Kultur

Kiel ist auch nicht mehr das, was es war

Kiel ist auch nicht mehr das, was es war

Vielleicht kommt er ja noch mal wieder, Klaus Borowski, der eigenwillige Koloss von Kiel. In Kiel kommen Menschen ja gern mal wieder im „Tatort“. Mörder zum Beispiel. Lars Eidinger zum Beispiel. Der war Kai Korthals, der Mann, der sich als stiller Gast in die Wohnungen von Frauen schmuggelte und sie dann umbrachte. Und Axel Milberg alias Klaus Borowski hat ihn zur Strecke gebracht. Dreimal.

Borowski, für den man im Norddeutschen Rundfunk ein eigenes „Tatort“-Kommissariat erfand, das er 22 Jahre bewohnte, in dem er 44 Fälle löste und drei Frauen an seiner Seite fast erdrückte. Jetzt sitzt er im Knast, der Klaus, seit anderthalb Jahren tut er das, seit „Borowski und das Haupt der Medusa“ – der Geschichte, die Borowski-Erfinder Sascha Arango schrieb und Lars Kraume ins Bild brachte.

Axel Milberg hielt die Geschichte des sonderbaren Kauzes von Kommissar für auserzählt. Womit er wohl recht hatte. Borowski war ein altmodischer Kommissar der alten Schule, Verbrennerfahrer, seltsam, einsam, sozial eher inkompatibel, aller modernen Technik abhold. Ein jüngerer Bruder von Kurt Wallander und Martin Beck, ganz alte Nordic-noir-Schule. Alle seine Ermittlungen trugen – wie sonst nur noch die von Ulrich Tukurs als Wiesbadener Kommissar Felix Murot – seinen Namen.

Dann fuhr er ein in die Justizvollzugsanstalt. Jetzt soll er in Pension sein. Seitdem war Zeit genug, Abstand zu gewinnen und Anschluss an die Moderne. Zeit genug aber auch, es ein wenig mit der Angst zu bekommen. Mit der Angst um Almila Bagriacik alias Mila Sahin. Die letzte Kommissarin im Schatten des Klaus Borowski. Eine von zwei Frauen mit migrantischem Hintergrund im „Tatort“.

Der billigte man – das kann man bedenklich finden – nicht das große Ego des Klaus Borowski zu und ließ das „Borowski und…“-Prinzip leise sterben. Das Kieler „Tatort“-Team komplett sterben zu lassen wie das Frankfurter Ermittlerduo Brix und Janneke wollte man allerdings auch nicht.

Almila Bagriacik spielt sich frei

So darf, muss sich Bagriaciks Kommissarin Sahin erst einmal allein durchkämpfen. Über Karriere nachdenken, über ihre Position als Polizistin mit migrantischem Hintergrund in einer zunehmend xenophoben Gesellschaft und wie man das Vertrauen zurückgewinnen, die Gesetzeshüter wieder näher an jene anbinden kann, die vom Konsum sogenannter sozialer Medien zunehmend zu sozialen Zombies gemacht werden und möglicherweise gar nicht behütet werden wollen.

Das ist schon mal sehr schön. Almila Bagriacik kann sehr viel mehr, als sie es neben Axel Milberg können durfte. Ganz allein lassen wollte man sie allerdings dann doch nicht. Was auch sehr schön ist. Weil es Karoline Schuch ist, die man ihr als Kriminalpsychologin Ellie Krieger zur Seite stellte. Schneeweißchen und Rosenrot. Die Frau aus Brandenburg und die Frau, deren Eltern ständig kontrolliert wurden, wenn sie irgendwo hinfahren wollten. Die aggressive, intuitive Frau mit dem Engagement für die türkische Community und die kühle Analytikerin, die erst verstehen und dann zuschlagen will.

In „Unter Freunden“, dem ersten Post-Borowski (und dem ersten einer Doppelfolge – „Unter Feinden“ läuft am kommenden Sonntag) dürfen sie sich das alles erklären. Und Bagriacik und Schuch tun es in einem Dialog-Duell, das schon mal sehr viel Lust macht auf alles, was in den potentiell 22 Jahren in Kiel passiert.

Nicht nur Borowskis Posten ist frei geworden, sondern auch der des Dienststellenleiters muss neu besetzt werden. Sahin will ihn haben und doch wieder nicht. Aber jetzt biegen wir schon in die interessanteren Ebenen von „Unter Freunden“ ab. Die haben mit dem Tod von Francesca Polidoro eher nichts zu tun.

Womit wir bei dem Problem von „Unter Freunden“ wären. Beim Plot. Francesca Polidoro arbeitete in der Buchhaltung von Prometheus. Die stellen Präzisionsobjektive für den Einsatz im Weltall her. „See beyond“ heißt ihr Slogan – was man durchaus als Motto der zukünftigen Arbeit von Sahin und Krieger verstehen kann. Irgendwas stimmt bei Prometheus aber nicht.

Kann sein, dass die Mafia ihr Geld im All wäscht. Und Francesca hat es herausgefunden. Dann schwimmt sie tot in der Kieler Förde. Dann hängt ihr Lebensabschnittsfreund tot in der Wohnung. Selbstmord war es nicht. Die Mörder kennen wir. Das tut der Spannung keinen Abbruch. Nicky hatte ein Gewaltproblem gegenüber den Frauen seines Lebens. Aber das interessiert Lars Kraume nicht sehr.

Weil „Unter Freunden“ ein Polizeifilm ist, keine Opfergeschichte verfolgt. Das ist nicht ganz neu. Dominik Graf macht – französischen Kino-Spuren folgend – in „Tatort“ und „Polizeiruf“ im Prinzip nichts anderes seit Jahrzehnten. Grafs Niveau, seine Dringlichkeit, auch seine ästhetische Aufgeregtheit erreicht „Unter Freunden“ nicht.

Trotzdem sitzt man da, kann hineingezogen werden durch den Sog der Handkamera-Bilder, der nachtkalten Ansichten von Kiel, das noch nie so nach Metropole aussah wie hier. Und folgt den Laufwegen von Kraumes Cast, dem man alles verzeiht, sogar einen halben Plot.

Ein Hoch auf Lilith Stangenberg

Die ganze Geschichte wäre nichts ohne die fiebrige Idee, Anna Nowak zu erfinden. Die war mal in Berlin. Die war mal die Bestbuddy von Mila. Jetzt ist die Kommissarin in Kiel und sowas von bereit für Nicht-Berlin, sagt sie. Nervös, reizbar, gefährdet, ein Pulverfass. Lilith Stangenberg ist Anna Nowak und allein sie ist in ihrer Flickerigkeit, in ihrer Dünnhäutigkeit, ihrer tänzerischen, süchtigmachenden, süchtigen Ambivalenz jeden Gebührencent wert.

Weil Mila nicht so wahnsinnig viel Ahnung von Wirtschaft hat – was man doch sehr verstehen kann –, bittet sie die Kollegen vom LKA um Hilfe. Jan Kuper arbeitet da in der Wirtschaftsabteilung. Kuper ist Legende in Hamburg, weil er sich – heißt es – auf St. Pauli gerade nicht hat bestechen lassen. Irgendwas stimmt mit diesem Kerl aber auch nicht. Sven Schelker ist Jan Kuper. Ein Mann von mörderischer Blauäugigkeit. Weltmeister der Zwielichtigkeit. Man kommt gar nicht los vom tödlichen Pas-de-Deux von Anna und Jan.

Die Handkamera wackelt um sie herum. Und blickt immer tiefer in einen Abgrund von Korruption, um falsche, fehlgehende Freundschaften und Abhängigkeiten. Um all das Sozialzeug, all das Menschliche, das bei Borowski nicht so eine übermäßige Rolle spielte.

Kiel sieht so cool und metropolitan aus wie. Das letzte Bisschen Butzenglashaftigkeit ist wie weggeblasen. Das ist das. Allerdings nicht so unverwechselbar, wie es noch die Borowskis waren. Könnte überall sein. Soaufregend, wie es noch der Neustart in Frankfurt war nach dem explosiven Liebestod von Janneke und Brix ist es nicht. Aber vielleicht warten wir erstmal ab.

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