Palma de Mallorca – Braune Vergangenheit am Ballermann. Sieben Monate, bevor Hitler am 30. Januar 1933 in Berlin die Macht ergriff, gründete sich auf Mallorca eine Ortsgruppe der NSDAP. Ihr Sitz befand sich in einem Chalet in Palma in der Calle Dos de Mayo 48 im Stadtteil El Terreno. Auf der Insel lebten damals jüdische Flüchtlinge und Gegner Hitlers in unmittelbarer Nähe zu deutschen Residenten, die sich den örtlichen NSDAP-Strukturen anschlossen.
Erster Vorsitzender der NSDAP in Palma de Mallorca war der deutsche Hotelier Heribert Bayer. Beschlagnahmte Unterlagen des deutschen Konsulats in Barcelona nennen für Mallorca fünf weitere lokale Gruppen: in Muro, Sóller, Cala Ratjada, Formentor und Santa Ponça. Diese Dokumente verzeichnen 35 NSDAP‑Mitglieder auf der Urlaubsinsel. Der Historiker Alexander Sepasgosarian („Mallorca unterm Hakenkreuz“) kommt nach seinen Recherchen im Bundesarchiv dagegen auf 55 Mitglieder.
3000 NSDAP-Mitglieder in Spanien
Nach einem Bericht der deutschsprachigen Balearen-Zeitung „Der Herold“ vom 8. Oktober 1933 lebten damals „annähernd dreitausend Deutsche“ in Palma. „Einer der meistbesuchten Orte der Hakenkreuz-Anhänger in Palma war die Plaza Gomila. Dort befand sich das Café Oasis, das von einem Deutschen geführt wurde, der als Leiter der Gestapo, der geheimen nationalsozialistischen Polizei, auf der Insel galt“, heißt es in einer Studie („Estudis de Memòria Democràtica“) der demokratischen Erinnerungskultur der Regierung der Balearen. In ganz Spanien hatte die NSDAP etwa 2500 bis 3000 Mitglieder.
Kleinkrieg in der Hitler-Partei
Im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes in Berlin sind historische Akten über die NSDAP auf Mallorca und den deutschen Konsul Hans Dede (1990–1991) überliefert, die BILD einsah. Die Unterlagen dokumentieren Beschimpfungen und einen Kleinkrieg innerhalb der NSDAP-Ortsgruppe auf der Baleareninsel. Konsul Dede und Walter Rup, Gründungsmitglied und später Leiter der NSDAP auf Mallorca, lieferten sich einen erbitterten Machtkampf mit gegenseitigen Anschuldigungen. Konsul Dede war seit Februar 1934 Mitglied der NSDAP. Seine Karteikarte mit der Angabe „Palma de Mallorca“ als Wohnsitz ist in den 12,7 Millionen digitalisierten NSDAP-Karten zu finden, die mit BILDplus jetzt ganz einfach durchsuchbar sind.
Zunächst gab es in der NSDAP auf Mallorca offenbar noch keine internen Streitereien. In einer Stellungnahme an den Landesschlichter der Hitler-Partei in Madrid schrieb Konsul Dede 1941, dass von 1933 bis Sommer 1936 das „denkbar beste Verhältnis“ zwischen der Partei und dem Konsulat geherrscht habe. Dies habe sich erst mit dem „Auftreten des Parteigenossen Rup“ Ende Juni 1936 „mit einem Schlage“ geändert.
Der große Krach entzündete sich im Juni 1936 an der Deutschen Schule: Dedes Freund Paul Esch-Hörle sollte als Vorsitzender des Schulvorstands durch Baron Kurt von Behr ersetzt werden, der Gestapo-Agent war und später eine führende Rolle beim Kunstraub der Nazis an der jüdischen Bevölkerung in Frankreich spielte. Sogar der NSDAP-Landesgruppenleiter Hellermann kritisierte Rups Vorgehen: Dessen Wahlvorschlag hätte „unter keinen Umständen zur Abstimmung kommen dürfen“.
Am 2. Februar 1938 eskalierte eine NSDAP‑Parteiversammlung auf Mallorca. Laut den historischen Unterlagen aus dem Auswärtigen Amt nannte ein „Parteigenosse“ Rup einen „Stänkerer“ und bezeichnete dessen Aussagen als „Schwindel“. Auch Dede und ein Parteianwärter Schwarz gerieten aneinander. Dede soll erklärt haben, Schwarz habe „ein paar Ohrfeigen verdient“. Rup sprang schließlich auf die Bühne und „schrie aus Leibeskräften“.
Ortsgruppenleiter als Dieb beschuldigt
1940 erreichte der Streit in der NSDAP auf Mallorca einen neuen Höhepunkt. In einer Anschuldigungsschrift vom 27. Oktober 1940 wurde Dede vorgeworfen, Rup im Juni 1940 vor Zeugen als „ein Lump und ein Gauner“ bezeichnet zu haben. Außerdem soll Dede versucht haben, Rup als Ortsgruppenleiter absetzen zu lassen. In einer Stellungnahme an den Landesschlichter der NSDAP schrieb Dede am 17. Januar 1941 über Rups Vergangenheit: Als Koch im Hotel Royal sei Rup „wegen Küchendiebstahls fristlos entlassen“ worden. Später habe die Polizei ihn „wegen Widerstands gegen einen Polizeibeamten“ verhaftet.
Doch bei allem internen Zoff blieb die NSDAP auf Mallorca Teil eines gefährlichen Überwachungsapparats der Nazis auf der Sonneninsel. Das Buch „Mallorcas vergessene Geschichte“ beschreibt ein „braunes Netz“, in dem Spitzel politische Gegner, Emigranten und sogar andere Parteigänger beobachteten. Es sollen auch Deutsche durch Gestapo-Spitzel von der Insel verschleppt worden sein. Im Archiv des Auswärtigen Amtes gibt es einen Spitzelbericht, der Hitler-Gegner und Juden auf der Insel denunziert.
Alliierte verlangten Auslieferung
Er schreibt: „Konsul Dede, der anfangs wohl noch beinahe auffällig gewisse Emigranten (ganz besonders auch jüdische Emigranten) stark protegierte, hat sich, soweit ich beobachten konnte, diesbezüglich nun wohl gebessert und seine Tätigkeit als Nationalsozialist energischer aufgenommen.“ Der Konsul blieb auch nach dem Krieg in Spanien. Antifaschisten erhoben schwere Vorwürfe gegen ihn. Carlos Collado Seidel (60), Historiker und Professor an der Uni Marburg: „Dede gehörte zu der Gruppe von Personen, welche die Alliierten nach dem Krieg vorrangig nach Deutschland repatriieren wollten. Er wird auch auf der letzten Liste vom Herbst 1947 geführt, die dann nur noch 104 Namen enthielt.“