Politik

Mail von Martenstein: Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Merz!

Mail von Martenstein: Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Merz!
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Ich habe Sie beim Wahlkampf an der Ostsee gesehen, in Kühlungsborn. Klar, eine schwierige Situation für Sie. Wieder einmal haben Sie nicht die richtigen Worte gefunden. Es fällt Ihnen schwer, auf Leute zuzugehen. Sie reden von oben herab, oft mit gestrecktem Zeigefinger. Ihre Körpergröße ist kein Vorteil in diesem Job. Die Leute haben das Gefühl, nicht gemocht zu werden von Ihnen.

Man ist, wer man ist. Aber dann kommen Fehler dazu, die einem Profi nicht passieren sollten. Die Drohung, dass Firmen nicht mehr im Osten investieren, falls dort die AfD regiert, war so ein Fehler. Sie müssten werben, statt zu drohen. Sie müssten signalisieren: Ich halte euch, die Wähler, nicht für Voll­idioten. Stattdessen warnen Sie vor „Wutbürgern“. Das ist ein autoritäres Scheißwort.

Es wurde zum ersten Mal benutzt, um die Demonstranten gegen das irrsinnige Bahnprojekt „Stuttgart 21“ pauschal zu diffamieren. Dann wurde es gegen Kritiker der Coronamaßnahmen in Stellung gebracht. Der Philosoph Peter Sloterdijk hat sinngemäß geschrieben, dass mit diesem Wort legitimer Unmut als bloße „Wut“ lächerlich gemacht werden soll.

Wer im Osten unbedingt gehasst werden will, sollte das Wort „Wutbürger“ verwenden. Sie werden das nicht gern hören, aber: Ihnen fehlt der Instinkt, den Angela Merkel hatte, wenn sie aufs Volk traf. Ich bin kein Merkel-Fan. Aber sie konnte Wärme zumindest gut simulieren und wusste nicht immer, aber oft, wo die Fettnäpfchen stehen. Hochachtungsvoll Ihr Harald Martenstein

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