{"id":308320,"date":"2025-12-16T17:31:09","date_gmt":"2025-12-16T14:31:09","guid":{"rendered":"https:\/\/vof-news.eu\/ein-teil-von-mir-ist-noch-immer-in-der-strafkolonie\/"},"modified":"2025-12-16T17:33:04","modified_gmt":"2025-12-16T14:33:04","slug":"ein-teil-von-mir-ist-noch-immer-in-der-strafkolonie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vof-news.eu\/de\/ein-teil-von-mir-ist-noch-immer-in-der-strafkolonie\/","title":{"rendered":"&#8222;Ein Teil von mir ist noch immer in der Strafkolonie&#8220;"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><strong>DIE ZEIT: <\/strong>Herr Bjaljazki, wie geht es Ihnen?\n<\/p>\n<p><strong>Ales<\/strong> <strong>Bjaljazki: <\/strong>Ich habe einige gesundheitliche Probleme und komme gerade von ein paar Untersuchungen. Aber im Grunde geht es mir gut.\n<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong> Vor zwei Tagen waren Sie noch im \u00e4u\u00dfersten Osten von <span><a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/belarus\" rel=\"nofollow\">Belarus<\/a><\/span> inhaftiert. Nun sind Sie in Freiheit \u2013 in der litauischen Hauptstadt Vilnius. Wie f\u00fchlt sich das an?\n<\/p>\n<p><strong>Bjaljazki:<\/strong> Ein Teil von mir ist noch immer dort, in der Strafkolonie. Aber ich versuche, mich so schnell wie m\u00f6glich zu akklimatisieren. Zugleich berauscht mich die Freiheit regelrecht. Ich bin betrunken davon!\u00a0\n<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong>\u00a0Sie sprachen auch davon, dass es sich anf\u00fchlte, als seien Sie vom Meeresgrund zur Wasseroberfl\u00e4che aufgetaucht, um endlich wieder Luft und Sonne zu tanken.\n<\/p>\n<p><strong>Bjaljazki:<\/strong> Ja, so kann man das auch beschreiben. Ich habe meine Frau lange nicht gesehen, konnte nicht mit meinen Freunden sprechen, nicht mit meinem Sohn. Es ist einfach eine gro\u00dfe Freude. Die Gef\u00fchle \u00fcberw\u00e4ltigen mich.\n<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong>\u00a0Lassen Sie uns dennoch \u00fcber die Haft sprechen, die Umst\u00e4nde. Was k\u00f6nnen Sie dar\u00fcber sagen?\n<\/p>\n<p><strong>Bjaljazki:<\/strong> Es herrschen dort harsche Umst\u00e4nde. Aber als politische Gefangene wurden wir noch einmal gesondert behandelt. Wir waren mit gelben Abzeichen als solche gekennzeichnet und unterlagen st\u00e4ndiger Kontrolle. Wir wurden oft bestraft, angeblich, weil wir gegen die &#8222;Regeln der inneren Ordnung&#8220; versto\u00dfen hatten. Dazu geh\u00f6rte nicht viel. Es reichte, einen Knopf nicht richtig zugemacht zu haben, sich nicht richtig rasiert oder die Zelle nicht richtig geputzt zu haben.\n<\/p>\n<p><strong>ZEIT:\u00a0<\/strong>Wie wurden Sie bestraft?\n<\/p>\n<p><strong>Bjaljazki:<\/strong> Die Sendungen, die du von deinen Angeh\u00f6rigen bekommst, werden gestrichen. Oder man kommt in eine Einzelzelle. Dort ist es so kalt, dass du nicht schlafen kannst. Und sie verweigern dir den Kontakt zu deinen Liebsten. In einem Jahr habe ich nur einen Brief erhalten, meine Frau bekam keinen einzigen von mir. Das ist eine bewusste Methode: die Menschen zu isolieren, sie psychologisch und moralisch unter Druck setzen.\n<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong>\u00a0Als Sie den <span><a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/friedensnobelpreis\" rel=\"nofollow\">Friedensnobelpreis<\/a><\/span> erhielten, waren Sie schon in Haft. Wie haben Sie \u00fcberhaupt davon erfahren?\n<\/p>\n<p><strong>Bjaljazki:<\/strong> Das hat mir jemand auf dem Gef\u00e4ngnisgang zugerufen. Es lief gerade das Gerichtsverfahren gegen mich, ich war noch im Untersuchungsgef\u00e4ngnis. Jeden Tag wurde ich von meiner Zelle zum Anwalt gef\u00fchrt. Und an einem dieser Tage habe ich das von einem anderen Gefangenen erfahren, der sagte: Ales, du bist Nobelpreistr\u00e4ger! Ich konnte das gar nicht glauben. Aber der Anwalt hat es mir dann best\u00e4tigt.\n<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong>\u00a0Warum waren Sie so \u00fcberrascht?\n<\/p>\n<p><strong>Bjaljazki:<\/strong> Ich hatte es einfach nicht erwartet. Es gab immer so viele w\u00fcrdige Kandidaten. Nat\u00fcrlich ist es eine gro\u00dfe Ehre. Aber dieser Preis gilt nicht mir, sondern der gesamten belarussischen Zivilgesellschaft, die f\u00fcr die Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit in Belarus k\u00e4mpft. Und f\u00fcr all jene, die einen wirklichen Wandel wollen \u2013 und daf\u00fcr ins Gef\u00e4ngnis mussten. Das ist eine Auszeichnung f\u00fcr uns alle.\n<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong>\u00a0Hat Ihnen der Nobelpreis im Gef\u00e4ngnis geholfen?\n<\/p>\n<p><strong>Bjaljazki:<\/strong> Das hat mich bestimmt gesch\u00fctzt. Meine Haftstrafe wurde danach nicht mehr verl\u00e4ngert, wie das bei anderen politischen Gefangenen \u00fcblich war. Und dadurch blieben mir wohl auch die schlimmsten Repressionen erspart.\n<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong>\u00a0Andere politische Gefangene haben von Folter und Gewalt berichtet.\n<\/p>\n<p><strong>Bjaljazki: <\/strong>Ich kenne diese F\u00e4lle nat\u00fcrlich. Einige Menschen sind sogar in Haft gestorben. Ich wurde nicht gefoltert und nicht geschlagen.\n<\/p>\n<p><strong>ZEIT: <\/strong>Woher nahmen Sie die Kraft, das alles zu ertragen?\n<\/p>\n<p><strong>Bjaljazki:<\/strong> Was blieb mir anderes \u00fcbrig? Man muss durchhalten. Aber ich war immer davon \u00fcberzeugt, dass wir fr\u00fcher oder sp\u00e4ter freikommen werden. Vielleicht hatte ich nicht erwartet, dass es so lange dauert, aber nun ist es passiert.\n<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong>\u00a0Sie wurden 2021 festgenommen, ein Jahr nach den gro\u00dfen Anti-Lukaschenko-Protesten, auf die eine massive Repressionswelle folgte, mit vielen Festnahmen und Verhaftungen. Sp\u00e4ter wurden Sie wegen des Vorwurfs von &#8222;Schmuggel&#8220; und &#8222;Organisation und Vorbereitung von Handlungen, die die \u00f6ffentliche Ordnung grob verletzen&#8220;, zu zehn Jahren Haft verurteilt.\n<\/p>\n<p><strong>Bjaljazki:<\/strong> Es war damals eine bewusste Entscheidung von mir, nicht aus dem Land auszureisen, als es immer gef\u00e4hrlicher wurde. Ich wollte bleiben. Aber es gibt Dinge, die wir nicht vorhersehen konnten \u2013 und auf die wir keinen Einfluss hatten. Wie darauf, dass Russland 2022 die <span><a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/ukraine-krieg-news-liveblog\" rel=\"nofollow\">Ukraine<\/a><\/span> \u00fcberfiel. Und Belarus war mittendrin, von dort aus wurde die russische Invasion auf die Ukraine gestartet. Die Ukraine k\u00e4mpft f\u00fcr ihre demokratische, europ\u00e4ische Zukunft, ein Kampf, den ich voll und ganz unterst\u00fctze. Aber in dieser verzweifelten Lage waren wir politischen Gefangenen schnell vergessen. Wir wurden zu Geiseln dieser Situation.\u00a0\n<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong>\u00a0Unter US-Pr\u00e4sident Donald Trump kam wieder Bewegung in die Sache, in den vergangenen Monaten wurden viele politische Gefangene freigelassen. Was wissen Sie \u00fcber die Umst\u00e4nde Ihrer Freilassung?\n<\/p>\n<p><strong>Bjaljazki:<\/strong> Das war nat\u00fcrlich ein Handel: politische Gefangene gegen Aufhebung der Sanktionen. Wir sind Geiseln des Regimes. Aber seitdem es diese Freilassungen gab, hat der Druck in der Haft gegen uns nachgelassen. Das haben wir gesp\u00fcrt \u2013 und nat\u00fcrlich darauf gehofft, freizukommen. In meiner Strafkolonie waren 20 politische Gefangene. Aber freigekommen bin nur ich. Sie m\u00fcssen alle freigelassen werden! Und die Repressionen in Belarus m\u00fcssen aufh\u00f6ren. Derzeit ist es so: Lukaschenko tauscht Gefangene gegen Sanktionen, sperrt aber immer wieder neue ein. Man muss diese repressive Maschine stoppen.\n<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong>\u00a0Wie?\n<\/p>\n<p><strong>Bjaljazki:<\/strong> Mir scheint, dass die europ\u00e4ische Position hier sehr konsequent war. Sie war die Grundlage daf\u00fcr, dass die politischen Gefangenen freikommen. Wenn es den politischen Druck und die wirtschaftlichen Sanktionen nicht g\u00e4be, s\u00e4\u00dfen wir wohl noch weiter im Gef\u00e4ngnis.\n<\/p>\n<p><strong>ZEIT:\u00a0<\/strong>Aber es waren die Amerikaner, die diese Freilassungen verhandelt haben.\n<\/p>\n<p><strong>Bjaljazki:<\/strong> Ja, das stimmt, die Amerikaner haben hier einen anderen Zugang, eine andere Taktik.\n<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong>\u00a0Sie fordern also mehr Druck auf Lukaschenko?\n<\/p>\n<p><strong>Bjaljazki:<\/strong> Man muss die Psychologie totalit\u00e4rer Systeme verstehen: Ihre Herrscher verstehen nur St\u00e4rke. Jedes Angebot zu Verhandlungen, zur Normalisierung der Beziehungen oder der Lockerung der Sanktionen sehen sie als Schw\u00e4che an.\n<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong>\u00a0Sie haben in den 1990er-Jahren die wichtigste Menschenrechtsorganisation in Belarus gegr\u00fcndet, um politische Gefangene zu unterst\u00fctzen. Sie wurden selbst zu einem: Schon 2011 bis 2014 sa\u00dfen Sie im Gef\u00e4ngnis. Man merkt Ihnen den professionellen Blick auf das Thema an. Ist es nicht etwas anderes, wenn man von diesen Repressionen selbst betroffen ist?\n<\/p>\n<p><strong>Bjaljazki:<\/strong> Nat\u00fcrlich. Wenn du das selbst erleben musst, verstehst du das nat\u00fcrlich anders. Und etwas, was nat\u00fcrlich heute anders ist als 2014: Sie haben mich aus meinem Land geworfen.\n<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong>\u00a0Politische Gefangene wurden zuletzt bei ihrer Freilassung direkt au\u00dfer Landes gebracht, in die EU oder in die Ukraine.\n<\/p>\n<p><strong>Bjaljazki:<\/strong> Ja. Ich habe keine M\u00f6glichkeit, nach Belarus zur\u00fcckzukehren, in meine geliebte Heimat, wo ich mein ganzes Leben lang gelebt habe.\n<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong>\u00a0Wie sehen Sie die Lage in Belarus heute \u2013 und was wissen Sie \u00fcberhaupt dar\u00fcber?\n<\/p>\n<p><strong>Bjaljazki:<\/strong> Im Straflager sind st\u00e4ndig neue politische Gefangene angekommen. Das war nat\u00fcrlich ein Zeichen, dass die Repressionen weitergehen \u2013 oder sogar schlimmer werden. Das belarussische Regime ist poststalinistisch. Es gibt zwar keine Massenerschie\u00dfungen mehr. Aber die Massenverhaftungen, die Angst, der Terror gegen die Zivilbev\u00f6lkerung, um jeden Wunsch nach Freiheit im Keim zu ersticken, das ist \u00e4hnlich.\n<\/p>\n<p><strong>ZEIT:<\/strong>\u00a0Trotzdem sprechen Sie immer wieder davon, dass Sie fest daran glauben, dass sich etwas ver\u00e4ndern wird. Woher nehmen Sie diese Hoffnung?\n<\/p>\n<p><strong>Bjaljazki:<\/strong>\u00a0Ich werde nie die Tausenden Menschen vergessen, die im Sommer 2020 auf die Stra\u00dfe gegangen sind, um einen demokratischen Wandel zu fordern. Es mag sein, dass ein Teil von ihnen ausgereist ist oder Angst hat. Die Lage ist schwer. Aber diese Menschen sind nicht verschwunden. Ich bin \u00fcberzeugt, dass es fr\u00fcher oder sp\u00e4ter zu einem Wandel kommen wird.\n<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DIE ZEIT: Herr Bjaljazki, wie geht es Ihnen? Ales Bjaljazki: Ich habe einige gesundheitliche Probleme und komme gerade von ein paar Untersuchungen. Aber im Grunde geht es mir gut. ZEIT: Vor zwei Tagen waren Sie noch im \u00e4u\u00dfersten Osten von Belarus inhaftiert. Nun sind Sie in Freiheit \u2013 in der litauischen Hauptstadt Vilnius. 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