Du liebe Güte! Ein Hemingway-Roman! Geht’s noch? Geht’s noch toxischer? Ist dieses Großmaul, das sich gönnerhaft „Papa“ nennen ließ, nicht der Inbegriff dessen, was heute als fatale „Cis-Männlichkeit“ betrachtet wird? Ein Typ, der, wo er ging und stand, den Macho raushängen ließ, der boxte und jagte, Schlägereien vom Zaun brach, Frauen verschliss, Freunde runtermachte und, nachdem er zu viel gesoffen und Raubbau an seiner Gesundheit getrieben hatte, sich die Kugel mit sechzig gab, als er schon wie achtzig aussah – ist der nicht einfach nur krank?
Natürlich. Ja. Einerseits. Andererseits fiel aber schon den Zeitgenossen des Literaturnobelpreisträgers von 1954 auf, dass mit der Selbstinszenierung zum berserkerhaften Draufgänger bei einem Autor, der ja doch ein paar Meisterwerke geschrieben hat, etwas nicht stimmen kann. Als Erster hat es Gore Vidal auf den Punkt gebracht, seinerseits ein Autor, openly gay, der das Leben kannte, und dem zu Hemingway einfiel: „Gebt einer Sissi eine Kanone in die Hand, und sie wird hysterisch auf alles schießen, was ihr vor die Flinte kommt.“
Längst hat sich in der Hemingway-Forschung diese Sicht durchgesetzt: Der Mann, der mit dem lebensprallen Roman „Fiesta“ begann und in den letzten 20 Jahren seines Lebens kaum noch einen Text zu vollenden vermochte, war tief gestört. Weil er etwas kompensieren wollte oder musste, das ihn offenbar immer stärker bedrängte: ein Defizit ungebrochener, „gesunder“ Männlichkeit sowie eine von der Hetero-Norm abweichende Sexualität.
Andeutungsweise hat er sie sogar in einem späten Text thematisiert, der erst Jahrzehnte nach seinem Tod und stark bearbeitet herauskam. Gemeint ist der Roman „Der Garten Eden“. Hier wird geschildert, wie eine Ehe daran zerbricht, dass eine Catherine ein Peter sein und ihren Mann zur Catherine machen will, zumindest im Bett. Im Unterschied zu diesem Roman war es im wirklichen Leben aber anscheinend Hemingway selbst, der seinen Frauen im Bett eine Catherine sein wollte.
Nun ja. Verwickelte Alkovengeschichten und noch dazu ein bisschen unappetitlich. Aber sie passen ja sehr gut in unsere Zeit, da „Geschlechterrollen“ nicht nur „hinterfragt“, sondern möglichst auch „aufgebrochen“ werden, da „Genderfluidität“ großgeschrieben wird und man nicht mehr zögert, sich umoperieren zu lassen, wenn man sich „im falschen Körper“ wähnt. Und war nicht sogar Hemingways jüngster Sohn Gregory, in radikaler Fortführung von „Papa“, schon eine „Transperson“, die als Gloria durchs Leben ging, aber trotzdem mit vier Frauen acht Kinder in die Welt setzte? „We come from a strange tribe“, soll sein Vater das kommentiert haben.
Michael Kleeberg über Ernest Hemingway
So erzählt es jedenfalls Michael Kleeberg in seinem neuen Buch. Es handelt sich um ein amüsantes Hybrid, um eine postmoderne Spielerei, die munter, bisweilen drastisch und mit jenem Hang zur knalligen Kolportage, vor der Kleeberg nie Berührungsängste hatte, die Geschichte eines Mannes erzählt, der sein Leben Hemingway gewidmet hat. Als Leser, Literaturwissenschaftler und, nun ja, Liebhaber. Sein Name: „Dr. Michael Kleeberg“. Der Mann, der 1998 mit dem Großroman „Ein Garten im Norden“ die sogenannte „Neue Erzählbarkeit“ auf ihren ersten Höhepunkt geführt hat und seitdem mit vielen anderen belletristischen Arbeiten Furore machte (zuletzt 2023 mit „Dämmerung“, dem Abschluss seiner „Karlmann-Trilogie“ über einen modernen Jedermann, „der die Tröstungen der Kunst nicht kennt“).
Michael Kleeberg treibt hier seine selbstironischen Possen mit der grassierenden Autofiktion. Und eine davon ist, dass er sich gleich mal selber promoviert. „Dr. Michael Kleeberg“ also. Leider ist die Figur, abgesehen von den ersten Kapiteln, nicht sonderlich interessant ausgearbeitet. Ihre Bisexualität wird mehr behauptet als geschildert. Dass sie im Lauf der Handlung zum depressiven Alkoholiker degeneriert, wirkt alles andere als schlüssig. Ihr Tick, mit Hemingway wetteifern zu wollen, kommt einem geradezu absurd vor. Weder Michael Kleeberg noch Dr. Michael Kleeberg können mit den Pfunden wuchern, die Hemingway nun mal so einzigartig machen.
Als der jung war, sah er einfach fantastisch aus. So was erleichtert auch für Männer vieles. Vor allem beim Start. Und als Hemingway später literarisch in Form war, beherrschte er die hohe Kunst der lakonischen Verknappung wie kein Zweiter. Dr. Kleeberg hingegen trägt stilistisch gern zu dick auf.
Was das Buch gleichwohl spannend, aufwühlend und erregend macht, ist die akribische, bisweilen mit großer detektivischer Lust betriebene Suche nach „Hemingways letztem Geheimnis“, wie der Untertitel von „Achilles in Taormina“ lautet. Hier soll jetzt nicht gespoilert werden, aber soviel sei gesagt: Wie mancher sich vielleicht aus seiner Gymnasialzeit noch erinnert, gehörte zu Achill ein Patroklos. Und in Taormina entstanden Wilhelm von Gloedens kitschige Fotos von auf antik getrimmten Knaben. Aber Obacht: Diese Hemingway-Fährte führt dann doch nicht ans andere Ufer. Der Mann blieb eben ein ungebackenes Brötchen.
Michael Kleeberg: Achilles in Taormina. Ein Leben auf der Suche nach Hemingways letztem Geheimnis. Penguin. 334 Seiten, 28 Euro