Genau genommen ist er zweimal gestorben. Der erste Tod ereilte den tschechischen Schriftsteller Jiří Weil, als er 1959 im Alter von 59 Jahren aus dem Leben schied. Seither vollzieht sich jener zweite Tod, den die allermeisten Autoren irgendwann durchmachen müssen: In den vergangenen Jahrzehnten ist Weil in Vergessenheit geraten. Maxim Biller jedoch – der sich dem deutschen literarischen Gedächtnis auf absehbare Zeit unauslöschlich eingeschrieben hat – erinnert sich an ihn. Und belebt den Halbvergessenen nun mit einer Novelle wieder:
Was dieses Buch gleich auf den ersten Seiten so faszinierend macht, ist die Tatsache, dass Biller keine der erinnerungswürdigen Phasen in Weils Leben beschreibt. Weder wird geschildert, wie er als überzeugter Sozialist für eine kritische Reportage über Moskau aus der Kommunistischen Partei verstoßen wird. Noch liest man darüber, wie der Roman entsteht, in dem Weil sein Leben als Prager Jude unter der NS-Besatzung verarbeitet – und er der sozialistischen Herrscherkaste so sehr missfiel, dass er kurzerhand verboten wurde.
Nein, Biller erzählt von keinen Heldentaten. Sondern davon, wie Weil 1956 – drei Jahre vor seinem Tod – in Prag von der Arbeit nach Hause geht. Gemeinsam mit ihm passieren wir etwa die Hlávka-Brücke, an der Weil einst seinen Tod vortäuschte, um der Deportation ins KZ zu entkommen. Oder eine Konditorei, in der er sich nach Kriegsende derart überfraß, dass er sich übergeben musste.
Als Leser lernen wir also den traurigen Alltag eines Menschen mit einem „weichen Igelgesicht“ kennen, der bereits von seiner Umwelt vergessen wird, während er lebt. Eines Mannes, der mit Granitstatuen Gespräche führen muss, weil seine alten Freunde ermordet wurden oder ihn verraten haben. Eines Intellektuellen, der die letzten Jahre seines Lebens „nur noch wie ein halbblinder Mehlwurm durch die staubbedeckten Regale und Lager des Jüdischen Museums“ wühlen darf. Und eines geächteten Autors, der in seinem Leben „gleich zweimal als Schriftsteller ausgelöscht wurde“ und von niemandem mehr gelesen wird. Weil wird als Kollateralschaden der Zeitläufte beschrieben, als jemand, der weder als Märtyrer sterben noch als Götze leben durfte.
Mit flüsterndem Erzählton beschreibt Biller diese Existenz. Über Weil liegt eine bleierne Müdigkeit, die die Sätze auf eine lyrische Dichte komprimiert. Das ist eine ungewöhnliche Tonlage für einen angriffslustigen Schriftsteller wie Biller. Jiří Weil wird von ihm gegen niemanden in Stellung gebracht. Wenn überhaupt, dann gegen eine ungerechte Welt, der mit Literatur allein nicht beizukommen ist.
Seiner Verzweiflung über diese Tatsache hatte Biller, nach Ausbruch des Ukrainekriegs, bereits vor drei Jahren in diesem Feuilleton Ausdruck verliehen. „Alles war umsonst“, beklagte er sich über die Wirkungslosigkeit seines Schreibens, das die Katastrophe nicht hatte verhindern können. Zu diesem Schluss kommt auch Weil, der an entscheidender Stelle dieser Novelle den Satz spricht: „Wer sagt, dass man die Welt mit Worten verändern kann, versteht nichts von Worten.“
Inzwischen jedoch scheint Biller einen neuen Sinn im Schreiben gefunden zu haben. Denn die Welt lässt sich zwar nicht schriftstellerisch bekehren oder retten. Doch man kann, sinniert Weil, davon erzählen, „wie schön alles ist, auch wenn es schrecklich ist“.
Diese Gratwanderung gelingt in virtuos. Ein unkitschiger Trost geht von dieser Novelle aus: Leben wie das von Jiří Weil mögen der Zeit noch so oft zum Opfer fallen – zumindest in der Literatur werden sie bewahrt.