände spielen.“ Denn: „Ich finde es richtig, dass die EU darauf achtet, dass Beitrittskandidaten Kriterien erfüllen. Das müssen funktionierende Rechtsstaaten mit einer funktionierenden Ökonomie sein. Das ist ganz wichtig, dass wir stabil bleiben.“
Seine Analyse: „Wenn es um Russland geht, ist es ja schon auffällig, dass wir in anderen osteuropäischen Staaten eine sehr ausgeprägte Furcht und auch einen klar ausgeprägten Widerstandswillen gegen den russischen Imperialismus erleben.“
„Ich habe das Gefühl, je näher man (an Russland) rankommt, desto ausgeprägter ist das, weil die verstehen, mit wem sie es zu tun haben“, bestätigte Lanz. „Weil sie auch viele historische Erfahrungen gemacht haben“, erinnerte Oschmann. „Die hat Ostdeutschland auch“, konterte Bingener. „Die Probleme, über die wir sprechen, die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen Ost und West sind das Erbe von Planwirtschaft und ihren Folgen. Und da ist es schon eine gewisse Spaltung, wenn die Zuwendung zu Russland ausgerechnet dort so stark ist, wo man am meisten darunter gelitten hat.“