Donald Trump traut der Digitalisierung auf hoher See nicht. Seit seiner ersten Amtszeit wiederholt der US-Präsident bei Auftritten vor US-Soldaten, bei Regierungserklärungen und auf seinen Wahlkampf-Rallys immer wieder dieselbe Anekdote. Ein Matrose habe ihm erklärt, man könne die Dampfkatapulte zum Flugzeugstart auf den Flugzeugträgern der Nimitz-Klasse aus den 70er-Jahren mit einem Hammer und einem Schweißbrenner reparieren.
Für die Wartung der neuen elektromagnetischen Katapulte (EMALS) der Nachfolge-Generation aber benötige man „Albert Einstein“ als Mechaniker, sie seien übermäßig komplex. Die EMALS-Technologie sei zudem ein zentraler Preistreiber der neuen Träger, und sie sei überflüssig, sagte Trump zuletzt Mitte Juli bei einem Auftritt auf einem Rüstungskongress der US-Armee in Pennsylvania.
Alle Träger der Klasse sollen umgeplant werden
Bislang haben die Planer der US-Navy Trumps Katapult-Obsession ignoriert. Die elektromagnetischen Katapulte sind die zentrale Innovation der neuen Träger der Gerald-R.-Ford-Klasse, das gesamte Schiffsdesign ist um sie herum konzipiert. Die Technologie wird seit zwei Jahrzehnten entwickelt und ist seit 2022 auf dem Träger „Gerald R. Ford“ im Einsatz.
Doch Trump lässt sich ungern ignorieren, und hat nun per nationalem Sicherheitsmemorandum das Pentagon angewiesen, die weltweit modernste Trägerklasse einem radikalen Redesign zu unterziehen: Beim vierten Träger der Ford-Klasse, der bereits im Bau befindlichen künftigen USS Doris Miller (CVN 81), sollen die elektromagnetischen Katapulte und Munitionsaufzüge herausgerissen und durch dampfbetriebene Kolben und Hydraulikpumpen der 1950er-Jahre ersetzt werden.
„Innerhalb von 60 Tagen (…) hat der Kriegsminister in Abstimmung mit dem Marineminister dem Präsidenten (…) einen Plan vorzulegen, um das elektromagnetische Flugzeugstartsystem (EMALS) und die modernen Waffenaufzüge (Advanced Weapons Elevators) durch Dampf- und Hydrauliksysteme zu ersetzen“, lautet die Order des 80-jährigen Präsidenten. Alle folgenden Träger der Klasse sollen entsprechend umgeplant werden.
Damit nicht genug der Retro-Obsession: Weil ihm die Silhouette der Schiffe missfällt, will Trump laut Bericht der „Washington Post“ auch gleich noch den markanten Kommandoturm auf dem Flugdeck nach vorn versetzen lassen. Das Kriegsschiff des 21. Jahrhunderts soll wieder so aussehen wie die Träger im Zweiten Weltkrieg.
Die Geschichte ist reich an Staatsführern, die sich berufen fühlten, Waffen nach persönlichem Geschmack umzukonstruieren. Kaiser Wilhelm II. etwa zeichnete stundenlang Kriegsschiff-Skizzen, versetzte Geschütztürme auf Bauplänen und ließ Panzerschiffe nach persönlichen Repräsentationsvorstellungen bauen. Die Akten aus der Jahrhundertwende sind unter dem Titel „Sammlung der von Kaiser Wilhelm II. an das Marinekabinett abgegebenen Zeichnungen und Zusammenstellungen über Kriegsschiffe und Kriegsschiffkonstruktionen“ im Bundesarchiv noch erhalten, Admirale und Werftingenieure verzweifelten ob des kaiserlichen Hobbys.
Auch der italienische Diktator Benito Mussolini ließ Kreuzerpläne auf elegante Linienführung optimieren und vernachlässigte darüber die Panzerung und Reichweite. Die Schiffe versagten im Kampf mit den britischen Kräften im Mittelmeer. Wenn Autokraten und Oberbefehlshaber anfangen, Baupläne nach Bauchgefühl und Ästhetik umzuzeichnen, endet das für die eigenen Streitkräfte selten gut.
Experten warnen vor Verzögerungen beim Trägerbau
Dementsprechend groß ist auch das Entsetzen von Fachleuten und Rüstungskonzernen in den USA ob Trumps Flugzeugträger-Planungen. Der Rüstungskonzern General Atomics veröffentlichte Anfang der Woche ein fast flehendes Statement: „Die Entscheidung, bei der CVN 81 auf EMALS zu verzichten, bedarf einer sorgfältigen erneuten Prüfung. Da bereits fast 50 Prozent der Fertigung abgeschlossen sind, würde eine Kursänderung jetzt erhebliche Risiken hinsichtlich Kosten, Zeitplan und Integration mit sich bringen“, schreibt der Hersteller der elektromagnetischen Katapulte und verweist darauf, dass die Katapulte auf der „Ford“ vor Südamerika und im Iran-Konflikt seit mehr als 320 Tagen erfolgreich im Einsatz sind.
„Die Entscheidung wird umfassendere Auswirkungen auf die Bereitschaft der Träger, die nationale Sicherheit und die technologische Überlegenheit der USA haben und potenziell Möglichkeiten für Gegner schaffen, die Fähigkeitslücke zu schließen.“
In der Tat dürften die Gegner der USA Trumps Marinepläne mit Freude betrachten: Die Träger der Ford-Klasse sind als sogenannte „elektrische Schiffe“ konzipiert, die komplette Bordtechnik ist darauf ausgelegt, wo immer möglich Hydraulik und Dampfkraft durch Elektromotoren zu ersetzen. Insbesondere das Flugdeck wurde gegenüber den Trägern der Nimitz-Klasse komplett überarbeitet. Die elektromagnetischen Katapulte erlauben etwa ein Drittel mehr Starts pro Stunde, da die Magnettechnik schneller wieder einsatzbereit ist als ein Dampfkatapult. Die EMALS-Katapulte lassen sich zudem genauer dosieren, können auch leichte Drohnen beschleunigen und schonen zudem das fliegende Material. Sie benötigen zur Bedienung gerade einmal zwei Mann, gegenüber zwölf bei der Dampftechnik. Insgesamt kommt die Ford-Klasse dank der Elektrotechnologie mit gut 500 Mann weniger Besatzung aus.
Alle Abläufe auf dem Flugdeck wurden entsprechend angepasst, die Decksaufbauten wurden 40 Meter zurückverlegt, um mehr Platz für die Betankung und Aufmunitionierung der Kampfjets an Bord zu schaffen. Auch die von Trump erwähnten Waffenaufzüge wurden an den schnelleren Rhythmus an Deck angepasst. Die Technik litt in den ersten Jahren an Kinderkrankheiten – doch inzwischen funktionieren Katapulte wie auch Aufzüge reibungslos.
Wenn Trump nun alles wieder auf die veraltete Technik zurückrüsten will, müssten die Schiffe über Jahre hinweg und von Grund auf umgeplant werden. „Millionen an Steuergeldern sowie die Zeit und Energie der technischen Abteilungen der Navy darauf zu verwenden, das wichtigste Großkampfschiff der Nation umzugestalten, nur um den ästhetischen Launen des Präsidenten zu frönen, ist reine Verschwendung und ein Missbrauch der Befugnisse“, kommentiert der US-Marinestratege Hunter Stires gegenüber dem US-Fachmagazin „The War Zone“.
Für die Gegner Trumps im Pazifik und am Persischen Golf wäre eine Verzögerung des Trägerneubaus in den USA ein echtes Geschenk. Insbesondere China versucht aktuell, so schnell wie möglich neue Träger zu konstruieren, um den Rückstand gegenüber den USA aufzuholen. Wichtigstes Merkmal der neuen chinesischen Träger ist ausgerechnet eine Kopie des amerikanischen Magnetkatapults. Noch arbeiten die chinesischen Ingenieure daran, Planungsfehler beim neuen Flaggschiff „Fujian“ auszubügeln. Doch der nächste chinesische EMALS-Träger „Type 004“ liegt schon auf der Helling und soll die Leistungen der Ford-Klasse mindestens erreichen. Wenn Trump nun die eigenen Träger ausbremst, verschafft das China mehr Zeit.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und Business Insider erstellt.
Wirtschaftsredakteur Benedikt Fuest berichtet regelmäßig über das KI-Rennen, Technologie und Rüstung.