{"id":254004,"date":"2025-07-14T15:26:08","date_gmt":"2025-07-14T12:26:08","guid":{"rendered":"https:\/\/vof-news.eu\/der-schopfer-von-deutschlands-teuerster-immobilie\/"},"modified":"2025-07-14T15:26:40","modified_gmt":"2025-07-14T12:26:40","slug":"der-schopfer-von-deutschlands-teuerster-immobilie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vof-news.eu\/de\/der-schopfer-von-deutschlands-teuerster-immobilie\/","title":{"rendered":"Der Sch\u00f6pfer von Deutschlands teuerster Immobilie"},"content":{"rendered":"<p>J\u00fcrgen Mayer H steht in seiner Retrospektive im Deutschen Designmuseum und sieht gut aus. Es ist Montagmorgen in Berlin-Charlottenburg, die Sonne brennt, und die Obdachlosen unter den S-Bahnb\u00f6gen haben ihre Decken zur Seite gerollt. Mayer H war am Wochenende Radfahren in Kopenhagen, was sein gesunder Teint im perfekt sitzenden, bl\u00fctenwei\u00dfen Hemd bezeugt. Im Oktober wird er 60, was man ihm nicht glaubt.<\/p>\n<p>Das Museum war mal eine Spielhalle, das gedrungen-dynamisch angelegte Innenleben erinnert noch daran. Heute breiten sich dort Modelle, Fotos und Renderings aus \u2013 digitalfluide Geb\u00e4ude und knallbunt-spacige Interieurs. Mayer H blickt zufrieden auf 30 Jahre Werkgeschichte, die Architektur ist und Skulptur zugleich, Science-Fiction und Design. Fantasiegebilde, die meist gebaut wurden und tats\u00e4chlich funktionieren. Sein zwanzigk\u00f6pfiges Berliner B\u00fcro geh\u00f6rt zu den gefragtesten weltweit.<\/p>\n<p>Eine Villa vor den Toren Moskaus, Liegest\u00fchle auf dem Times Square, ein Heim f\u00fcr obdachlose Kinder in Berlin \u2013 Mayer H hat so ziemlich alles in seine organisch-virtuelle Formensprache gegossen. Am ber\u00fchmtesten: die ineinander verschlungenen Sonnenschirmbauten Metropol Parasol in Sevilla, das gr\u00f6\u00dfte Holzgeb\u00e4ude der Welt. Eine Zeit lang war Mayer H Deutschlands Mann in Georgien. Dort errichtete er Autobahnrastst\u00e4tten, einen Grenz\u00fcbergang, eine Polizeistation und zwei Flugh\u00e4fen in Form futuristischer Schwebestrukturen. Der damalige Pr\u00e4sident Saakaschwili wollte damit sein Land in die Zukunft f\u00fchren. Das ging dann \u2013 wegen der Russen \u2013 leider schief.<\/p>\n<p>Zuletzt hat Mayer H, dessen \u201eH\u201c von seinem zweiten Vornamen Hermann stammt, einen Flughafen f\u00fcr das d\u00e4nische Sonderborg entworfen und einen Skyscraper f\u00fcr Seoul, der aussieht wie ein \u00fcberlanger Joystick mit begr\u00fcnten L\u00fcftungsschlitzen. Schlechte Zeiten f\u00fcr Architektur, wegen Rezession, Klimakrise, Weltuntergang? Nicht bei Mayer H: \u201eWir waren im Ausland bisher viel aktiver als hier, auch wenn sich das gerade \u00e4ndert\u201c \u2013 was wom\u00f6glich daran liegt, dass man anderswo gewagte Formen gut findet, w\u00e4hrend in Deutschland Funktionalit\u00e4t und irgendeine Ampel regiert, die meistens auf Rot steht.<\/p>\n<p>In den vergangenen Wochen war Mayer H in Korea, Kolumbien und K\u00f6ln, in Prag, Bukarest und Lyon. Die Venedig-Biennale hat er abgesagt: \u201eWir haben gerade zu viele aktuelle, spannende Projekte. Vielleicht sind wir n\u00e4chstes Jahr wieder dabei, wie schon seit 30 Jahren.\u201c Das Deutsche Designmuseum oder vielmehr: Dessen Direktor, der Gr\u00fcnder, Autor und Regalentwickler Rafael Horzon, hatte also Gl\u00fcck, dass Mayer H extra f\u00fcr ihn seine Wohnung und sein Studio ausr\u00e4umte. Dort lagerte all das, was nun sch\u00f6n auf gro\u00dfen Tischen und an W\u00e4nden inszeniert ist. Bei der Er\u00f6ffnung musste alles zwischen Ku\u2019Damm und Kantstra\u00dfe wegen \u00dcberf\u00fcllung \u2013 auch dank freien Schnapsausschanks \u2013 kilometerweit gesperrt werden, also fast. Denn Mayer H\u2019s positive Ausstrahlung ist so ansteckend, dass die gesamte, derzeit von einiger Miesepetrigkeit geplagte Kunst- und Architekturszene kam und auftankte.<\/p>\n<p>\u201eIch blicke mit meiner Arbeit in eine Zukunft, die neugierig macht und nicht von Angst definiert ist\u201c, sagt der Architekt, dessen z\u00fcgiger, dezent davonschw\u00e4belnder Sprache man gerne zuh\u00f6rt. \u201eDass die Ausstellung Placeships hei\u00dft, ist auch ein Bezug zu der teils futuristischen Anmutung Berlins. Hier gibt es Geb\u00e4ude wie das Internationale Kongresszentrum ICC, das im September f\u00fcr einige Tage wieder \u00f6ffnen soll \u2013 eine v\u00f6llig \u00fcberholte \u00c4sthetik, die aber heute wieder Sinn ergibt. Dieser Moment zwischen Vergangenheit und Zukunft besch\u00e4ftigt mich.\u201c<\/p>\n<p>Mayer H fragt: Wie ver\u00e4ndert Architektur den Blick, unsere emotionale Lesart? Unter Architektur versteht er jede Intervention, vom Hocker bis zum Hochhaus, weswegen das neongelbe, in sich verdrehte Ding auf dem Tisch beides sein k\u00f6nnte. Er habe mit dem, was er tue, keinen Ewigkeitsanspruch, sagt Mayer H Die Ausstellung sieht er als \u201eDarstellung einer Suche, ein Sich-Vorantasten durch die Grenzen unserer Zeit. Es geht darum, eine Architektur f\u00fcr den jetzigen Wissensstand, unsere heutigen Technologien, unser aktuelles soziales Gef\u00fcge zu entwickeln.\u201c <\/p>\n<p>Und nein, zeitlos sei das nicht. Das sei auch gar nicht seine Absicht, denn was ist schon zeitlos? Selbst die Moderne mit rechten Winkeln spricht ja die Sprache ihrer \u00c4ra. Aber Beige! Das sei die Farbe unserer Zeit. \u201eEs gibt sogar Berechnungen des kosmischen Lichtspektrums, was sich von Rot nach Blau abk\u00fchlt, laut derer wir uns jetzt in der beigen Phase befinden.\u201c<\/p>\n<p>Man muss nur an Stadtfassaden denken, an Rentnerlook, Safari-Outfits, Uniformen, teure Interieurs, Taxis und Caff\u00e8 Latte. \u201eBeige hinterfragt niemand, Beige ist einfach gegeben. Es ist eine Farbe, die man sich nicht aussucht, die schon da ist. Bei jeder anderen Farbe wird man gefragt, warum ist das Gelb oder Rot?\u201c Das Thema hat Mayer H schon an der Columbia und in Princeton behandelt, auch in Harvard hat er bereits gelehrt. Im September wird er im ICC mit einem Beitrag zum Thema Cosmic Latte an einer Konferenz teilnehmen.<\/p>\n<p>Dann ist da das Berliner Humboldt Forum. Berlins gr\u00f6\u00dfter Zankapfel k\u00f6nnte beiger nicht sein, ein Symbol der Unentschlossenheit und Biederkeit, womit die Stadtschlosskopie nun Unter den Linden steht wie eine preu\u00dfische Kaffeesahnetorte. Doch in die gestanzte Fassade wird sich bald ein Pfeil bohren, ein St\u00f6relement, wie Mayer H sagt. Gerade hat er den Kunst-am-Bau-Wettbewerb gewonnen \u2013 was zeigt, dass er zwischen den Disziplinen schlichtweg nicht unterscheidet und sich auch als K\u00fcnstler versteht.<\/p>\n<h3>Pfeil im Berliner Stadtschloss<\/h3>\n<p>Am Humboldt Forum also wird ab Anfang 2026 sein sogenannter S\u00fcdpfeil einerseits auf die ethnologische Sammlung verweisen, deren Artefakte vor allem aus dem \u201eGlobalen S\u00fcden\u201c stammen. Andererseits wurden Pfeil und Bogen auch in Europa verwendet, etwa in der Steinzeit. Die Vermutung, dass hier postkolonial indoktrinierte K\u00e4mpfer einen Angriff starten, greift also zu kurz. Mit St\u00f6rchen aber kommt man weiter: Von ihnen wusste man n\u00e4mlich lange nicht, dass sie im Winter nach Afrika fliegen. \u201eDas wurde erst klar, als sie mit Pfeilen im K\u00f6rper zur\u00fcckkamen\u201c, sagt Mayer H. Die Pfeile wurden untersucht, was viel \u00fcber Migrationsrouten von Zugv\u00f6geln erz\u00e4hlte.<\/p>\n<p>Diese Verweisvielfalt spiegelt sich auch in Mayer H\u2019s organisch-hybrider Architektur. Wie eigentlich seine Formen entstehen? Und was all die gerahmten, dicht mit Mustern bedruckten Innenseiten von Briefumschl\u00e4gen bedeuten, die in der Ausstellung h\u00e4ngen? \u201eDatensicherungsmuster sind der Ausgangspunkt meiner Arbeit\u201c, sagt Mayer H. Vielleicht, weil man von optisch \u00fcberw\u00e4ltigender Architektur keine Komplexit\u00e4t erwartet, \u00fcberrascht diese Antwort viele. <\/p>\n<p>\u201eVisuelle Codes dienen seit Beginn des 20. Jahrhunderts dem Schutz von Informationen in Druckmedien. Sie bilden die Schwelle zwischen privat und \u00f6ffentlich, innen und au\u00dfen. Buchstaben und Zahlen \u00fcberlagern einander, sodass sie Tarnmuster ergeben.\u201c Dieses Prinzip sei im Informationszeitalter per Kodierungssoftware auf elektronische Medien \u00fcbertragen worden. \u201eTransformiert ins Dreidimensionale bilden solche Codes aus Zahlen und Buchstaben einen Raum an der Schwelle von Innen und Au\u00dfen, Diskretion und Transparenz.\u201c<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich kann man mit diesem Wissen auf Mayer H\u2019s Entw\u00fcrfe schauen, als wohne ihnen ein Muster inne, das von Digitalit\u00e4t und Diskretion erz\u00e4hlt. Muss man aber nicht. Es reicht, ungl\u00e4ubig auf bunte Bilder ganzer Wohnungen im gesteigerten Verner-Panton-Stil zu schauen, mit welligen Einbauschr\u00e4nken, verdrehten Sitzm\u00f6beln und flie\u00dfenden Esstischen mitten in Berlin, die aussehen wie Star Trek auf Ketamin. <\/p>\n<p>Eine davon sei gerade als teuerste Wohnung Deutschlands auf dem Markt, sagt Mayer H, und er sagt das mit einer unschlagbaren Mischung aus Stolz und schw\u00e4bischer Bescheidenheit. <\/p>\n<p>So spektakul\u00e4r sein Werk aussieht: Der interdisziplin\u00e4re, kunst- und kulturkritische Kontext, mit dem J.Mayer.H \u2013 so der offizielle Name des B\u00fcros \u2013 arbeitet, macht klar, dass hier nicht blo\u00df eine KI befragt wird, wie Menschen sich die Architektur der Zukunft vorstellen. Mayer H\u2019s Bildsprache sa\u00df schon Ende der 90er, als man gerade erst begriff, was das Internet war. Dass er schon den deutschen Pavillon in Venedig bespielt hat und seine Arbeiten in der Sammlung des <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" data-internal-tracking='{\"action\":\"click\",\"label\":\"link\",\"name\":\"Inline Element\",\"data\":{\"source\":\"\",\"target\":\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kunst-und-architektur\/article13389848\/Museumslandschaft-Ein-Tempel-der-Kunst-und-zugleich-kreatives-Labor.html\",\"trackingName\":\"\",\"trackingLabel\":\"\"}}' data-internal-tracking-enabled=\"true\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kunst-und-architektur\/article13389848\/Museumslandschaft-Ein-Tempel-der-Kunst-und-zugleich-kreatives-Labor.html\">Museum of Modern Art<\/a> in New York zu finden sind, sind da nur Nebenschaupl\u00e4tze.<\/p>\n<p>Warum er Architektur und nicht Kunst studiert habe, was sein urspr\u00fcnglicher Wunsch war? \u201eMeine Eltern haben mir mal ein Buch geschenkt, darin war ein Bild von<a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" data-internal-tracking='{\"action\":\"click\",\"label\":\"link\",\"name\":\"Inline Element\",\"data\":{\"source\":\"\",\"target\":\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kunst-und-architektur\/article197056811\/Deutsche-Stahlbauten-Eine-Hymne-auf-die-Dresdner-Luftschiffhalle.html\",\"trackingName\":\"\",\"trackingLabel\":\"\"}}' data-internal-tracking-enabled=\"true\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kunst-und-architektur\/article197056811\/Deutsche-Stahlbauten-Eine-Hymne-auf-die-Dresdner-Luftschiffhalle.html\"> Erich Mendelsohns<\/a> rundlich geformtem Warenhaus Schocken in Stuttgart, das nach dem Krieg unter Protesten abgerissen wurde. Die Faszination daf\u00fcr habe ich nie verloren.\u201c <\/p>\n<p>Und tats\u00e4chlich: Betrachtet man Mayer H\u2019s Gebilde jenseits ihrer sich aufdr\u00e4ngenden digitalen Anmutung, denkt man vielleicht an die Architekten der \u201eGl\u00e4sernen Kette\u201c, die sich 1919 in einem regen Briefwechsel \u00fcber Zukunftsvisionen ergossen. W\u00e4hrend Mendelsohn seinen u-bootartigen Einsteinturm bei Potsdam baute, skizzierten Bruno Taut, Hermann Finsterlin, <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" data-internal-tracking='{\"action\":\"click\",\"label\":\"link\",\"name\":\"Inline Element\",\"data\":{\"source\":\"\",\"target\":\"https:\/\/www.welt.de\/debatte\/kommentare\/article157781214\/Nachkriegszeit-Vor-70-Jahren-wollten-Architekten-Berlin-ausradieren.html\",\"trackingName\":\"\",\"trackingLabel\":\"\"}}' data-internal-tracking-enabled=\"true\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/debatte\/kommentare\/article157781214\/Nachkriegszeit-Vor-70-Jahren-wollten-Architekten-Berlin-ausradieren.html\">Hans Scharoun<\/a> und andere Ufos mit Guckl\u00f6chern auf dem Weg in ein neues Zeitalter, in dem Geb\u00e4ude schweben und sich drehen. <\/p>\n<p>Nichts davon wurde je gebaut. Doch der Optimismus der Brieffreunde war erstaunlich. Vielleicht wussten sie, dass eines Tages jemand kommen w\u00fcrde, der \u00e4hnlich denkt. J\u00fcrgen Mayer H hat recht: Zeitlosigkeit ist eine Illusion.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>J\u00fcrgen Mayer H steht in seiner Retrospektive im Deutschen Designmuseum und sieht gut aus. Es ist Montagmorgen in Berlin-Charlottenburg, die Sonne brennt, und die Obdachlosen unter den S-Bahnb\u00f6gen haben ihre Decken zur Seite gerollt. Mayer H war am Wochenende Radfahren in Kopenhagen, was sein gesunder Teint im perfekt sitzenden, bl\u00fctenwei\u00dfen Hemd bezeugt. 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Dort errichtete er Autobahnrastst\u00e4tten, einen Grenz\u00fcbergang, eine Polizeistation und zwei Flugh\u00e4fen in Form futuristischer Schwebestrukturen. Der damalige Pr\u00e4sident Saakaschwili wollte damit sein Land in die Zukunft f\u00fchren. Das ging dann \u2013 wegen der Russen \u2013 leider schief.Zuletzt hat Mayer H, dessen \u201eH\u201c von seinem zweiten Vornamen Hermann stammt, einen Flughafen f\u00fcr das d\u00e4nische Sonderborg entworfen und einen Skyscraper f\u00fcr Seoul, der aussieht wie ein \u00fcberlanger Joystick mit begr\u00fcnten L\u00fcftungsschlitzen. Schlechte Zeiten f\u00fcr Architektur, wegen Rezession, Klimakrise, Weltuntergang? Nicht bei Mayer H: \u201eWir waren im Ausland bisher viel aktiver als hier, auch wenn sich das gerade \u00e4ndert\u201c \u2013 was wom\u00f6glich daran liegt, dass man anderswo gewagte Formen gut findet, w\u00e4hrend in Deutschland Funktionalit\u00e4t und irgendeine Ampel regiert, die meistens auf Rot steht.In den vergangenen Wochen war Mayer H in Korea, Kolumbien und K\u00f6ln, in Prag, Bukarest und Lyon. Die Venedig-Biennale hat er abgesagt: \u201eWir haben gerade zu viele aktuelle, spannende Projekte. Vielleicht sind wir n\u00e4chstes Jahr wieder dabei, wie schon seit 30 Jahren.\u201c Das Deutsche Designmuseum oder vielmehr: Dessen Direktor, der Gr\u00fcnder, Autor und Regalentwickler Rafael Horzon, hatte also Gl\u00fcck, dass Mayer H extra f\u00fcr ihn seine Wohnung und sein Studio ausr\u00e4umte. Dort lagerte all das, was nun sch\u00f6n auf gro\u00dfen Tischen und an W\u00e4nden inszeniert ist. 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Doch in die gestanzte Fassade wird sich bald ein Pfeil bohren, ein St\u00f6relement, wie Mayer H sagt. Gerade hat er den Kunst-am-Bau-Wettbewerb gewonnen \u2013 was zeigt, dass er zwischen den Disziplinen schlichtweg nicht unterscheidet und sich auch als K\u00fcnstler versteht.Pfeil im Berliner StadtschlossAm Humboldt Forum also wird ab Anfang 2026 sein sogenannter S\u00fcdpfeil einerseits auf die ethnologische Sammlung verweisen, deren Artefakte vor allem aus dem \u201eGlobalen S\u00fcden\u201c stammen. Andererseits wurden Pfeil und Bogen auch in Europa verwendet, etwa in der Steinzeit. Die Vermutung, dass hier postkolonial indoktrinierte K\u00e4mpfer einen Angriff starten, greift also zu kurz. Mit St\u00f6rchen aber kommt man weiter: Von ihnen wusste man n\u00e4mlich lange nicht, dass sie im Winter nach Afrika fliegen. \u201eDas wurde erst klar, als sie mit Pfeilen im K\u00f6rper zur\u00fcckkamen\u201c, sagt Mayer H. Die Pfeile wurden untersucht, was viel \u00fcber Migrationsrouten von Zugv\u00f6geln erz\u00e4hlte.Diese Verweisvielfalt spiegelt sich auch in Mayer H\u2019s organisch-hybrider Architektur. Wie eigentlich seine Formen entstehen? Und was all die gerahmten, dicht mit Mustern bedruckten Innenseiten von Briefumschl\u00e4gen bedeuten, die in der Ausstellung h\u00e4ngen? \u201eDatensicherungsmuster sind der Ausgangspunkt meiner Arbeit\u201c, sagt Mayer H. Vielleicht, weil man von optisch \u00fcberw\u00e4ltigender Architektur keine Komplexit\u00e4t erwartet, \u00fcberrascht diese Antwort viele. \u201eVisuelle Codes dienen seit Beginn des 20. Jahrhunderts dem Schutz von Informationen in Druckmedien. Sie bilden die Schwelle zwischen privat und \u00f6ffentlich, innen und au\u00dfen. 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Es ist Montagmorgen in Berlin-Charlottenburg, die Sonne brennt, und die Obdachlosen unter den S-Bahnb\u00f6gen haben ihre Decken zur Seite gerollt. Mayer H war am Wochenende Radfahren in Kopenhagen, was sein gesunder Teint im perfekt sitzenden, bl\u00fctenwei\u00dfen Hemd bezeugt. Im Oktober wird er 60, was man ihm nicht glaubt.Das Museum war mal eine Spielhalle, das gedrungen-dynamisch angelegte Innenleben erinnert noch daran. Heute breiten sich dort Modelle, Fotos und Renderings aus \u2013 digitalfluide Geb\u00e4ude und knallbunt-spacige Interieurs. Mayer H blickt zufrieden auf 30 Jahre Werkgeschichte, die Architektur ist und Skulptur zugleich, Science-Fiction und Design. Fantasiegebilde, die meist gebaut wurden und tats\u00e4chlich funktionieren. Sein zwanzigk\u00f6pfiges Berliner B\u00fcro geh\u00f6rt zu den gefragtesten weltweit.Eine Villa vor den Toren Moskaus, Liegest\u00fchle auf dem Times Square, ein Heim f\u00fcr obdachlose Kinder in Berlin \u2013 Mayer H hat so ziemlich alles in seine organisch-virtuelle Formensprache gegossen. Am ber\u00fchmtesten: die ineinander verschlungenen Sonnenschirmbauten Metropol Parasol in Sevilla, das gr\u00f6\u00dfte Holzgeb\u00e4ude der Welt. Eine Zeit lang war Mayer H Deutschlands Mann in Georgien. Dort errichtete er Autobahnrastst\u00e4tten, einen Grenz\u00fcbergang, eine Polizeistation und zwei Flugh\u00e4fen in Form futuristischer Schwebestrukturen. Der damalige Pr\u00e4sident Saakaschwili wollte damit sein Land in die Zukunft f\u00fchren. Das ging dann \u2013 wegen der Russen \u2013 leider schief.Zuletzt hat Mayer H, dessen \u201eH\u201c von seinem zweiten Vornamen Hermann stammt, einen Flughafen f\u00fcr das d\u00e4nische Sonderborg entworfen und einen Skyscraper f\u00fcr Seoul, der aussieht wie ein \u00fcberlanger Joystick mit begr\u00fcnten L\u00fcftungsschlitzen. Schlechte Zeiten f\u00fcr Architektur, wegen Rezession, Klimakrise, Weltuntergang? Nicht bei Mayer H: \u201eWir waren im Ausland bisher viel aktiver als hier, auch wenn sich das gerade \u00e4ndert\u201c \u2013 was wom\u00f6glich daran liegt, dass man anderswo gewagte Formen gut findet, w\u00e4hrend in Deutschland Funktionalit\u00e4t und irgendeine Ampel regiert, die meistens auf Rot steht.In den vergangenen Wochen war Mayer H in Korea, Kolumbien und K\u00f6ln, in Prag, Bukarest und Lyon. Die Venedig-Biennale hat er abgesagt: \u201eWir haben gerade zu viele aktuelle, spannende Projekte. Vielleicht sind wir n\u00e4chstes Jahr wieder dabei, wie schon seit 30 Jahren.\u201c Das Deutsche Designmuseum oder vielmehr: Dessen Direktor, der Gr\u00fcnder, Autor und Regalentwickler Rafael Horzon, hatte also Gl\u00fcck, dass Mayer H extra f\u00fcr ihn seine Wohnung und sein Studio ausr\u00e4umte. Dort lagerte all das, was nun sch\u00f6n auf gro\u00dfen Tischen und an W\u00e4nden inszeniert ist. Bei der Er\u00f6ffnung musste alles zwischen Ku\u2019Damm und Kantstra\u00dfe wegen \u00dcberf\u00fcllung \u2013 auch dank freien Schnapsausschanks \u2013 kilometerweit gesperrt werden, also fast. Denn Mayer H\u2019s positive Ausstrahlung ist so ansteckend, dass die gesamte, derzeit von einiger Miesepetrigkeit geplagte Kunst- und Architekturszene kam und auftankte.\u201eIch blicke mit meiner Arbeit in eine Zukunft, die neugierig macht und nicht von Angst definiert ist\u201c, sagt der Architekt, dessen z\u00fcgiger, dezent davonschw\u00e4belnder Sprache man gerne zuh\u00f6rt. \u201eDass die Ausstellung Placeships hei\u00dft, ist auch ein Bezug zu der teils futuristischen Anmutung Berlins. Hier gibt es Geb\u00e4ude wie das Internationale Kongresszentrum ICC, das im September f\u00fcr einige Tage wieder \u00f6ffnen soll \u2013 eine v\u00f6llig \u00fcberholte \u00c4sthetik, die aber heute wieder Sinn ergibt. Dieser Moment zwischen Vergangenheit und Zukunft besch\u00e4ftigt mich.\u201cMayer H fragt: Wie ver\u00e4ndert Architektur den Blick, unsere emotionale Lesart? Unter Architektur versteht er jede Intervention, vom Hocker bis zum Hochhaus, weswegen das neongelbe, in sich verdrehte Ding auf dem Tisch beides sein k\u00f6nnte. Er habe mit dem, was er tue, keinen Ewigkeitsanspruch, sagt Mayer H Die Ausstellung sieht er als \u201eDarstellung einer Suche, ein Sich-Vorantasten durch die Grenzen unserer Zeit. Es geht darum, eine Architektur f\u00fcr den jetzigen Wissensstand, unsere heutigen Technologien, unser aktuelles soziales Gef\u00fcge zu entwickeln.\u201c Und nein, zeitlos sei das nicht. Das sei auch gar nicht seine Absicht, denn was ist schon zeitlos? Selbst die Moderne mit rechten Winkeln spricht ja die Sprache ihrer \u00c4ra. Aber Beige! Das sei die Farbe unserer Zeit. \u201eEs gibt sogar Berechnungen des kosmischen Lichtspektrums, was sich von Rot nach Blau abk\u00fchlt, laut derer wir uns jetzt in der beigen Phase befinden.\u201cMan muss nur an Stadtfassaden denken, an Rentnerlook, Safari-Outfits, Uniformen, teure Interieurs, Taxis und Caff\u00e8 Latte. \u201eBeige hinterfragt niemand, Beige ist einfach gegeben. Es ist eine Farbe, die man sich nicht aussucht, die schon da ist. Bei jeder anderen Farbe wird man gefragt, warum ist das Gelb oder Rot?\u201c Das Thema hat Mayer H schon an der Columbia und in Princeton behandelt, auch in Harvard hat er bereits gelehrt. Im September wird er im ICC mit einem Beitrag zum Thema Cosmic Latte an einer Konferenz teilnehmen.Dann ist da das Berliner Humboldt Forum. Berlins gr\u00f6\u00dfter Zankapfel k\u00f6nnte beiger nicht sein, ein Symbol der Unentschlossenheit und Biederkeit, womit die Stadtschlosskopie nun Unter den Linden steht wie eine preu\u00dfische Kaffeesahnetorte. Doch in die gestanzte Fassade wird sich bald ein Pfeil bohren, ein St\u00f6relement, wie Mayer H sagt. Gerade hat er den Kunst-am-Bau-Wettbewerb gewonnen \u2013 was zeigt, dass er zwischen den Disziplinen schlichtweg nicht unterscheidet und sich auch als K\u00fcnstler versteht.Pfeil im Berliner StadtschlossAm Humboldt Forum also wird ab Anfang 2026 sein sogenannter S\u00fcdpfeil einerseits auf die ethnologische Sammlung verweisen, deren Artefakte vor allem aus dem \u201eGlobalen S\u00fcden\u201c stammen. Andererseits wurden Pfeil und Bogen auch in Europa verwendet, etwa in der Steinzeit. Die Vermutung, dass hier postkolonial indoktrinierte K\u00e4mpfer einen Angriff starten, greift also zu kurz. Mit St\u00f6rchen aber kommt man weiter: Von ihnen wusste man n\u00e4mlich lange nicht, dass sie im Winter nach Afrika fliegen. \u201eDas wurde erst klar, als sie mit Pfeilen im K\u00f6rper zur\u00fcckkamen\u201c, sagt Mayer H. Die Pfeile wurden untersucht, was viel \u00fcber Migrationsrouten von Zugv\u00f6geln erz\u00e4hlte.Diese Verweisvielfalt spiegelt sich auch in Mayer H\u2019s organisch-hybrider Architektur. Wie eigentlich seine Formen entstehen? Und was all die gerahmten, dicht mit Mustern bedruckten Innenseiten von Briefumschl\u00e4gen bedeuten, die in der Ausstellung h\u00e4ngen? \u201eDatensicherungsmuster sind der Ausgangspunkt meiner Arbeit\u201c, sagt Mayer H. Vielleicht, weil man von optisch \u00fcberw\u00e4ltigender Architektur keine Komplexit\u00e4t erwartet, \u00fcberrascht diese Antwort viele. \u201eVisuelle Codes dienen seit Beginn des 20. Jahrhunderts dem Schutz von Informationen in Druckmedien. Sie bilden die Schwelle zwischen privat und \u00f6ffentlich, innen und au\u00dfen. Buchstaben und Zahlen \u00fcberlagern einander, sodass sie Tarnmuster ergeben.\u201c Dieses Prinzip sei im Informationszeitalter per Kodierungssoftware auf elektronische Medien \u00fcbertragen worden. \u201eTransformiert ins Dreidimensionale bilden solche Codes aus Zahlen und Buchstaben einen Raum an der Schwelle von Innen und Au\u00dfen, Diskretion und Transparenz.\u201cTats\u00e4chlich kann man mit diesem Wissen auf Mayer H\u2019s Entw\u00fcrfe schauen, als wohne ihnen ein Muster inne, das von Digitalit\u00e4t und Diskretion erz\u00e4hlt. Muss man aber nicht. Es reicht, ungl\u00e4ubig auf bunte Bilder ganzer Wohnungen im gesteigerten Verner-Panton-Stil zu schauen, mit welligen Einbauschr\u00e4nken, verdrehten Sitzm\u00f6beln und flie\u00dfenden Esstischen mitten in Berlin, die aussehen wie Star Trek auf Ketamin. Eine davon sei gerade als teuerste Wohnung Deutschlands auf dem Markt, sagt Mayer H, und er sagt das mit einer unschlagbaren Mischung aus Stolz und schw\u00e4bischer Bescheidenheit. So spektakul\u00e4r sein Werk aussieht: Der interdisziplin\u00e4re, kunst- und kulturkritische Kontext, mit dem J.Mayer.H \u2013 so der offizielle Name des B\u00fcros \u2013 arbeitet, macht klar, dass hier nicht blo\u00df eine KI befragt wird, wie Menschen sich die Architektur der Zukunft vorstellen. Mayer H\u2019s Bildsprache sa\u00df schon Ende der 90er, als man gerade erst begriff, was das Internet war. Dass er schon den deutschen Pavillon in Venedig bespielt hat und seine Arbeiten in der Sammlung des Museum of Modern Art in New York zu finden sind, sind da nur Nebenschaupl\u00e4tze.Warum er Architektur und nicht Kunst studiert habe, was sein urspr\u00fcnglicher Wunsch war? \u201eMeine Eltern haben mir mal ein Buch geschenkt, darin war ein Bild von Erich Mendelsohns rundlich geformtem Warenhaus Schocken in Stuttgart, das nach dem Krieg unter Protesten abgerissen wurde. Die Faszination daf\u00fcr habe ich nie verloren.\u201c Und tats\u00e4chlich: Betrachtet man Mayer H\u2019s Gebilde jenseits ihrer sich aufdr\u00e4ngenden digitalen Anmutung, denkt man vielleicht an die Architekten der \u201eGl\u00e4sernen Kette\u201c, die sich 1919 in einem regen Briefwechsel \u00fcber Zukunftsvisionen ergossen. W\u00e4hrend Mendelsohn seinen u-bootartigen Einsteinturm bei Potsdam baute, skizzierten Bruno Taut, Hermann Finsterlin, Hans Scharoun und andere Ufos mit Guckl\u00f6chern auf dem Weg in ein neues Zeitalter, in dem Geb\u00e4ude schweben und sich drehen. Nichts davon wurde je gebaut. Doch der Optimismus der Brieffreunde war erstaunlich. Vielleicht wussten sie, dass eines Tages jemand kommen w\u00fcrde, der \u00e4hnlich denkt. 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Vielleicht sind wir n\u00e4chstes Jahr wieder dabei, wie schon seit 30 Jahren.\u201c Das Deutsche Designmuseum oder vielmehr: Dessen Direktor, der Gr\u00fcnder, Autor und Regalentwickler Rafael Horzon, hatte also Gl\u00fcck, dass Mayer H extra f\u00fcr ihn seine Wohnung und sein Studio ausr\u00e4umte. Dort lagerte all das, was nun sch\u00f6n auf gro\u00dfen Tischen und an W\u00e4nden inszeniert ist. Bei der Er\u00f6ffnung musste alles zwischen Ku\u2019Damm und Kantstra\u00dfe wegen \u00dcberf\u00fcllung \u2013 auch dank freien Schnapsausschanks \u2013 kilometerweit gesperrt werden, also fast. Denn Mayer H\u2019s positive Ausstrahlung ist so ansteckend, dass die gesamte, derzeit von einiger Miesepetrigkeit geplagte Kunst- und Architekturszene kam und auftankte.\u201eIch blicke mit meiner Arbeit in eine Zukunft, die neugierig macht und nicht von Angst definiert ist\u201c, sagt der Architekt, dessen z\u00fcgiger, dezent davonschw\u00e4belnder Sprache man gerne zuh\u00f6rt. \u201eDass die Ausstellung Placeships hei\u00dft, ist auch ein Bezug zu der teils futuristischen Anmutung Berlins. Hier gibt es Geb\u00e4ude wie das Internationale Kongresszentrum ICC, das im September f\u00fcr einige Tage wieder \u00f6ffnen soll \u2013 eine v\u00f6llig \u00fcberholte \u00c4sthetik, die aber heute wieder Sinn ergibt. Dieser Moment zwischen Vergangenheit und Zukunft besch\u00e4ftigt mich.\u201cMayer H fragt: Wie ver\u00e4ndert Architektur den Blick, unsere emotionale Lesart? Unter Architektur versteht er jede Intervention, vom Hocker bis zum Hochhaus, weswegen das neongelbe, in sich verdrehte Ding auf dem Tisch beides sein k\u00f6nnte. Er habe mit dem, was er tue, keinen Ewigkeitsanspruch, sagt Mayer H Die Ausstellung sieht er als \u201eDarstellung einer Suche, ein Sich-Vorantasten durch die Grenzen unserer Zeit. Es geht darum, eine Architektur f\u00fcr den jetzigen Wissensstand, unsere heutigen Technologien, unser aktuelles soziales Gef\u00fcge zu entwickeln.\u201c Und nein, zeitlos sei das nicht. Das sei auch gar nicht seine Absicht, denn was ist schon zeitlos? Selbst die Moderne mit rechten Winkeln spricht ja die Sprache ihrer \u00c4ra. Aber Beige! 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Die Pfeile wurden untersucht, was viel \u00fcber Migrationsrouten von Zugv\u00f6geln erz\u00e4hlte.Diese Verweisvielfalt spiegelt sich auch in Mayer H\u2019s organisch-hybrider Architektur. Wie eigentlich seine Formen entstehen? Und was all die gerahmten, dicht mit Mustern bedruckten Innenseiten von Briefumschl\u00e4gen bedeuten, die in der Ausstellung h\u00e4ngen? \u201eDatensicherungsmuster sind der Ausgangspunkt meiner Arbeit\u201c, sagt Mayer H. Vielleicht, weil man von optisch \u00fcberw\u00e4ltigender Architektur keine Komplexit\u00e4t erwartet, \u00fcberrascht diese Antwort viele. \u201eVisuelle Codes dienen seit Beginn des 20. Jahrhunderts dem Schutz von Informationen in Druckmedien. Sie bilden die Schwelle zwischen privat und \u00f6ffentlich, innen und au\u00dfen. Buchstaben und Zahlen \u00fcberlagern einander, sodass sie Tarnmuster ergeben.\u201c Dieses Prinzip sei im Informationszeitalter per Kodierungssoftware auf elektronische Medien \u00fcbertragen worden. \u201eTransformiert ins Dreidimensionale bilden solche Codes aus Zahlen und Buchstaben einen Raum an der Schwelle von Innen und Au\u00dfen, Diskretion und Transparenz.\u201cTats\u00e4chlich kann man mit diesem Wissen auf Mayer H\u2019s Entw\u00fcrfe schauen, als wohne ihnen ein Muster inne, das von Digitalit\u00e4t und Diskretion erz\u00e4hlt. Muss man aber nicht. Es reicht, ungl\u00e4ubig auf bunte Bilder ganzer Wohnungen im gesteigerten Verner-Panton-Stil zu schauen, mit welligen Einbauschr\u00e4nken, verdrehten Sitzm\u00f6beln und flie\u00dfenden Esstischen mitten in Berlin, die aussehen wie Star Trek auf Ketamin. 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Sein zwanzigk\u00f6pfiges Berliner B\u00fcro geh\u00f6rt zu den gefragtesten weltweit.Eine Villa vor den Toren Moskaus, Liegest\u00fchle auf dem Times Square, ein Heim f\u00fcr obdachlose Kinder in Berlin \u2013 Mayer H hat so ziemlich alles in seine organisch-virtuelle Formensprache gegossen. Am ber\u00fchmtesten: die ineinander verschlungenen Sonnenschirmbauten Metropol Parasol in Sevilla, das gr\u00f6\u00dfte Holzgeb\u00e4ude der Welt. Eine Zeit lang war Mayer H Deutschlands Mann in Georgien. Dort errichtete er Autobahnrastst\u00e4tten, einen Grenz\u00fcbergang, eine Polizeistation und zwei Flugh\u00e4fen in Form futuristischer Schwebestrukturen. Der damalige Pr\u00e4sident Saakaschwili wollte damit sein Land in die Zukunft f\u00fchren. Das ging dann \u2013 wegen der Russen \u2013 leider schief.Zuletzt hat Mayer H, dessen \u201eH\u201c von seinem zweiten Vornamen Hermann stammt, einen Flughafen f\u00fcr das d\u00e4nische Sonderborg entworfen und einen Skyscraper f\u00fcr Seoul, der aussieht wie ein \u00fcberlanger Joystick mit begr\u00fcnten L\u00fcftungsschlitzen. Schlechte Zeiten f\u00fcr Architektur, wegen Rezession, Klimakrise, Weltuntergang? Nicht bei Mayer H: \u201eWir waren im Ausland bisher viel aktiver als hier, auch wenn sich das gerade \u00e4ndert\u201c \u2013 was wom\u00f6glich daran liegt, dass man anderswo gewagte Formen gut findet, w\u00e4hrend in Deutschland Funktionalit\u00e4t und irgendeine Ampel regiert, die meistens auf Rot steht.In den vergangenen Wochen war Mayer H in Korea, Kolumbien und K\u00f6ln, in Prag, Bukarest und Lyon. Die Venedig-Biennale hat er abgesagt: \u201eWir haben gerade zu viele aktuelle, spannende Projekte. Vielleicht sind wir n\u00e4chstes Jahr wieder dabei, wie schon seit 30 Jahren.\u201c Das Deutsche Designmuseum oder vielmehr: Dessen Direktor, der Gr\u00fcnder, Autor und Regalentwickler Rafael Horzon, hatte also Gl\u00fcck, dass Mayer H extra f\u00fcr ihn seine Wohnung und sein Studio ausr\u00e4umte. Dort lagerte all das, was nun sch\u00f6n auf gro\u00dfen Tischen und an W\u00e4nden inszeniert ist. Bei der Er\u00f6ffnung musste alles zwischen Ku\u2019Damm und Kantstra\u00dfe wegen \u00dcberf\u00fcllung \u2013 auch dank freien Schnapsausschanks \u2013 kilometerweit gesperrt werden, also fast. Denn Mayer H\u2019s positive Ausstrahlung ist so ansteckend, dass die gesamte, derzeit von einiger Miesepetrigkeit geplagte Kunst- und Architekturszene kam und auftankte.\u201eIch blicke mit meiner Arbeit in eine Zukunft, die neugierig macht und nicht von Angst definiert ist\u201c, sagt der Architekt, dessen z\u00fcgiger, dezent davonschw\u00e4belnder Sprache man gerne zuh\u00f6rt. \u201eDass die Ausstellung Placeships hei\u00dft, ist auch ein Bezug zu der teils futuristischen Anmutung Berlins. Hier gibt es Geb\u00e4ude wie das Internationale Kongresszentrum ICC, das im September f\u00fcr einige Tage wieder \u00f6ffnen soll \u2013 eine v\u00f6llig \u00fcberholte \u00c4sthetik, die aber heute wieder Sinn ergibt. Dieser Moment zwischen Vergangenheit und Zukunft besch\u00e4ftigt mich.\u201cMayer H fragt: Wie ver\u00e4ndert Architektur den Blick, unsere emotionale Lesart? Unter Architektur versteht er jede Intervention, vom Hocker bis zum Hochhaus, weswegen das neongelbe, in sich verdrehte Ding auf dem Tisch beides sein k\u00f6nnte. Er habe mit dem, was er tue, keinen Ewigkeitsanspruch, sagt Mayer H Die Ausstellung sieht er als \u201eDarstellung einer Suche, ein Sich-Vorantasten durch die Grenzen unserer Zeit. Es geht darum, eine Architektur f\u00fcr den jetzigen Wissensstand, unsere heutigen Technologien, unser aktuelles soziales Gef\u00fcge zu entwickeln.\u201c Und nein, zeitlos sei das nicht. Das sei auch gar nicht seine Absicht, denn was ist schon zeitlos? Selbst die Moderne mit rechten Winkeln spricht ja die Sprache ihrer \u00c4ra. Aber Beige! Das sei die Farbe unserer Zeit. \u201eEs gibt sogar Berechnungen des kosmischen Lichtspektrums, was sich von Rot nach Blau abk\u00fchlt, laut derer wir uns jetzt in der beigen Phase befinden.\u201cMan muss nur an Stadtfassaden denken, an Rentnerlook, Safari-Outfits, Uniformen, teure Interieurs, Taxis und Caff\u00e8 Latte. \u201eBeige hinterfragt niemand, Beige ist einfach gegeben. Es ist eine Farbe, die man sich nicht aussucht, die schon da ist. Bei jeder anderen Farbe wird man gefragt, warum ist das Gelb oder Rot?\u201c Das Thema hat Mayer H schon an der Columbia und in Princeton behandelt, auch in Harvard hat er bereits gelehrt. Im September wird er im ICC mit einem Beitrag zum Thema Cosmic Latte an einer Konferenz teilnehmen.Dann ist da das Berliner Humboldt Forum. Berlins gr\u00f6\u00dfter Zankapfel k\u00f6nnte beiger nicht sein, ein Symbol der Unentschlossenheit und Biederkeit, womit die Stadtschlosskopie nun Unter den Linden steht wie eine preu\u00dfische Kaffeesahnetorte. 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Die Pfeile wurden untersucht, was viel \u00fcber Migrationsrouten von Zugv\u00f6geln erz\u00e4hlte.Diese Verweisvielfalt spiegelt sich auch in Mayer H\u2019s organisch-hybrider Architektur. Wie eigentlich seine Formen entstehen? Und was all die gerahmten, dicht mit Mustern bedruckten Innenseiten von Briefumschl\u00e4gen bedeuten, die in der Ausstellung h\u00e4ngen? \u201eDatensicherungsmuster sind der Ausgangspunkt meiner Arbeit\u201c, sagt Mayer H. Vielleicht, weil man von optisch \u00fcberw\u00e4ltigender Architektur keine Komplexit\u00e4t erwartet, \u00fcberrascht diese Antwort viele. \u201eVisuelle Codes dienen seit Beginn des 20. Jahrhunderts dem Schutz von Informationen in Druckmedien. Sie bilden die Schwelle zwischen privat und \u00f6ffentlich, innen und au\u00dfen. Buchstaben und Zahlen \u00fcberlagern einander, sodass sie Tarnmuster ergeben.\u201c Dieses Prinzip sei im Informationszeitalter per Kodierungssoftware auf elektronische Medien \u00fcbertragen worden. \u201eTransformiert ins Dreidimensionale bilden solche Codes aus Zahlen und Buchstaben einen Raum an der Schwelle von Innen und Au\u00dfen, Diskretion und Transparenz.\u201cTats\u00e4chlich kann man mit diesem Wissen auf Mayer H\u2019s Entw\u00fcrfe schauen, als wohne ihnen ein Muster inne, das von Digitalit\u00e4t und Diskretion erz\u00e4hlt. Muss man aber nicht. Es reicht, ungl\u00e4ubig auf bunte Bilder ganzer Wohnungen im gesteigerten Verner-Panton-Stil zu schauen, mit welligen Einbauschr\u00e4nken, verdrehten Sitzm\u00f6beln und flie\u00dfenden Esstischen mitten in Berlin, die aussehen wie Star Trek auf Ketamin. Eine davon sei gerade als teuerste Wohnung Deutschlands auf dem Markt, sagt Mayer H, und er sagt das mit einer unschlagbaren Mischung aus Stolz und schw\u00e4bischer Bescheidenheit. So spektakul\u00e4r sein Werk aussieht: Der interdisziplin\u00e4re, kunst- und kulturkritische Kontext, mit dem J.Mayer.H \u2013 so der offizielle Name des B\u00fcros \u2013 arbeitet, macht klar, dass hier nicht blo\u00df eine KI befragt wird, wie Menschen sich die Architektur der Zukunft vorstellen. Mayer H\u2019s Bildsprache sa\u00df schon Ende der 90er, als man gerade erst begriff, was das Internet war. Dass er schon den deutschen Pavillon in Venedig bespielt hat und seine Arbeiten in der Sammlung des Museum of Modern Art in New York zu finden sind, sind da nur Nebenschaupl\u00e4tze.Warum er Architektur und nicht Kunst studiert habe, was sein urspr\u00fcnglicher Wunsch war? \u201eMeine Eltern haben mir mal ein Buch geschenkt, darin war ein Bild von Erich Mendelsohns rundlich geformtem Warenhaus Schocken in Stuttgart, das nach dem Krieg unter Protesten abgerissen wurde. Die Faszination daf\u00fcr habe ich nie verloren.\u201c Und tats\u00e4chlich: Betrachtet man Mayer H\u2019s Gebilde jenseits ihrer sich aufdr\u00e4ngenden digitalen Anmutung, denkt man vielleicht an die Architekten der \u201eGl\u00e4sernen Kette\u201c, die sich 1919 in einem regen Briefwechsel \u00fcber Zukunftsvisionen ergossen. 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Doch in die gestanzte Fassade wird sich bald ein Pfeil bohren, ein St\u00f6relement, wie Mayer H sagt. Gerade hat er den Kunst-am-Bau-Wettbewerb gewonnen \u2013 was zeigt, dass er zwischen den Disziplinen schlichtweg nicht unterscheidet und sich auch als K\u00fcnstler versteht.Pfeil im Berliner StadtschlossAm Humboldt Forum also wird ab Anfang 2026 sein sogenannter S\u00fcdpfeil einerseits auf die ethnologische Sammlung verweisen, deren Artefakte vor allem aus dem \u201eGlobalen S\u00fcden\u201c stammen. Andererseits wurden Pfeil und Bogen auch in Europa verwendet, etwa in der Steinzeit. Die Vermutung, dass hier postkolonial indoktrinierte K\u00e4mpfer einen Angriff starten, greift also zu kurz. Mit St\u00f6rchen aber kommt man weiter: Von ihnen wusste man n\u00e4mlich lange nicht, dass sie im Winter nach Afrika fliegen. \u201eDas wurde erst klar, als sie mit Pfeilen im K\u00f6rper zur\u00fcckkamen\u201c, sagt Mayer H. 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Dass er schon den deutschen Pavillon in Venedig bespielt hat und seine Arbeiten in der Sammlung des Museum of Modern Art in New York zu finden sind, sind da nur Nebenschaupl\u00e4tze.Warum er Architektur und nicht Kunst studiert habe, was sein urspr\u00fcnglicher Wunsch war? \u201eMeine Eltern haben mir mal ein Buch geschenkt, darin war ein Bild von Erich Mendelsohns rundlich geformtem Warenhaus Schocken in Stuttgart, das nach dem Krieg unter Protesten abgerissen wurde. Die Faszination daf\u00fcr habe ich nie verloren.\u201c Und tats\u00e4chlich: Betrachtet man Mayer H\u2019s Gebilde jenseits ihrer sich aufdr\u00e4ngenden digitalen Anmutung, denkt man vielleicht an die Architekten der \u201eGl\u00e4sernen Kette\u201c, die sich 1919 in einem regen Briefwechsel \u00fcber Zukunftsvisionen ergossen. 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Es ist Montagmorgen in Berlin-Charlottenburg, die Sonne brennt, und die Obdachlosen unter den S-Bahnb\u00f6gen haben ihre Decken zur Seite gerollt. Mayer H war am Wochenende Radfahren in Kopenhagen, was sein gesunder Teint im perfekt sitzenden, bl\u00fctenwei\u00dfen Hemd bezeugt. Im Oktober wird er 60, was man ihm nicht glaubt.Das Museum war mal eine Spielhalle, das gedrungen-dynamisch angelegte Innenleben erinnert noch daran. Heute breiten sich dort Modelle, Fotos und Renderings aus \u2013 digitalfluide Geb\u00e4ude und knallbunt-spacige Interieurs. Mayer H blickt zufrieden auf 30 Jahre Werkgeschichte, die Architektur ist und Skulptur zugleich, Science-Fiction und Design. Fantasiegebilde, die meist gebaut wurden und tats\u00e4chlich funktionieren. Sein zwanzigk\u00f6pfiges Berliner B\u00fcro geh\u00f6rt zu den gefragtesten weltweit.Eine Villa vor den Toren Moskaus, Liegest\u00fchle auf dem Times Square, ein Heim f\u00fcr obdachlose Kinder in Berlin \u2013 Mayer H hat so ziemlich alles in seine organisch-virtuelle Formensprache gegossen. Am ber\u00fchmtesten: die ineinander verschlungenen Sonnenschirmbauten Metropol Parasol in Sevilla, das gr\u00f6\u00dfte Holzgeb\u00e4ude der Welt. Eine Zeit lang war Mayer H Deutschlands Mann in Georgien. Dort errichtete er Autobahnrastst\u00e4tten, einen Grenz\u00fcbergang, eine Polizeistation und zwei Flugh\u00e4fen in Form futuristischer Schwebestrukturen. Der damalige Pr\u00e4sident Saakaschwili wollte damit sein Land in die Zukunft f\u00fchren. Das ging dann \u2013 wegen der Russen \u2013 leider schief.Zuletzt hat Mayer H, dessen \u201eH\u201c von seinem zweiten Vornamen Hermann stammt, einen Flughafen f\u00fcr das d\u00e4nische Sonderborg entworfen und einen Skyscraper f\u00fcr Seoul, der aussieht wie ein \u00fcberlanger Joystick mit begr\u00fcnten L\u00fcftungsschlitzen. Schlechte Zeiten f\u00fcr Architektur, wegen Rezession, Klimakrise, Weltuntergang? Nicht bei Mayer H: \u201eWir waren im Ausland bisher viel aktiver als hier, auch wenn sich das gerade \u00e4ndert\u201c \u2013 was wom\u00f6glich daran liegt, dass man anderswo gewagte Formen gut findet, w\u00e4hrend in Deutschland Funktionalit\u00e4t und irgendeine Ampel regiert, die meistens auf Rot steht.In den vergangenen Wochen war Mayer H in Korea, Kolumbien und K\u00f6ln, in Prag, Bukarest und Lyon. Die Venedig-Biennale hat er abgesagt: \u201eWir haben gerade zu viele aktuelle, spannende Projekte. Vielleicht sind wir n\u00e4chstes Jahr wieder dabei, wie schon seit 30 Jahren.\u201c Das Deutsche Designmuseum oder vielmehr: Dessen Direktor, der Gr\u00fcnder, Autor und Regalentwickler Rafael Horzon, hatte also Gl\u00fcck, dass Mayer H extra f\u00fcr ihn seine Wohnung und sein Studio ausr\u00e4umte. Dort lagerte all das, was nun sch\u00f6n auf gro\u00dfen Tischen und an W\u00e4nden inszeniert ist. Bei der Er\u00f6ffnung musste alles zwischen Ku\u2019Damm und Kantstra\u00dfe wegen \u00dcberf\u00fcllung \u2013 auch dank freien Schnapsausschanks \u2013 kilometerweit gesperrt werden, also fast. Denn Mayer H\u2019s positive Ausstrahlung ist so ansteckend, dass die gesamte, derzeit von einiger Miesepetrigkeit geplagte Kunst- und Architekturszene kam und auftankte.\u201eIch blicke mit meiner Arbeit in eine Zukunft, die neugierig macht und nicht von Angst definiert ist\u201c, sagt der Architekt, dessen z\u00fcgiger, dezent davonschw\u00e4belnder Sprache man gerne zuh\u00f6rt. \u201eDass die Ausstellung Placeships hei\u00dft, ist auch ein Bezug zu der teils futuristischen Anmutung Berlins. Hier gibt es Geb\u00e4ude wie das Internationale Kongresszentrum ICC, das im September f\u00fcr einige Tage wieder \u00f6ffnen soll \u2013 eine v\u00f6llig \u00fcberholte \u00c4sthetik, die aber heute wieder Sinn ergibt. Dieser Moment zwischen Vergangenheit und Zukunft besch\u00e4ftigt mich.\u201cMayer H fragt: Wie ver\u00e4ndert Architektur den Blick, unsere emotionale Lesart? Unter Architektur versteht er jede Intervention, vom Hocker bis zum Hochhaus, weswegen das neongelbe, in sich verdrehte Ding auf dem Tisch beides sein k\u00f6nnte. Er habe mit dem, was er tue, keinen Ewigkeitsanspruch, sagt Mayer H Die Ausstellung sieht er als \u201eDarstellung einer Suche, ein Sich-Vorantasten durch die Grenzen unserer Zeit. Es geht darum, eine Architektur f\u00fcr den jetzigen Wissensstand, unsere heutigen Technologien, unser aktuelles soziales Gef\u00fcge zu entwickeln.\u201c Und nein, zeitlos sei das nicht. Das sei auch gar nicht seine Absicht, denn was ist schon zeitlos? Selbst die Moderne mit rechten Winkeln spricht ja die Sprache ihrer \u00c4ra. Aber Beige! Das sei die Farbe unserer Zeit. \u201eEs gibt sogar Berechnungen des kosmischen Lichtspektrums, was sich von Rot nach Blau abk\u00fchlt, laut derer wir uns jetzt in der beigen Phase befinden.\u201cMan muss nur an Stadtfassaden denken, an Rentnerlook, Safari-Outfits, Uniformen, teure Interieurs, Taxis und Caff\u00e8 Latte. \u201eBeige hinterfragt niemand, Beige ist einfach gegeben. Es ist eine Farbe, die man sich nicht aussucht, die schon da ist. Bei jeder anderen Farbe wird man gefragt, warum ist das Gelb oder Rot?\u201c Das Thema hat Mayer H schon an der Columbia und in Princeton behandelt, auch in Harvard hat er bereits gelehrt. Im September wird er im ICC mit einem Beitrag zum Thema Cosmic Latte an einer Konferenz teilnehmen.Dann ist da das Berliner Humboldt Forum. Berlins gr\u00f6\u00dfter Zankapfel k\u00f6nnte beiger nicht sein, ein Symbol der Unentschlossenheit und Biederkeit, womit die Stadtschlosskopie nun Unter den Linden steht wie eine preu\u00dfische Kaffeesahnetorte. Doch in die gestanzte Fassade wird sich bald ein Pfeil bohren, ein St\u00f6relement, wie Mayer H sagt. Gerade hat er den Kunst-am-Bau-Wettbewerb gewonnen \u2013 was zeigt, dass er zwischen den Disziplinen schlichtweg nicht unterscheidet und sich auch als K\u00fcnstler versteht.Pfeil im Berliner StadtschlossAm Humboldt Forum also wird ab Anfang 2026 sein sogenannter S\u00fcdpfeil einerseits auf die ethnologische Sammlung verweisen, deren Artefakte vor allem aus dem \u201eGlobalen S\u00fcden\u201c stammen. Andererseits wurden Pfeil und Bogen auch in Europa verwendet, etwa in der Steinzeit. Die Vermutung, dass hier postkolonial indoktrinierte K\u00e4mpfer einen Angriff starten, greift also zu kurz. Mit St\u00f6rchen aber kommt man weiter: Von ihnen wusste man n\u00e4mlich lange nicht, dass sie im Winter nach Afrika fliegen. \u201eDas wurde erst klar, als sie mit Pfeilen im K\u00f6rper zur\u00fcckkamen\u201c, sagt Mayer H. Die Pfeile wurden untersucht, was viel \u00fcber Migrationsrouten von Zugv\u00f6geln erz\u00e4hlte.Diese Verweisvielfalt spiegelt sich auch in Mayer H\u2019s organisch-hybrider Architektur. Wie eigentlich seine Formen entstehen? Und was all die gerahmten, dicht mit Mustern bedruckten Innenseiten von Briefumschl\u00e4gen bedeuten, die in der Ausstellung h\u00e4ngen? \u201eDatensicherungsmuster sind der Ausgangspunkt meiner Arbeit\u201c, sagt Mayer H. Vielleicht, weil man von optisch \u00fcberw\u00e4ltigender Architektur keine Komplexit\u00e4t erwartet, \u00fcberrascht diese Antwort viele. \u201eVisuelle Codes dienen seit Beginn des 20. Jahrhunderts dem Schutz von Informationen in Druckmedien. Sie bilden die Schwelle zwischen privat und \u00f6ffentlich, innen und au\u00dfen. Buchstaben und Zahlen \u00fcberlagern einander, sodass sie Tarnmuster ergeben.\u201c Dieses Prinzip sei im Informationszeitalter per Kodierungssoftware auf elektronische Medien \u00fcbertragen worden. \u201eTransformiert ins Dreidimensionale bilden solche Codes aus Zahlen und Buchstaben einen Raum an der Schwelle von Innen und Au\u00dfen, Diskretion und Transparenz.\u201cTats\u00e4chlich kann man mit diesem Wissen auf Mayer H\u2019s Entw\u00fcrfe schauen, als wohne ihnen ein Muster inne, das von Digitalit\u00e4t und Diskretion erz\u00e4hlt. Muss man aber nicht. Es reicht, ungl\u00e4ubig auf bunte Bilder ganzer Wohnungen im gesteigerten Verner-Panton-Stil zu schauen, mit welligen Einbauschr\u00e4nken, verdrehten Sitzm\u00f6beln und flie\u00dfenden Esstischen mitten in Berlin, die aussehen wie Star Trek auf Ketamin. Eine davon sei gerade als teuerste Wohnung Deutschlands auf dem Markt, sagt Mayer H, und er sagt das mit einer unschlagbaren Mischung aus Stolz und schw\u00e4bischer Bescheidenheit. So spektakul\u00e4r sein Werk aussieht: Der interdisziplin\u00e4re, kunst- und kulturkritische Kontext, mit dem J.Mayer.H \u2013 so der offizielle Name des B\u00fcros \u2013 arbeitet, macht klar, dass hier nicht blo\u00df eine KI befragt wird, wie Menschen sich die Architektur der Zukunft vorstellen. Mayer H\u2019s Bildsprache sa\u00df schon Ende der 90er, als man gerade erst begriff, was das Internet war. Dass er schon den deutschen Pavillon in Venedig bespielt hat und seine Arbeiten in der Sammlung des Museum of Modern Art in New York zu finden sind, sind da nur Nebenschaupl\u00e4tze.Warum er Architektur und nicht Kunst studiert habe, was sein urspr\u00fcnglicher Wunsch war? \u201eMeine Eltern haben mir mal ein Buch geschenkt, darin war ein Bild von Erich Mendelsohns rundlich geformtem Warenhaus Schocken in Stuttgart, das nach dem Krieg unter Protesten abgerissen wurde. Die Faszination daf\u00fcr habe ich nie verloren.\u201c Und tats\u00e4chlich: Betrachtet man Mayer H\u2019s Gebilde jenseits ihrer sich aufdr\u00e4ngenden digitalen Anmutung, denkt man vielleicht an die Architekten der \u201eGl\u00e4sernen Kette\u201c, die sich 1919 in einem regen Briefwechsel \u00fcber Zukunftsvisionen ergossen. W\u00e4hrend Mendelsohn seinen u-bootartigen Einsteinturm bei Potsdam baute, skizzierten Bruno Taut, Hermann Finsterlin, Hans Scharoun und andere Ufos mit Guckl\u00f6chern auf dem Weg in ein neues Zeitalter, in dem Geb\u00e4ude schweben und sich drehen. Nichts davon wurde je gebaut. Doch der Optimismus der Brieffreunde war erstaunlich. Vielleicht wussten sie, dass eines Tages jemand kommen w\u00fcrde, der \u00e4hnlich denkt. 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