Stellen Sie sich vor, Sie haben eine Superkraft. Sie arbeiten hart und diszipliniert daran, Ihre Superkraft bis ans Maximale zu trainieren. Sie sind am Höhepunkt Ihrer Leistungsfähigkeit, bereit, sich der Welt zu zeigen, gespannt, fokussiert, vor Stärke, Zuversicht und Ambition nur so strotzend. Und dann stülpt Ihnen jemand einen Fischerhut auf den Kopf, steckt Ihren durchtrainierten Körper in eine regendichte Zeltjacke und sagt: Dann mal los.
Die Olympia-Outfits sind ein modisches Desaster. Eines in denen sich die Top-Athleten dieser Welt wie Kai Wegner auf Wandertour im Spandauer Forst fühlen müssen. Adidas bewirbt die Olympia-Kollektion mit Funktionalität und Inklusivität für alle Körperformen. Das muss man sich auch erst mal erlauben: Der trainierte Körper, Ergebnis jahrelanger Disziplin, wird behandelt wie ein heikles Thema. Und natürlich ist es komplett unglaubwürdig, dass die Sportler, wie es heißt, an der Kollektion mitgearbeitet haben sollen. Was das bedeutet: Bobfahrer XY bekommt ein Stoffmuster zugesendet und sagt ja. Die Verantwortung für diesen textilen Unfall jetzt auch noch auf die Athleten abzuschieben, ist außerdem ziemlich dreist.
Es handelt sich um nicht anderes als eine noch in Wohlstand schwelgende Moral, die sich leisten kann, an der Realität vorbeizuentwerfen. Was als Funktionalität verkauft wird, ist in Wahrheit Bequemlichkeit – geistig wie gestalterisch. Denn das Versprechen wird noch nicht mal eingelöst. Fleece im Winter, das bei trockener Kälte zuverlässig knistert, statisch auflädt und jeden Menschen ab mittlerer Haarlänge in eine wandelnde Elektrizitätsquelle verwandelt – zusammen mit all dem Poly der Trainingsmaterialien ist das nichts anderes als textile Folter.
Pflichtbewusst an Schwarz, Gelb und Rot geklammert
Und darin läuft man nun ausgerechnet in Cortina und Mailand auf, der Welthauptstadt der Mode, wo schon am Flughafen von Linate Armani die Welt mit monumentaler Selbstgewissheit empfängt. Team D unterliegt einem strengen Dresscode. Die Sachen müssen bei allerlei öffentlichen und halböffentlichen Veranstaltungen tatsächlich getragen werden.
Gestalterisch haben sich irgendwelche progressiven Designer bei Adidas pflichtbewusst an Schwarz, Gelb und Rot geklammert, aber ohne jede Übersetzung, ohne jede kulturelle Veredelung. Das Rot könnte ein kräftiges Bordeauxrot sein, das Gelb ganz einfach ein Medaillengold. Doch der Designer hat sich für matte Entsättigung entschieden. Ausgebleichte Töne, ausgewaschenes Rot und dazwischen ein aggressives Koralle, das an schmerzhaften Sonnenbrand von Kreuzfahrt-Pauschal-Touristen erinnert.
Die Inszenierung, das Fotoshooting, das offensichtlich der Deutsch Olympische Sportbund zu verantworten hat, setzt die Geringschätzung fort. Statt die Athleten in einer Umgebung zu zeigen, die ihrer Leistung entspricht, schneeweiße Pisten, grandiose Statuen vielleicht, weitschweifende Alpenkulisse, stellt man sie vor eine amateurhaft hingeklatschte Fototapete. Die gesamte Kampagne wirkt billig und auf Sparmodus. Und ist einem, man kann es nicht anders sagen, hochpeinlich.
Kleidung, auch wenn man das in Deutschland immer wieder aufs Neue erklären muss, ist keine Nebensache. Im Falle von Olympia ist sie psychologische Rüstung, Ausdruck von kultureller Identität und eine Botschaft an die Welt. Es versteht sich von selbst, die Athleten für Deutschland, die Enormes für das Land und im Namen des Landes leisten, entsprechend auszustatten. Doch das Land, das sie einkleidet, traut sich kein Bild von Größe zu. Statt sie zu würdigen, werden die Olympioniken in der Kleidung entwürdigt.
Die „wasserdichte, oversized Xperior Hybrid Primeknit CLIMAPROOF+ Jacke“, der Anglerhut, und die Fleecejacke in Teddyflock, welche die Athleten bei der Eröffnungsfeier tragen werden, die sie im Olympischen Dorf ausführen und bei jeder annähernd öffentlichen Veranstaltung anhaben müssen, sagen alles über das Selbstverständnis eines Landes, das verlernt hat, sich als relevant und gestaltend zu begreifen. So eine Garderobe lähmt alle, die das Land durch Ehrgeiz, Disziplin und der Lust am Wettbewerb und am Sieg wieder nach vorn bringen wollen und keine Lust haben auf ökonomischen und kulturellen Abstieg.
Noch deprimierender ist der Vergleich mit den USA und anderen Nationen, die nicht irgendwann in eine kollektive Identitäts- ergo Stilkrise geraten, sondern ganz bei sich geblieben sind – und dann bei Olympia neben den Deutschen stehen. Ralph Lauren hat mal wieder souverän kontrollierte Lässigkeit mit Machtbewusstsein entworfen: Norweger-Strickrollkragen mit Flaggenmotiv, cremefarbene Dufflecoats, weiße Bundfaltenhosen, espressobraune Ledergürtel, zwiegenähte Hiking-Boots vermitteln Stabilität, Tradition, Sportlichkeit, Weltläufigkeit – und gibt den Athleten Rückhalt, Stolz und Präsenz. So sieht eine Nation aus, die sich nicht entschuldigt, wenn sie selbstbewusst auftritt.
Auch die Mongolei sticht hervor. Ein Land, das mit gerade einmal drei Athleten antritt. Statt Funktionsästhetik setzt man auf lokales Handwerk, huldigt der Kaschmir-Produktion vor Ort, dunkle Töne, ruhige Eleganz, Pathos. Die Anmutung erinnert an Loro Piana. So ein Auftritt bleibt nicht folgenlos, vor allem nicht in Italien! Die Mongolei hat verstanden, dass olympische Leistung mehr ist als Stoppuhr und Muskel. Sie braucht ein Gegenüber, eine Form und eine Erzählung. Stil flankiert den Wettkampf und kurbelt die lokale Wirtschaft an, weil danach die halbe Welt mongolischen Kaschmir tragen will. So kann man mit drei Athleten Größe zeigen. Und mit hundert schlecht gekleideten nationale Selbstverzwergung.
