Es dämmert bereits an diesem 7. Oktober 2023, einem Samstag; das erste Licht der Sonne taucht den Süden Israels in ein kühles Violett. Es kündigt einen Tag an, der die Weltgeschichte für immer verändern wird.
Am Ende dieses furchtbaren Tages werden 1195 Menschen tot sein, mehr als 5400 verletzt. 251 Männer, Frauen und Kinder werden verschleppt worden sein – in den Gazastreifen, als Geiseln in den Händen der Hamas. Es ist der schlimmste Terrorangriff in der Geschichte Israels, der sich 2026 zum dritten Mal jährt.
Auch wenn es kaum zu ertragen ist: BILD hat sich entschlossen, den Terror dieses Tages in all seinen grausamen Details zu dokumentieren.
Damit wir nicht vergessen.
6.29 Uhr, Grenze zum Gazastreifen
Es ist Simchat Tora, einer der freudigsten Feiertage des jüdischen Kalenders. Heute soll in den Synagogen getanzt, gesungen und der Abschluss der Toralesung gefeiert werden. Die Stille des frühen Morgens wird jäh zerrissen vom dumpfen Donnern einschlagender Mörsergeschosse, vom Zischen anfliegender Raketen, die aus dem Gazastreifen kommend nach Osten Richtung Israel fliegen. Die Israelis im Süden kennen diesen Klang, kennen das Prozedere. Sie begeben sich in ihre Schutzräume, wie schon so viele Male zuvor. Was sie diesmal nicht ahnen: dass der Feind auch eine großangelegte Bodeninvasion begonnen hat. Einen Angriff, wie es ihn nie zuvor gegeben hat, der über Monate, gar Jahre geplant worden sein muss.
Es wird Raketenalarm ausgerufen: „Tzeva Adom“, Code Rot. 3000 Raketen werden in den kommenden vier Stunden auf Israel herabregnen. Alarmsirenen heulen in den Gemeinden an der Grenze, später auch in Sderot, Aschkelon und Aschdod, schließlich auch in weiteren Teilen des Landes.
Es ist ein konzertierter Terrorakt. An 114 Stellen durchbrechen die Terroristen den 65 Kilometer langen Grenzzaun, der Israel und den Gazastreifen trennt. Masse und Wucht der Eindringlinge erwischen die israelischen Grenzer vollkommen unvorbereitet. Bewaffnete Kämpfer der Hamas und des Islamischen Dschihad kommen mit Pickups, mit Motorrädern und zu Fuß, sie kommen in Booten über das Meer und an motorisierten Gleitschirmen hängend aus der Luft.
6000 Terroristen fallen in Israel ein, darunter 3800 „Nukhba“-Kämpfer – die Eliteeinheit der Hamas, speziell für militärische Operationen ausgebildet. Sie werden bei diesem Überfall eine zentrale Rolle spielen.
Die Terroristen greifen an 30 Orten gleichzeitig an: Kibbuzim, Städte, Militärstützpunkte, Straßen und ein Musikfestival in der Nähe von Re'im. Sie attackieren auch Stellungen des Militärs, stecken Kommunikations- und Beobachtungsposten der Israelis in Brand. Die israelischen Streitkräfte verlieren dadurch für Stunden den Überblick und die Möglichkeit, zentral gesteuert zu reagieren. Es ist Feiertag, nur 671 israelische Soldaten sind an diesem Morgen im gesamten Sektor im Dienst, etwa die Hälfte der eigentlich vorgesehenen Truppenstärke.
Das große Morden hat begonnen.
6.32 Uhr, Nova-Festival
Es ist das erste Mal, dass das „Supernova Sukkot Gathering“ in Israel stattfindet. Ein Trancemusikfestival mit 3500 Menschen, die meisten Israelis, zwischen 20 und 40 Jahren alt. Drei Bühnen und zwei Tage Programm, gefeiert wird auf einem Feld nur fünf Kilometer von der Grenze nach Gaza entfernt. An diesem frühen Samstagmorgen fiebern die Besucher dem Höhepunkt der Veranstaltung entgegen: Zu sphärischen Klängen von „DJ Artifex“ wollen die Feiernden in den Sonnenaufgang tanzen. Es ist das Finale eines Raves, der aus Brasilien stammt und mit „Freunden, Liebe und unendlicher Freiheit“ geworben hat.
Doch der Höhepunkt fällt aus. Plötzlich zischen Raketen über den schon leuchtend blauen Himmel, das Abwehrfeuer des „Iron Dome“ blitzt auf. Die Musik wird jäh gestoppt. Der leitende Polizeibeamte, für die Sicherheit der Festivalbesucher verantwortlich, erklärt die Party für beendet. Die Tanzenden werden über Lautsprecher aufgefordert, das Gelände zu verlassen. Die Besucher packen eilig ihre Sachen, einige schon panisch, sie strömen Richtung Parkplatz davon. Die Menschen ahnen nicht, dass viele von ihnen ihren Mördern in die Arme laufen.
Das Festivalgelände liegt an der Nationalstraße 232, einer wichtigen Fernstraße im Süden Israels, die fast parallel zur Grenze nach Gaza verläuft. Auf dieser Straße sind die eingedrungenen Terroristen zu diesem Zeitpunkt schon mit ihren Geländewagen und Motorrädern unterwegs. Sie nähern sich von Norden und von Süden und schießen auf alles, was sich bewegt.
In Bunker und Schutzräume am Straßenrand, in die sich Autofahrer während des Raketenalarms geflüchtet haben, werfen sie Handgranaten. Sie feuern auf die Autos der Festivalbesucher, die sich auf der Hauptstraße stauen. Manche Partygäste sterben im Kugelhagel, andere wenden panisch und rasen in die andere Richtung. Manche lassen ihre Autos im Stau stehen und fliehen zu Fuß über die Felder. Dutzende Terroristen verfolgen sie, schießen den Flüchtenden in den Rücken.
Auch Dan Liebersohn lässt sein Auto im Stau zurück. Polizisten warnen per Megafon davor, im Stau stehenzubleiben, und schicken die Besucher in Richtung der Felder nach Osten. Liebersohn findet ein Versteck hinter einem Busch, harrt dort mehrere Stunden aus. Immer wieder fallen um ihn herum Schüsse. Eine Frau ruft: „Lass mich in Ruhe! Ich flehe dich an.“ Liebersohn kann nicht sehen, was mit der Frau passiert.
Andere Partygänger eilen zurück zum Festivalgelände und suchen dort Schutz: unter Büschen, in Toiletten und Mülleimern, zwischen den Bars, in Kühlschränken. Viele wählen den Notruf und versuchen, ihren Standort zu beschreiben.
Manche rufen ihre Eltern an, um sich zu verabschieden.
6.43 Uhr, Kibbuz Kfar Aza
Fotograf Roy Edan bemerkt etwas Seltsames am Himmel über seinem Kibbuz, in dem er mit 800 weiteren Menschen lebt: Motorisierte Gleitschirmflieger nähern sich der Siedlung. Er fotografiert die Paraglider und sendet die Bilder an seine Redaktion. Es werden die letzten Fotos sein, die Roy Edan in seinem Leben macht. Dann informiert er den Sicherheitskoordinator des Kibbuz.
Die Terroristen haben den Zaun der Siedlung an drei Stellen durchbrochen. Tal Eilon, Leiter des Notfallteams, ruft seine 14 Mann starke Einheit zusammen: „Dies ist keine Übung! Kommt sofort zur Waffenkammer! Terroristen sind im Kibbuz!“
Fünf Fahrzeuge und etwa 15 Motorräder sind durch eine Öffnung im Zaun in den Kibbuz eingedrungen, gefolgt von einer größeren Fußtruppe, zu der auch Jugendliche aus Gaza gehören. Sie tragen Pistolen, Gewehre, Handgranaten und Panzerfäuste bei sich, manche auch nur Messer, Spitzhacken und andere landwirtschaftliche Geräte. Sie versammeln sich in einem Hain am Rand des Kibbuz. Als einer der Anführer einen Schlachtruf brüllt, stürmt die Truppe auf die nächsten Häuser los. Sie brechen Türen auf, schießen auf Bewohner, zerren Frauen und Kinder aus den Häusern, stecken sie in Brand.
Im Sicherheitsraum eines Hauses hat sich Iftach Yacobi, damals 21, mit seinen Eltern und der gehbehinderten Großmutter vor den Terroristen verschanzt. „Sie brüllten: Öffnet die Tür! Sie hämmerten dagegen und versuchten, die Tür zu öffnen, doch mein Vater und ich hielten die Klinke hoch“, berichtet Yacobi später der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. „Dann schossen sie drei- oder viermal auf die Tür. Die erste Kugel streifte meine Brust, die zweite traf mein Handgelenk.“
Mit einem T-Shirt wickelt Yacobi einen provisorischen Druckverband, dann setzt sich seine Mutter auf die Wunde, um die Blutung zu stoppen. Durch die Einschusslöcher sehen sie fünf Bewaffnete, die das Haus plündern und alles kurz und klein schlagen, ehe sie weiterziehen. Yacobi und seine Familie überleben.
Die kleine Sicherheitseinheit des Kibbuz, die sich den Terroristen entgegenstellen will, gerät in der Nähe der Waffenkammer in einen Hinterhalt. Sieben von ihnen werden getötet, darunter auch Tal Eilon, der Leiter des Teams. Um 7.04 Uhr ruft er noch kurz seine Frau an und sagt Bescheid, dass er im Einsatz ist. Um 7.15 Uhr meldet er sich noch einmal bei ihr: Er sei verwundet und brauche Hilfe. Danach hört seine Frau nichts mehr von Tal Eilon.
Es dauert fast zwei Stunden, bis das 13. Bataillon der Golani-Brigade den Kibbuz um 8.33 Uhr erreicht. Stundenlang liefern sich Terroristen und Soldaten Feuergefechte. Am Ende des Überfalls liegen 80 tote Dorfbewohner in ihrem Blut. 19 Menschen werden vermisst, die Terroristen haben sie nach Gaza verschleppt. „Überall lagen Leichen“, wird später Avidor Schwartzman berichten, der mit Frau und Tochter 20 Stunden lang in einem Schutzraum ausharrte, ehe israelische Soldaten die Familie befreiten. „Unser kleines Paradies, unser Stückchen Himmel, war komplett verbrannt und blutverschmiert.“
Auch Dorin Cohen hat mit Mann, Sohn und Baby (4 Monate) im Schutzraum überlebt. Die Terroristen haben ihr Haus den ganzen Tag lang als Stützpunkt genutzt. Wegen des Stresses und weil die Familie kaum Wasser hat, versiegt bei Dorin Cohen die Muttermilch. „Wir hatten nur noch ein winziges bisschen Wasser, das ich für meinen älteren Sohn aufheben musste“, so die Mutter später. „Aber mein Baby brauchte etwas zu trinken. Also tauchte ich seinen Schnuller ins Wasser und steckte ihn ihm in den Mund.“
Unter den Toten sind auch Fotograf Roy Edan und seine Frau Smadar. Zwei ihrer drei Kinder überleben, weil sie sich über Stunden in einem Kleiderschrank verstecken. Tochter Abigail, zur Zeit des Überfalls erst 3 Jahre alt, wird zusammen mit einer Nachbarsfamilie nach Gaza verschleppt. Rund 50 Tage wird sie in Geiselhaft bleiben, ehe sie Ende November 2023 freigelassen wird.
Unter den Toten sind auch Mitglieder der Familie Almog-Goldstein. Es wird eine ganze Woche dauern, bis man genau weiß, wer: Zu schlimm sind die Leichen verbrannt und verstümmelt. Erst ein DNA-Test belegt schließlich: Vater Nadav und seine älteste Tochter Yam sind tot, Mutter Chen und drei weitere Kinder, 9 bis 17 Jahre alt, sind verschleppt worden. Nach 51 Tagen in den Tunneln der Hamas werden sie freikommen – und erst dann vom Tod von Vater und Schwester erfahren.
In manchen Häusern, von Einschüssen mobiler Raketenwerfer völlig zerstört, habe man die wahre Anzahl der Toten zunächst gar nicht zählen können, wird später Simcha Greineman der „Times of Israel“ erzählen. Als Freiwilliger der Rettungs- und Bergungsorganisation ZAKA hilft er nach Terroranschlägen, Unfällen und Katastrophen bei der Identifizierung von Opfern. „Ich sammelte Köpfe ohne Körper auf und Körper ohne Köpfe. Ich sammelte Kinder auf, die erstochen worden waren. Ein Kind war komplett verbrannt. Durch seinen Kopf hatten sie von einer Seite zur anderen ein Messer gerammt.“
Eine Familie habe man nur als einen Haufen bergen können, sagt Greineman. Eltern, zwei Kinder und die Großmutter, die sich in der Stunde ihres Todes panisch aneinander geklammert hatten, in einem Kreis, die Arme umeinander gelegt. Diese Leichenknäuel habe man entwirren müssen, sagt der Helfer: „Wir nahmen Körper für Körper heraus und legten sie einzeln in Leichensäcke.“
In einer Kampfschrift, die israelische Soldaten nach eigenen Angaben bei getöteten Hamas-Terroristen finden, sind genaue Handlungsanweisungen für den Tag des Überfalls notiert: „Frauen und Kinder/Männer trennen und isolieren. Diejenigen töten, die Schwierigkeiten bereiten oder eine Bedrohung darstellen.“
6.49 Uhr, Kibbuz Nir Oz
Weiter südlich entlang der Grenze beginnt fast zeitgleich der Angriff auf den Kibbuz Nir Oz. Sagui Dekel-Chen arbeitet in seiner Werkstatt, als er bewaffnete Eindringlinge bemerkt. Er klettert auf das Dach, um sich einen besseren Überblick zu verschaffen, und warnt seine Nachbarn in der gemeinsamen Whatsapp-Gruppe mit einer Sprachnachricht: „Ich glaube, im Kibbuz wird geschossen. An alle: Verschließt eure Türen! Wer eine Waffe hat: Bewaffnet euch!“
Auch Eran Smilansky, Mitglied des Kibbuz-Sicherheitsteams, hat bewaffnete Männer gesehen. Manche in Uniform, manche in ziviler Kleidung. Er beobachtet einen weißen Lieferwagen, Motorräder und einen Pickup, auf dessen Ladefläche ein schweres Maschinengewehr montiert ist. Acht Männer, wie israelische Soldaten gekleidet, stürmen in sein Haus. Smilansky erkennt die Falle, schießt auf die Eindringlinge, kann sie zurückdrängen.
Shay Yohanan hat sich mit seiner Familie im Schutzraum verschanzt, als die Terroristen auch in sein Haus stürmen. Drei Stunden werden sie dort bleiben. „Sie aßen in meiner Küche zu Mittag“, gibt Yohanan später zu Protokoll. „Sie nahmen das Essen, das ich für das Familientreffen am Feiertag gekauft hatte, und wärmten es in meiner Mikrowelle auf.“ Danach hätten sie Geld, Fernseher, Sonnenbrillen, die Xbox seines Sohnes und Unterwäsche seiner Frau mitgenommen.
Im Sicherheitsraum seines Hauses kann Eyal Barad auf dem Handy verfolgen, was draußen passiert. Der Ingenieur hat eine selbstgebaute Verkehrsüberwachungskamera so eingerichtet, dass er die Vorgänge vor seinem Haus beobachten kann. Mit seiner Frau und den drei Kindern harrt Barad in völliger Dunkelheit und Stille aus, damit die draußen wütende Mordbande die Familie nicht bemerkt. Nur Barads autistische Tochter (6) versteht die gespenstische Stille nicht: Sie beginnt zu rufen und zu weinen. Verzweifelt hält der Vater dem Mädchen den Mund zu. Die Terroristen bemerken die Familie nicht.
Über die Kamera beobachtet Barad, wie die bewaffneten Angreifer durch den Kibbuz ziehen, Bewohner aus ihren Häusern zerren und mit den gefesselten Israelis auf Motorrädern davonbrausen. Das Vorgehen der Terroristen sei „sehr einstudiert“ gewesen, sagt er später: „Es wirkte, als sei das der Plan gewesen.“
Das war es wohl tatsächlich: Als die mehr als 100 Terroristen der Hamas sich aus Nir Oz zurückziehen, nehmen sie von den rund 400 Einwohnern 80 mit – jeden fünften der Bewohner, zwischen 9 Monaten und 85 Jahren alt. Die Terroristen filmen ihren Rückzug: Eine ordentliche Karawane von gestohlenen Fahrzeugen und landwirtschaftlichem Gerät rumpelt über die Felder Richtung Gaza. Fast ein Drittel der am 7. Oktober verschleppten Geiseln stammt damit aus dem nur zwei Kilometer von der Grenze entfernt gelegenen Kibbuz Nir Oz. Es wird bis Oktober 2025 dauern, ehe die letzten Überlebenden nach zwei Jahren Geiselhaft zurück nach Israel kommen.
Erst nach Stunden wagt es Sicherheitsmann Eran Smilansky, sein Haus zu verlassen. Was er dort sieht, beschreibt er der NGO Human Rights Watch später so: „Der ganze Kibbuz war voller Rauch. Ich ging in die Häuser und sah sehr, sehr viele Leichen. Sehr, sehr viele tote Freunde.“
Israelische Spezialkräfte erreichen den Kibbuz erst um 13.10 Uhr – etwa 40 Minuten, nachdem der letzte Terrorist verschwunden ist. Sie zählen 47 Tote.
7.00 Uhr, Kibbuz Be'eri
Gal Cohen ist gerade beim Joggen, als ihm etwas Ungewöhnliches auffällt. Auf der Hauptstraße, die jenseits des Sicherheitszauns am Kibbuz Be’eri vorbeiführt, fahren zwei Männer auf einem Motorrad. Sie tragen grüne Hamas-Stirnbänder. Und sie haben Gewehre bei sich. Cohen informiert Racheli Benakot, zuständig für die Alarmierung des Kibbuz und der Behörden in einem Notfall.
Zur etwa gleichen Zeit filmt die Überwachungskamera am Einfahrtstor des Kibbuz zwei bärtige Männer. Sie tragen grüne Tarnkleidung und kugelsichere Westen, haben Kalaschnikows über die Schultern gehängt. Das Tor ist nicht besetzt. Einer der Männer zerschlägt das Fenster des Wachhäuschens und klettert hinein.
Kurz darauf zeichnet die Kamera auf, wie ein blaugrauer Mazda vor dem Tor stoppt, darin zwei junge Männer. Das Tor beginnt sich zu öffnen. Der zweite Bärtige hat sich hinter einem Baum versteckt; er springt hervor und durchlöchert das Auto mit seinem Maschinengewehr. Dann verschwinden die Männer durch das halboffene Tor im Kibbuz.
Auf den Handys der Bewohner blinkt eine Nachricht auf: „Verdacht auf Eindringlinge!“
Die nächsten Aufnahmen der Überwachungskamera am Tor zeigen, wie noch mehr Bewaffnete durch das Tor in den Kibbuz drängen. Dann fallen Schüsse. Die Bewohner wollen sich bewaffnen, doch die Waffenkammer ist verschlossen: Den Mann, der den Schlüssel bei sich trägt, haben die Terroristen als einen der Ersten erschossen.
„Ich sah drei oder vier weiße Pickups stoppen“, wird Kibbuz-Vorsteher Amit Solvy später berichten. Er beobachtet die Szene durch die Sehschlitze seines Schutzraums. „Hamas-Leute sprangen von den Ladeflächen. Sie befahlen ihren Männern, wo sie hingehen sollten. Außer der Hamas waren auch viele jüngere Leute dabei; sie hatten Messer, Macheten und Säcke bei sich.“
Die Mörder machen sich ans Werk: stürmen Häuser, schießen um sich, verschleppen oder töten die Bewohner. „Wir hörten, wie sie von Haus zu Haus gingen und die Menschen niederschossen“, gibt ein Zeuge später zu Protokoll. „Sie unterhielten sich, riefen ,Allahu akbar!’ und lachten. Wir hörten automatisches Maschinengewehrfeuer, knisternde Flammen und die Schreie der Nachbarn.“
Die Terroristen brechen auch die Tür zum Schutzraum auf, in dem sich Nira Herman Sharabi und ihre Familie verstecken. Sie erschießen den Familienhund, führen die Familie in den Garten. Ihr Mann Yossi, der Freund ihrer Tochter Ofir und der 15-jährige Nachbarssohn Amit werden in ein Fahrzeug gezwungen und verschleppt. Ofir und Amit kommen später frei. Yossi Sharabi stirbt in Gaza.
Das Sicherheitsteam des Kibbuz hat in einer Zahnklinik ein Lazarett eingerichtet, das die Terroristen bald schon umzingeln. Gemeinsam mit Sanitäterin Amit Man versorgt Krankenschwester Nirit Hunwald dort Verwundete. „Er war sehr schwer, und da war so viel Blut“, wird sie später Human Rights Watch erzählen. „Ich kann es nicht aus meinem Kopf löschen, all das Blut.“ Dieses Zitat der Krankenschwester wird später zum Titel des 252 Seiten starken Abschlussberichts der Hilfsorganisation, in dem Augenzeugen von den Massakern berichten.
Gegen 14 Uhr geht den Umzingelten die Munition aus. Die Terroristen erschießen die unbewaffnete Amit Man, werfen Handgranaten in die Klinik. Krankenschwester Hunwald hat sich in einem Badezimmer versteckt – und überlebt.
Den Mördern folgen die Plünderer: Sie packen Bargeld und Wertsachen ein, laden Fernseher, E-Bikes und Kinderfahrräder auf die Pickups. Die Überwachungskamera an der Einfahrt zeichnet ein weiteres, zutiefst verstörendes Detail auf: Ein weißer Lieferwagen stoppt, zwei Männer werfen die Leiche des erschossenen Mazda-Fahrers in den Laderaum, dann fahren sie davon. In einem Video, das die Hamas auf einem ihrer Propagandakanäle postet, sieht man, wie die 68-jährige Kinneret Gat mit gefesselten Händen aus ihrem Haus geführt wird. Später findet man ihre Leiche in der Nähe des Kibbuz-Friedhofs.
Im Chaos ist die Dimension der Gräueltaten zunächst nicht zu überblicken. Erst später, als Freiwillige und Rettungsdienste die Ruinen der zerstörten und geplünderten Häuser durchkämmen, stoßen sie auf Bilder, die mit Worten nur schwer zu beschreiben sind. In einem Haus, berichtet ein Sanitäter, habe man ein 14-jähriges Mädchen gefunden, nackt auf dem Boden ihres Schlafzimmers, mit gespreizten Beinen und Samenspuren auf ihrem Rücken. Die Terroristen hatten sie erst vergewaltigt, dann in den Kopf geschossen. Festgenommene Hamas-Terroristen werden später in Verhören bestätigen, dass sie den konkreten Auftrag hatten, Frauen und Mädchen zu vergewaltigen.
Nach Stunden des Mordens, Vergewaltigens und Brandschatzens ziehen sich die Angreifer zurück. Es wird noch bis 16.15 Uhr dauern, ehe die israelische Armee den Kibbuz mit seinen einst 1000 Bewohnern wieder unter Kontrolle hat. In Be'eri werden an diesem Tag 101 Zivilisten ermordet, 30 Bewohner werden nach Gaza verschleppt. Auch 31 Angehörige der Sicherheitskräfte kommen ums Leben.
8.15 Uhr, Nova-Festival
Etwa 100 Terroristen sind in 14 Pickups und auf zwei Motorrädern bis zum Festivalgelände vorgedrungen.
„Wir haben gerade noch getanzt“, erinnert sich Besucherin Yarin Amar, damals 22 Jahre jung, später im Gespräch mit der „Times of Israel“. „Und kaum eine Sekunde später schießen Hunderte von Terroristen aus jeder Himmelsrichtung auf uns.“ Auch sie hatte versucht, mit dem Auto zu flüchten. „Auf die Autos wurde geschossen. Ich sprang raus und rannte, rannte einfach nur. Auf dem Weg sah ich, wie Menschen ermordet wurden und vor mir zusammenbrachen.“ Sie hätten vor den Terroristen zu einem Kibbuz fliehen wollen, „aber dann haben wir bemerkt, dass sie überall sind“.
Yarin versteckt sich in den Büschen. Immer wieder wählt sie den Notruf, doch sie kommt nicht durch. Die Leitungen sind überlastet. Immer wieder hört sie Schüsse, Explosionen und Rufe auf Arabisch, die näher kommen. Sie beschließt, sich totzustellen. „Ich bewegte mich nicht und hoffte auf ein Wunder. Ich blickte zum Himmel, und da waren nur Gott und ich. Ich betete: Bitte Gott, ich möchte leben, ich werde alles dafür tun. Ich bin doch noch ein Kind!“
Yael Zeevi und ihr Mann verstecken sich erst in einer Toilette, dann unter einer Bühne, schließlich in einem Abwasserrohr. Ein Terrorist steckt sein Gewehr in das Rohr und schießt blind hinein. Eine Frau, die mit dem Ehepaar im Rohr ausharrt, bekommt den Großteil der Schüsse ab. Alle drei überleben schwer verletzt.
Die Terroristen durchkämmen das Festivalgelände systematisch. Sie tragen Gewehre, Maschinenpistolen und Handgranaten bei sich. Sie schießen auf jeden, den sie finden. Sie sind im Blutrausch. Sie wollen nicht nur töten. Sie wollen quälen, demütigen, ihre Opfer entmenschlichen.
Eine Festivalbesucherin, die sich im Gebüsch versteckt, beobachtet, wie Terroristen über eine junge Frau herfallen. „Sie beugten sie nach vorn und mir wurde klar, dass sie sie vergewaltigen, einer nach dem anderen“, gibt sie später zu Protokoll. „Dann wurde sie einem anderen Mann weitergegeben, der eine Uniform trug. Sie war am Leben, als sie vergewaltigt wurde. Er zog ihr an den Haaren und schoss ihr in den Kopf, noch während er sie vergewaltigte. Er zog noch nicht einmal seine Hose hoch. Sie schnitten ihre Brust ab und spielten damit auf der Straße.“
Auch andere Augenzeugen beobachten unvorstellbare Grausamkeiten. Frauen seien neben den Leichen ihrer Freunde vergewaltigt worden, berichten sie später. Manche Opfer seien anschließend erschossen worden, andere hätten die Terroristen auf die Ladeflächen ihrer Pickups geworfen und seien mit ihnen davongefahren.
Eine kleine Gruppe von Festivalbesuchern hat sich in einem Krankenwagen versteckt. Die Terroristen schießen mit einer Panzerfaust auf die Ambulanz. Das Fahrzeug brennt aus, 18 Menschen sterben.
Weil die Toten so stark verbrannt und zum Teil miteinander verschmolzen sind, wird man zunächst nicht feststellen können, wie viele Menschen sich wirklich in dem Krankenwagen befunden haben. Manche Tote werden Pathologen nur noch anhand ihrer Schmuckstücke identifizieren können.
In den Feldern nahe des Partygeländes rettet ein verlassener Panzer Dutzenden Partygästen das Leben. Gemeinsam mit mehreren Polizisten verstecken sie sich hinter dem Fahrzeug, nutzen es als Deckung und Schutzwall gegen die Angriffe der Terroristen. Stundenlang können die Polizisten die Deckung in einem Feuergefecht verteidigen, bis endlich die israelischen Streitkräfte anrücken. Panzerfahrer Ido Somekh hatte seine Besatzung zuvor in einem Gefecht nahe der Grenze verloren, den Panzer schließlich zurückgelassen. Wie viele andere Partygäste war auch er über die Felder geflüchtet und hatte sich schwer verletzt versteckt, bis Hilfe eintraf.
Auch für Yarin Amar, die sich totgestellt und zu Gott gebetet hat, geschieht das ersehnte Wunder: Sie wird lebend gefunden.
11.50 Uhr, Nova-Festival
Die Terroristen sind weitergezogen nach Süden, Richtung Re’im, wo sie ein weiteres Massaker anrichten. Die israelische Armee hat das Festivalgelände erreicht. „Polizei! Israelische Armee! Gibt es hier noch jemanden, der am Leben ist?“, ruft Oberstleutnant Oren Masses über das grabesstille Gelände. „Oh mein Gott“, sagt er dann. „Hier liegen Tote. Alle sind tot.“
Hinter der „Little Bar“ findet man zahlreiche Leichen, weitere in einem riesigen gelben Abfallcontainer. Viele Tote sind nicht einfach nur ermordet worden: Sie wurden geschändet.
Zahlreiche weibliche Opfer sind nackt, ihr Unterleib blutig und verstümmelt. Vielen von ihnen sei einmal in den Körper und dann mehrfach in den Kopf geschossen worden, berichten Sanitäter. Auch habe man Messer und andere scharfe Gegenstände gefunden, die im Intimbereich von Opfern steckten. Auch Schussverletzungen zwischen den Beinen habe man festgestellt, abgetrennte Gliedmaßen, Fesselungen und Brandspuren. Bei manchen Opfern sind Arme und Beine gleich mehrfach gebrochen.
Was eine brauchbare Beweisaufnahme zur Ermittlung der Mörder erschwert: In vielen Fällen sind die Toten in so schlimmem Zustand, dass Samen- oder DNA-Proben der Täter nicht mehr festgestellt werden können.
378 Menschen werden an diesem Tag rund um das Nova-Festival ermordet. 171 auf dem Festivalgelände und Parkplätzen, 207 auf den Fluchtrouten und an Tatorten entlang der Nationalstraße. 344 der Toten sind Zivilisten – junge Menschen, die tanzen wollten, feiern und das Leben genießen.
44 Partygäste werden an diesem Tag in den Gazastreifen verschleppt. 16 von ihnen sind zum Zeitpunkt der Entführung bereits tot oder sterben später in Gefangenschaft. 25 Geiseln werden befreit oder im Zuge von Verhandlungen freigelassen, darunter am 13. Oktober 2025 die letzten elf noch lebenden Entführten.
Nachmittags, Nationales Zentrum für Forensische Medizin
Dr. Chen Kugel, Leiter des Nationalen Zentrums für Forensische Medizin in Tel Aviv, bekommt einen Anruf: ein Notfall, Dutzende Opfer. Schnell steigt die Nummer der Toten auf 100, dann mehr. Weil die Forensik nicht so viele Leichen lagern kann, werden die Toten auf der Militärbasis Shura gesammelt. Kühlcontainer werden aufgestellt.
Nach und nach werden die Toten, die man nicht gleich identifizieren kann, in die Forensik überstellt. „Verbrannte Körper und verweste, bei denen man keine Fingerabdrücke mehr nehmen konnte“, wird Kugel später dem israelischen Nachrichtenportal Ynet berichten. „Wir hatten es mit Tausenden Körpern, Körperteilen und Gegenständen zu tun.“
Ein Puzzle des Grauens.
„Es gab Tote, deren Gesichter verstümmelt worden waren. Die man komplett auszulöschen versucht hatte. Die von Tieren angefressen worden waren. Manche wurden erst missbraucht, dann ermordet. Manche umgekehrt. Wir sahen enthauptete Menschen, auch Kinder.“ Er habe Tote gesehen, die an Schusswunden und Stichwunden gestorben waren, ehe man sie noch mit einem Auto überfuhr und schließlich in Brand steckte.
Was er an diesem Tag sehen muss, beschreibt Kugel danach als beispiellos: „Das leibhaftige Böse. Man kann es nicht Grausamkeit nennen. Dieses Wort beschreibt die Situation nicht angemessen.“ Den Tätern ging es darum, ihre Opfer zu vernichten, zu zerstören, sie auszulöschen.
Die Taten, das stellen der Pathologe und sein Team anhand des Musters der Verletzungen schnell fest, müssen detailliert geplant gewesen sein. „Ein Beispiel: In einem Kibbuz schoss man einer Gruppe ausländischer Arbeiter in die Beine, sperrte sie in einen Raum und ließ sie dort verbluten. An einem anderen Ort hatte man Menschen gefesselt und exekutiert. Woanders zündeten die Terroristen einen Sicherheitsraum an und gaben Brandbeschleuniger dazu, damit die Menschen darin verbrennen wie in einem Krematorium.“ Das Massaker sei kein spontaner Gewaltausbruch gewesen, sagt Kugel: „Andere Orte, andere Vorgehensweisen. Es gab einen Plan.“
In den ersten Wochen nach dem Anschlag herrscht Chaos. An den Tatorten, im Land, in der Forensik. Niemand hat einen Überblick: Wer wird vermisst? Wer wurde ermordet, aber vielleicht noch nicht gefunden? Wer wurde nach Gaza verschleppt?
Kugel und sein Team arbeiten im Akkord. „Uns erreichten etwa 3000 Leichensäcke. Die meisten enthielten Körperteile und verbrannte Knochen. Je mehr Säcke wir öffneten, desto häufiger fanden wir Körperteile, die zu ein und demselben Körper gehörten. Einzelne Opfer waren also über verschiedene Leichensäcke verteilt.“ Manchmal entdecken die Forensiker in CT-Aufnahmen eines verbrannten Überrests Stücke verschiedener Wirbelsäulen. Zwei Menschen waren dann zusammengebunden worden, ehe man sie anzündete und ihre Überreste verschmolzen.
Eine 22‑jährige Frau, die auf Videoaufnahmen zuletzt leblos auf der Ladefläche eines Hamas-Pickups gesehen worden war, können Kugel und sein Team für tot erklären: Auf einem Feld nahe dem Ort ihres Verschwindens fand man Knochenstücke aus ihrem Schädel. Eine so schwere Verletzung, schließt der Pathologe, könne die Frau nicht überlebt haben.
Vom Leichnam eines Mädchens, 12 Jahre jung, findet man nur einen einzelnen Knochen. Kugel und sein Team ordnen ihn dem Kind zu, die Eltern bestatten den einzelnen Knochen.
Seine Arbeit, sagt Dr. Kugel, habe er so nüchtern wie nur möglich zu verrichten versucht. Es sind nicht die Toten, die ihm in den kommenden Tagen, Wochen und Monaten zusetzen. Es sind die Überlebenden. Die Angehörigen. Die Menschen, die zu seinem Institut kommen und auf Antworten hoffen.
Manchmal hört er sie draußen weinen. „Es sind diese Schreie des Schmerzes, die mir das Herz gebrochen haben. Während einer Autopsie bin ich emotional abgekoppelt. Ich kenne die Person nicht, ich weiß nichts über ihre Biografie. Wenn ich dann aber am nächsten Tag in der Zeitung etwas über sie lese und sehe, dass sie eine Familie hatte, dass sie ein Leben hatte, dann zerstört mich das.“
Im Oktober 2024, ein Jahr nach dem Massaker, töten israelische Truppen Hamas-Anführer Yahya Sinwar, den Drahtzieher der Anschläge vom 7. Oktober. Auch seine Leiche liegt später auf Dr. Kugels Tisch. „Weißt du, wen du da untersuchst?“, sagt ein Kollege zum Pathologen. „Den Mann, der die Geschichte des Nahen Ostens zum Schlimmeren verändert hat.“
Kugel stellt fest: Sinwar wurde von mehreren Kugeln getroffen und starb an einer tödlichen Kopfverletzung. „Ich sagte mir: Das ist einer der bösesten Menschen der Welt. Ich war froh, dass er auf dem Tisch lag. Und ich daneben stand.“
Als die Arbeit getan und alle Leichen identifiziert sind, erkrankt der Chef-Pathologe an einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Er habe sich psychologische Hilfe suchen müssen, um das Erlebte zu verarbeiten, berichtet Dr. Kugel Ynet.
Dabei seien es gar nicht die Gräuel gewesen, die ihm am nächsten gingen, sagt der Arzt. Einmal, mitten während der Untersuchungen, hätten Angehörige dem Team Essen gebracht, um Kugel und seinen Leuten für ihre unermüdliche Arbeit zu danken.
„Ich rief alle zusammen und stand auf, um einen Segen zu sprechen. Aber ich konnte nicht. Ich brach weinend zusammen im Angesicht von so viel Güte. Nach all der Grausamkeit war ich so bewegt von dieser Freundlichkeit und Liebe. Da zeigte mir die Realität, dass es auch gute Leute gibt und dass nicht alles Scheiße ist.“