Berlin/New York – Es klingt wie das Drehbuch eines Polit-Thrillers – doch Kanadas Regierung hat offenbar tatsächlich für den Ernstfall geplant: eine mögliche Invasion durch die USA. Kanadas Premierminister Mark Carney (61) bestätigte in einem Interview mit der „New York Times“, dass seine Regierung angesichts der eskalierenden Spannungen mit den USA auch dieses extreme Szenario durchgespielt habe.
„Ich denke, man trägt in diesen Ämtern die Verantwortung, auch extreme Risiken zu betrachten“, sagte Carney am Mittwoch am Rande der UN-Generalversammlung. Das sei schlicht „Risikomanagement“. Eine US-Invasion sei zwar nicht das wahrscheinlichste Szenario, so Carney – „aber es wäre unverantwortlich, es nicht zu berücksichtigen“.
Carney äußerte sich nur eine Woche nachdem EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (67, CDU) Kanada eine engere Anbindung an die Europäische Union vorgeschlagen hatte. Kanada könnte demnach einen Status als assoziiertes Mitglied der 27-Staaten-Gemeinschaft erhalten. US-Präsident Donald Trump bezeichnete den Vorstoß als möglichen „feindseligen Akt“.
Zollstreit sorgt für explosive Stimmung
Fakt ist: Die Beziehungen zwischen Washington und Ottawa sind ohnehin schwer belastet. Am 22. August verhängten die USA Zölle von 50 Prozent auf kanadische Waren im Wert von schätzungsweise 28 Milliarden Dollar – darunter Bier, Käse und Elektronik.
Carney reagierte damals mit drastischen Worten. Kanada sei „angegriffen“ worden. Sinngemäß sagte er: Wenn man angegriffen werde, befinde man sich im Krieg. Kanada habe jedoch Reserven, Widerstandskraft, einen Plan und den nötigen Fokus, um darauf zu reagieren.
Trump reagierte seinerseits mit einer ungewöhnlichen Provokation: Er unterzeichnete eine Anordnung, den Namen des Lake Ontario in „Lake America“ zu ändern. Zudem drohte er mit höheren US-Zöllen auf kanadische Autos, Lastwagen und Autoteile ab dem 1. Januar. Schon unter Carneys Vorgänger Justin Trudeau (54) hatte Trump wiederholt damit gespielt, Kanada könne zum 51. US-Bundesstaat werden. Trudeau bezeichnete er dabei sogar spöttisch als „Gouverneur“.
Längste unverteidigte Grenze der Welt
Dabei verbindet die beiden Länder eigentlich eine jahrzehntelange enge Partnerschaft – und die längste unverteidigte internationale Grenze der Welt. Doch die Militärs beider Staaten haben sich historisch durchaus mit dem Szenario eines Krieges beschäftigt.
Nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte Kanada den sogenannten „Defence Scheme No. 1“. Der Plan sah für den Fall eines Konflikts zwischen den USA und dem Britischen Empire sogar einen präventiven kanadischen Angriff auf die USA vor. Auch Washington hatte einen eigenen Plan in der Schublade: „Plan Red“. Das US-Kriegsministerium entwickelte ihn als eines von mehreren hypothetischen Szenarien für einen möglichen Krieg mit Kanada.
Klar ist: Heute wäre das militärische Kräfteverhältnis zwischen den beiden Nachbarn allerdings enorm unterschiedlich. Die USA verfügen über rund 1,3 Millionen aktive Soldaten in ihren sechs Teilstreitkräften. Kanada kommt auf etwas mehr als 100.000 reguläre und Reservekräfte.