{"id":320424,"date":"2026-01-26T19:30:56","date_gmt":"2026-01-26T16:30:56","guid":{"rendered":"https:\/\/vof-news.eu\/jetzt-bleibt-den-herrschenden-nur-noch-gewalt\/"},"modified":"2026-01-26T19:31:54","modified_gmt":"2026-01-26T16:31:54","slug":"jetzt-bleibt-den-herrschenden-nur-noch-gewalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vof-news.eu\/de\/jetzt-bleibt-den-herrschenden-nur-noch-gewalt\/","title":{"rendered":"Jetzt bleibt den Herrschenden nur noch Gewalt"},"content":{"rendered":"<div>\n<p>Egal welche Zahlen man zugrunde<br \/>\nlegt: Die Antwort der iranischen F\u00fchrung auf die <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/gesellschaft\/zeitgeschehen\/2026-01\/iran-proteste-tote-staatsfernsehen\" rel=\"nofollow\">j\u00fcngsten Proteste<\/a> ist<br \/>\nbeispiellos in der iranischen Geschichte. Ob es sich um 3.100 Tote (nach<br \/>\nAngaben des Staates), 5.000 Tote (nach Angaben der Menschenrechtsorganisation<br \/>\nHrana) oder mehr als 12.000 Tote (nach diversen Medienberichten) handelt,<br \/>\nspielt keine Rolle f\u00fcr diese Einordnung \u2013 selbst f\u00fcr die Ma\u00dfst\u00e4be der<br \/>\niranischen Autokratie stellt jede dieser Zahlen eine Eskalation dar. Denn lange Zeit<br \/>\nverstanden sich die Machthaber als Vertreter eines revolution\u00e4ren Staates,<br \/>\naus der Revolution geboren und angetreten, sie zu verteidigen. Dass sie ihr \u2013<br \/>\nwenn auch stets volatiles \u2013 Verh\u00e4ltnis zur iranischen Stra\u00dfe derma\u00dfen kompromisslos<br \/>\naufk\u00fcndigen, stellt eine Z\u00e4sur in Selbstverst\u00e4ndnis und Vorgehensweise dar.\n<\/p>\n<p>Um das zu verstehen, lohnt sich<br \/>\nein Blick in ebendieses Selbstverst\u00e4ndnis. Zentraler Ankerpunkt im kollektiven<br \/>\nGed\u00e4chtnis der Anh\u00e4nger Ajatollah Khomeinis, des Staatsgr\u00fcnders der Islamischen<br \/>\nRepublik, war das Massaker von 1963. Als seine Anh\u00e4nger damals gegen die Verhaftung<br \/>\nKhomeinis protestierten, wurden sie von Truppen des Schahs angegriffen, die<br \/>\nfrei in die Menschenmenge feuerten. Die zahlreichen Toten wurden zu M\u00e4rtyrern<br \/>\nder islamistischen Bewegung und pr\u00e4gen seit Beginn der Revolution die<br \/>\nErinnerungskultur der Machthaber. Und auch der &#8222;Schwarze Freitag&#8220; von 1978, am<br \/>\nVorabend der Revolution, geh\u00f6rt zu dieser Kultur. Obwohl ein Notstand<br \/>\nausgerufen worden war, versammelten sich damals Protestierende in Teheran. Nachdem diese<br \/>\nsich weigerten, den Platz zu verlassen, er\u00f6ffneten die Soldaten des Schahs das<br \/>\nFeuer, Dutzende wurden get\u00f6tet. Der Vorfall, dessen Opferzahlen von politischen<br \/>\nAkteuren deutlich \u00fcbertrieben wurden, vertiefte die Kluft zwischen Staat und<br \/>\nBev\u00f6lkerung und kostete die Monarchie ihre verbliebene Legitimit\u00e4t.\n<\/p>\n<p>Es stimmt nun, dass auch seitens des heutigen iranischen Regimes in der Vergangenheit brutal und skrupellos gegen Demonstrierende vorgegangen wurde. Dieses Regime wurde aber immer auch von Menschen getragen, die aus Emp\u00f6rung und Wut \u00fcber die offene Gewalt gegen Zivilisten\u00a0w\u00e4hrend der Schah-Zeit politisiert waren oder selbst Opfer dieser Repressionen geworden waren und h\u00e4ufig auch lange Jahre in Gef\u00e4ngnissen verbracht hatten. Unter diesem Vorbehalt stand daher auch die eigene Gewalt immer.\u00a0\n<\/p>\n<p>Die Politikwissenschaftlerin Narges Bajoghli schildert in ihrem Buch \u00a0die Widerspr\u00fcche, die damit einhergingen: Einerseits erlaubt das offizielle Narrativ keine Darstellung, in der neben Islamisten auch linke und liberale Oppositionelle gegen den Schah aufbegehrten. Andererseits standen sp\u00e4testens 2009 auch F\u00fchrungsfiguren der einstigen Revolution\u00e4ren auf der Stra\u00dfe, die direktere Erfahrungen mit Repressionen der Schah-Zeit gemacht hatten als die Milizen, die diese Proteste nun zerschlugen. In diesem Spannungsfeld war den Machthabern vom ersten Tag an schmerzlich bewusst, wie schnell ein System seine eigene Autorit\u00e4t verspielen konnte, wenn es zur falschen Art der Repression griff.\n<\/p>\n<p>Das System, das daraus<br \/>\nhervorging, war dementsprechend keineswegs gewaltfrei. Aber es war stets<br \/>\nkalkuliert in der Art, wie es seine Gewalt einsetzte. Universit\u00e4ten etwa, an<br \/>\ndenen die Revolution gegen den Schah stark vorangetrieben wurde, genossen einen<br \/>\ngewissen Schutz in der Zeit nach dem Schah \u2013 man schloss sie nicht einfach, lieber<br \/>\nwurde ihre F\u00fchrung gleichgeschaltet. Denn die neuen Machthaber, in ihrem<br \/>\nSelbstverst\u00e4ndnis h\u00e4ufig Opfer der Schah-Diktatur, wollten auf keinen Fall wie<br \/>\nder Schah aussehen. Anstatt dass Sicherheitskr\u00e4fte in Menschenmassen feuerten,<br \/>\nwurden diese von regimetreuen Gegendemonstranten vertrieben und verpr\u00fcgelt.<br \/>\nAnstatt Massen zu t\u00f6ten, wurden Anf\u00fchrer identifiziert, entf\u00fchrt und verhaftet.<br \/>\nKhomeini selbst sprach in Reden davon, dass politische Gegner zum Islam<br \/>\nzur\u00fcckfinden m\u00fcssten und dass diesen ein Prozess gemacht werde.\u00a0\n<\/p>\n<p>Das war gewiss<br \/>\nkeine konziliante Position, aber ein legalistisches Verst\u00e4ndnis von Autokratie,<br \/>\nin der Herrschaft zumindest an Prozesse gebunden ist. Und es war ein System,<br \/>\nwelches die Einbindung der Massen stets zum Ziel hatte und in welchem eben<br \/>\nnicht eine kleine Elite \u00fcber die Bev\u00f6lkerung herrschte, sondern die breite<br \/>\nBev\u00f6lkerung mobilisiert werden sollte f\u00fcr das Projekt der Islamischen Republik.<br \/>\nAuch deswegen gab es innerhalb der politischen Elite Strategiedebatten, wie<br \/>\ndiese Integration der Massen funktionieren sollte.\n<\/p>\n<p>Diese Art der Islamischen<br \/>\nRepublik hatte St\u00e4rken im Vergleich zu anderen Autokratien. Im Krieg mit dem<br \/>\nIrak konnten enorme Kr\u00e4fte mobilisiert werden. Die demokratischen,<br \/>\npartizipativen Elemente sorgten daf\u00fcr, dass kluge K\u00f6pfe rekrutiert werden<br \/>\nkonnten und Konflikte innerhalb der Eliten weitgehend friedlich durch<br \/>\nWahlen ausgefochten wurden. Und der <span><a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/iran\" rel=\"nofollow\">Iran<\/a><\/span> genoss, trotz allem, einen relativen<br \/>\nFrieden, verglichen mit den blutigen Aufst\u00e4nden in seinen Nachbarl\u00e4ndern. Schlie\u00dflich<br \/>\nerm\u00f6glichte diese Verfasstheit einen friedlichen \u00dcbergang nach dem Tod<br \/>\nKhomeinis, da sie einen Ausgleich innerhalb der Eliten erm\u00f6glichte.\n<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gab es schon immer und immer wieder verst\u00e4rkt gegenl\u00e4ufige Tendenzen. Bereits die Massent\u00f6tung von Oppositionellen in Irans Gef\u00e4ngnissen, die Khomeini 1988 kurz vor seinem Tod anordnete, verdeutlichte die Gewaltbereitschaft. Und just in der Periode relativen Pluralismus in den 1990er-Jahren fanden die ber\u00fcchtigten sogenannten Kettenmorde statt, in denen oppositionelle Intellektuelle get\u00f6tet wurden. Dennoch gab das System, das aus der Revolution entstand, nie den Anspruch auf, mit der Stra\u00dfe zu regieren, gar f\u00fcr die Stra\u00dfe zu sprechen. Seinen Gegnern warf es regelm\u00e4\u00dfig vor, abgehoben in den St\u00e4dten oder im Exil zu leben. Die Gewalt gegen Intellektuelle und Exilanten lie\u00df sich gut damit vereinbaren, dass die eigene Basis woanders verortet wurde. Und oft versteckten die Machthaber ihre Gewalt auch, versch\u00e4mt im Dunkeln oder weit weg in Gebieten ethnischer Minderheiten.\n<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Egal welche Zahlen man zugrunde legt: Die Antwort der iranischen F\u00fchrung auf die j\u00fcngsten Proteste ist beispiellos in der iranischen Geschichte. 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