Berlin – Die Empörung über Friedrich Merz (70, CDU) reißt nicht ab. In der RTL-Debatte mit Kinderärztin Dr. Maria Bea Merscher (39) hatte der Kanzler Ärzte als Teil des Gesundheitssystems und damit auch als dessen „Nutznießer“ bezeichnet.
Besonders emotional reagiert die Ärztin Emilie Strzoda. Sie erinnert an die Corona-Pandemie, als Ärzte und Pflegekräfte bundesweit gefeiert wurden: „2021 wurden wir beklatscht: ‘Systemrelevant‘ nannte man uns. ‘Helden der Pandemie‘. 2026 nennt uns Friedrich Merz ‘Nutznießer' unseres eigenen Gesundheitssystems“. In den fünf Jahren habe sich „nichts verbessert“, klagt die Braunschweiger Ärztin. „Der Personalmangel ist geblieben. Die Überstunden sind geblieben. Die überfüllten Notaufnahmen sind geblieben. Nur die Wertschätzung ist verschwunden – ersetzt durch Kürzungen.“
Auch Dr. Michael Dördelmann, Chefarzt der Kinderarztpraxis Flensburg, weist den Vorwurf zurück. „Wir tragen dieses System, Herr Bundeskanzler. Mit unbesetzten Stellen, mit Nachtdienst, mit dem täglichen Kampf um jede einzelne Stelle und jedes einzelne Bett.“
Frauenarzt Dr. Marcus Fischdick wird noch deutlicher. Seine Botschaft an Merz: „Was erlauben Sie sich eigentlich?“ Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger seien das Gesundheitssystem selbst. Fischdick weiter: „Herr Merz, es wird Zeit, dass Sie abtreten.“
Hat Kanzler Merz Unrecht?
Der Bielefelder Gesundheitsökonom Wolfgang Greiner (61) zu BILD: „Ich sehe da keinen Widerspruch. Natürlich sind die Leistungen von Ärzten angemessen zu vergüten.“ Gleichzeitig profitierten Ärzte auch von einem System mit einheitlichen Qualitätsstandards und vergleichsweise einfachen Abrechnungswegen.
Auch Prof. Nicolas R. Ziebarth (44, Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung) gibt dem Kanzler recht. „Die Aussage des Bundeskanzlers ist absolut vertretbar.“ Ärzte gehörten wirtschaftlich zu den privilegiertesten Berufsgruppen Deutschlands. Angestellte Mediziner erzielten im Durchschnitt ein sechsstelliges Jahreseinkommen, der durchschnittliche Reinertrag von Praxisinhabern liege bei „gut 230.000 Euro“ vor Steuern und Altersvorsorge. Gleichzeitig werde das System überwiegend durch die Pflichtbeiträge von Arbeitnehmern und Arbeitgebern finanziert.
Fakt ist: Für viele Ärzte klingt „Nutznießer“ wie ein Schlag ins Gesicht. Für manche Gesundheitsökonomen beschreibt der Begriff dagegen nur die Realität. Der neue Gesundheitsminister Carsten Linnemann (49, CDU) wollte sich auf BILD-Anfrage nicht äußern.