Der Mann, dessen Freiheit auf dem Spiel steht, lässt sich abschalten. Außerdem kann er sprechen, Fragen beantworten, seine Wünsche äußern, er hat Kollegen, die ihn schätzen, und Aufgaben, die er gewissenhaft erfüllt. Der Mann, dessen Freiheit auf dem Spiel steht, ist eine Maschine. Ein Android. Und der soll nun auseinandergenommen und studiert werden. Der Mann, der eine Maschine ist, will das nicht, doch die Frage, die sich stellt, ist die Frage, ob der Wille einer Maschine überhaupt relevant ist?
Wenn es nach dem Verteidiger dieser Maschine geht, ist er das. Denn was sagt es über uns Menschen aus, wenn wir ein Wesen, das uns dient, deshalb auch zu unserem Eigentum erklären? Der Verteidiger heißt Jean-Luc Picard, die Maschine, über die verhandelt wird, ist Data. Data ist ein Android, der als Offizier auf dem Raumschiff Enterprise dient, Picard sein Captain. Wir befinden uns in einer Folge von „Star Trek: Das nächste Jahrhundert“.
In der Episode „Wem gehört Data?“ wird aus einem Streit über künstliches Leben eine Verhandlung über die menschliche Würde. Patrick Stewart, der Picard spielt, führt sie mit dem Ernst eines Schauspielers, für den auch im Weltraum die großen Fragen des Theaters gelten, die am Ende auch die großen Fragen unserer Existenz sind.
Als Picard verkörperte Stewart eine Hoffnung
Es war eine besondere Begabung dieses Mannes, dass man ihm dabei jedes Wort abnahm. Stewart konnte in einer futuristischen Uniform vor einem Androiden stehen und einer Szene das Gewicht eines klassischen Dramas verleihen. Als Picard verkörperte er die Hoffnung, dass sich Macht mit Bildung, Besonnenheit und Gewissen ausüben lässt. Millionen von Menschen wären diesem Captain wahrscheinlich gern gefolgt. Patrick Stewart machte Anstand charismatisch.
Nun ist der britische Schauspieler im Alter von 86 Jahren gestorben. Mit ihm verliert die populäre Unterhaltung einen Darsteller, der ihren manchmal ziemlich unwahrscheinlichen Welten etwas ungemein Glaubwürdiges gab. Einen Menschen, dem man vertraute.
Dabei war die Ruhe, die Stewart auf dem Bildschirm ausstrahlte, keineswegs die selbstverständliche Fortsetzung einer behüteten Kindheit. Geboren wurde er am 13. Juli 1940 in Mirfield, Yorkshire, in einfachen Verhältnissen. Seine Mutter arbeitete in der Textilindustrie, sein Vater war Soldat. Zu Hause erlebte Stewart, wie sein Vater gegenüber seiner Mutter handgreiflich wurde. Die Gewalt gehörte zu seinem Alltag. Als Junge lernte er eine Form von Autorität kennen, die Angst erzeugte und die Menschen in ihrer Nähe klein machte. Das Theater beschrieb er als einen Ort, an dem er dem unsicheren Alltag entkommen konnte.
Ein Stipendium ermöglichte ihm die Ausbildung an der Bristol Old Vic Theatre School. Es wäre zu einfach, aus dieser Kindheit unmittelbar jenen Captain herzuleiten, den er Jahrzehnte später spielen sollte. Bemerkenswert bleibt die Gegenüberstellung dennoch. Picard musste seine Überlegenheit selten vorführen. Seine Autorität bestand darin, dass er sich selbst beherrschte. Er konnte zuhören, einen Einwand gelten lassen, seine Entscheidung überprüfen. In seiner Gegenwart durfte jemand anderer Meinung sein, ohne deshalb zum Feind zu werden. Stewart machte daraus eine Haltung, die sich in einem Blick, einer Pause, einer kleinen Veränderung der Stimme mitteilte.
Ein Shakespeare-Schauspieler in einer Weltraumserie
Das Handwerk dafür hatte er über Jahre auf der Bühne gelernt. 1966 kam er zur Royal Shakespeare Company. Lange bevor ein internationales Fernsehpublikum sein Gesicht kannte, war Stewart ein Schauspieler des klassischen Repertoires, geschult an Figuren, deren öffentliche Macht und private Zweifel sich nur schwer voneinander trennen lassen. Als er 1987 mit „Star Trek: Das nächste Jahrhundert“ auf die Enterprise kam, brachte er diese Erfahrung mit. Die Zukunft bekam einen Captain, der wirkte, als hätte er die Konflikte der vergangenen Jahrhunderte gründlich studiert.
Darin lag auch der eigentümliche Reiz seiner Besetzung. Ein Shakespeare-Schauspieler in einer Weltraumserie, umgeben von blinkenden Konsolen, fremden Planeten und gelegentlich sehr erkennbar verkleideten Menschen: Das hätte leicht eine Geschichte gegenseitiger Peinlichkeit werden können. Stewart aber spielte, als verdiente diese Welt seinen vollständigen Ernst. Wenn ein Android um seine Freiheit kämpfte, dann stand dessen Freiheit auf dem Spiel. Die Maske seines Gegenübers war kein Grund, den Konflikt dahinter weniger wichtig zu nehmen.
Damit nahm er auch die Zuschauer ernst. Ja, man konnte „Star Trek“ einschalten, weil man sich unterhalten lassen wollte und fand sich am Ende doch bei der Frage wieder, welche Rechte einem künstlichen Wesen zustehen. Stewart verlieh solchen Überlegungen eine Dringlichkeit, die über das gedankliche Experiment hinausging. Er ließ spüren, dass eine Entscheidung Folgen hatte. Seine Bildung war dabei kein Schmuckstück, das er vor dem Publikum ausbreitete, sie wurde zum Werkzeug einer Figur, die versuchte, verantwortlich zu handeln.
Und Picard blieb bei aller Vorbildlichkeit ein Mensch, mit dem Nähe nicht immer einfach war. Seine Förmlichkeit konnte Distanz schaffen, seine Selbstkontrolle etwas Einsames haben. Gerade diese Verschlossenheit gab den Momenten Gewicht, in denen sie nachließ. Stewart musste wenig zeigen, damit man ahnte, wie viel unter der Oberfläche lag. Die Würde seiner Figur hielt auch Zweifel und Verletzungen aus. Das machte sie nicht bloß beim Publikum beliebt, das machte sie und die Serie unsterblich.
Mit Professor Charles Xavier, den er ab 2000 in den „X-Men“-Filmen spielte, fand Stewart eine weitere populäre Rolle für diese besondere Mischung aus geistiger Kraft und väterlicher Autorität. Als Mentor von Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten war er wieder ein Lehrer, ein Beschützer, jemand, der Macht an Verantwortung binden wollte. Auch hier half seine Präsenz dabei, einer fantastischen Welt menschliches Gewicht zu geben.
Als Stewart 2020 in „Star Trek: Picard“ zu seiner berühmtesten Figur zurückkehrte, war das Alter selbst Teil der Geschichte geworden. Der frühere Captain lebte zurückgezogen auf seinem Weingut. Die vertraute Position auf der Kommandobrücke, von der aus er einst die Welt ordnete, stand ihm nicht mehr selbstverständlich zur Verfügung. Die Serie musste die Frage beantworten, was von einem Mann bleibt, dessen Autorität so lange auch mit seinem Amt verbunden war, wenn dieses Amt Vergangenheit ist?
Die Antwort fiel erzählerisch nicht immer überzeugend aus. Zwischen großen Bedrohungen, komplizierten Wendungen und dem Bedürfnis, die eigene Seriengeschichte wieder aufzurufen, wurde manches unnötig umständlich. Stewart jedoch gab der Rückkehr einen Sinn, der über das Wiedererkennen hinausging. Sein Picard war sichtbar älter, verletzlicher, stärker auf andere angewiesen. Man konnte ihm ansehen, dass auch ein Mensch, der anderen lange Orientierung gegeben hat, selbst Halt braucht.
In der letzten Staffel führte die Serie die vertraute Mannschaft wieder zusammen. Und in ihrer Abschiedssequenz von 2023 saßen diese Menschen schließlich beim Poker: Picard, seine alten Weggefährten, auch Data, älter geworden, noch immer miteinander verbunden. Zuvor erhob Picard das Glas und zitierte aus Shakespeares „Julius Caesar“. Selbst an diesem Tisch, am Ende eines langen Weltraumabenteuers, hatte der alte Theatermann noch einmal seinen Auftritt.
Es war ein passendes Bild für das, was Patrick Stewart gelungen war. Shakespeare und ein Kartenspiel unter Freunden, die großen Worte und die Wärme eines vertrauten Gesichts gehörten bei ihm ganz selbstverständlich zusammen. Man hatte ihm über Jahrzehnte dabei zugesehen, wie er das Universum bereiste. Am Ende genügte es, noch ein wenig mit ihm am Tisch zu sitzen.