Die Metall- und Elektroindustrie in Norddeutschland steht aus Sicht der Gewerkschaft IG Metall „zwischen Licht und Schatten“. Die allgemeine Wirtschaftskrise in Deutschland schlage zwar auch auf den Norden durch. Allerdings sei der Bezirk Küste mit den fünf Küstenländern davon weniger betroffen als der Süden mit seiner deutlich größeren Automobilindustrie und dem Maschinenbau.
„Unsere Lage ist besser als in vielen anderen Regionen, aber sie ist fragil“, sagte Bezirksleiter Daniel Friedrich bei der Jahrespressekonferenz am Dienstag in Hamburg: „Wer jetzt wegschaut, riskiert Arbeitsplätze, Wertschöpfung und Zukunftschancen.“
Die Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie an der Küste hätten in den vergangenen Jahrzehnten bereits massive Strukturbrüche erlebt und diese Herausforderungen in modernere Unternehmensformen und Produkte übersetzt. Die Verwerfungen der Automobilindustrie im Süden und Westen träfen die Küste weniger stark. „Das liegt vor allem an unserer großen Branchenvielfalt und an den Transformationen, die wir hier schon in den vergangenen Jahrzehnten erfolgreich gemeistert haben“, sagte Friedrich. Positive Beispiele seien die Luftfahrtindustrie, vor allem auch bei Airbus, die Medizintechnik und der Schiffbau, wo vor allem die Marinewerften derzeit volle Auftragsbücher hätten.
Handlungsbedarf sieht der Gewerkschafter unter anderem bei der Offshore-Windindustrie. Bislang sei noch unklar, ob aus den jüngsten Ankündigungen zum Beispiel beim europäischen „Nordsee-Gipfel“ der Bundesregierung Ende Januar in Hamburg auch „tatsächlich regionale Wertschöpfung entsteht“, sagt Friedrich. Die Bundesregierung sei gefordert, für Investitionssicherheit und klare Entscheidungen zu sorgen.
Die im Herbst anstehende Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie werde ein Kraftakt: „Wir müssen einen Spagat schaffen zwischen starken Zukunftsbranchen und Betrieben, die unter enormem Druck stehen.“ Im März und April werden zudem die Betriebsräte neu gewählt: „Mitbestimmung ist gelebte Demokratie. Wer erlebt, dass seine Stimme im Betrieb zählt, stärkt auch unsere demokratische Gesellschaft“, sagte Friedrich. In den mehr als 1000 norddeutschen Industriebetrieben mit fast 300.000 Beschäftigten seien trotz manch öffentlicher Debatten „keine rechten Pseudogewerkschaften aktiv“.
Scharf kritisierte der Bezirksleiter die anhaltende Sozialstaatsdebatte. „Die CDU muss sich entscheiden: Beschäftigte zu Sündenböcken machen – oder gemeinsam mit ihnen den Wandel gestalten. Beides geht nicht.“ Die IG Metall habe eine Initiative für Arbeit und Aufschwung gestartet mit dem Ziel, Beschäftigung zu sichern, Wettbewerbsfähigkeit zu stärken und die Transformation aktiv zu gestalten. Wo dies nicht gemeinsam gelinge, „werden die Konflikte zunehmen“.
Wirtschaftskrise und demografischer Wandel schlagen inzwischen aber auf auch die Mitgliederzahlen der IG Metall im Norden durch. Zwar schlossen sich fast 9000 Menschen der Gewerkschaft in Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und im nordwestlichen Niedersachsen neu an. Aufgrund von Personalabbau, weniger Ferienarbeitsplätzen im Automobilsektor und des demografischen Wandels sank die Mitgliederzahl im Bezirk Küste 2025 jedoch im Vergleich zum Vorjahr um 3,2 Prozent auf 171.735.
In den Betrieben sei die IG Metall dennoch weiterhin stark aufgestellt, sagte Friedrich: Man zähle rund 123.000 betriebliche Mitglieder und damit – trotz der zurückliegenden Corona-Krise – „7400 mehr als vor zehn Jahren“.
Olaf Preuß ist Wirtschaftsreporter von WELT und WELT AM SONNTAG für Hamburg und Norddeutschland. Er berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten über Branchen wie den Schiffbau, den Flugzeugbau oder auch die Grundstoffindustrie in der Metallbranche.
