Was, wenn die Vernunft nicht siegt?

Zwei Zigaretten und einen . Mehr brauchte es nicht, um das gesamte Königreich Dänemark kurz aufatmen zu lassen. Mich eingeschlossen. Nach Tagen der Sorge kamen der dänische Außenminister Lars Løkke Rasmussen und seine grönländische Amtskollegin Vivian Motzfeldt vorsichtig optimistisch aus ihrem Treffen mit JD Vance und Marco Rubio im Eisenhower Building in Washington, D. C. 

Der Vizepräsident hatte keinen Selenskyj-Moment; amerikanische Truppen waren nicht unterwegs nach Grönland. „Das Treffen ist gut verlaufen“, sagte Motzfeldt bei der anschließenden Pressekonferenz auf grönländisch, auch wenn „wir fundamental anderer Meinung sind“, wie es Rasmussen dann formulierte. 

Doch dieser Konflikt ist keineswegs vorbei. Kurz nach dem Treffen sagte mir die ehemalige grönländische Finanzministerin Maliina Abelsen am Telefon: „Ehrlich gesagt hatten wir die letzten Tage und Wochen wirklich Angst vor einem amerikanischen Militäreinsatz. Die Katastrophe ist aber nicht verhindert, nur auf Standby gestellt. Ich glaube nicht, dass das einfach verschwindet.“

Freunde aus Grönland erzählten mir von gepackten Taschen, jederzeit bereit für eine Abreise nach Dänemark. Von schlaflosen Nächten. Und von Kindern, die sich in den sozialen Medien gegenseitig Angst machen. Einige junge Männer berichteten sogar, dass sie Waffen und Munition gekauft hätten. Für den Fall, dass amerikanische Truppen kommen.

Für die Grönländer ist die Situation also schon lange nicht mehr lustig. Vor einem Jahr, da lachten manche noch. Wenigstens habe Trump Grönland weltbekannt gemacht. Heute lacht niemand mehr. 

Selbst aus der Tourismusbranche, für die sich die amerikanische Aufmerksamkeit alles in allem als profitabel erwiesen hat, hört man, dass Kunden inzwischen zögern, Grönlandreisen zu buchen. Weil sie fürchten, nicht mehr wie geplant hinfliegen zu können. 

Wer derzeit aber ohne Ende anreist, sind Journalisten: Es scheint fast mehr Reporter zu geben als Menschen, die sie interviewen können. An die Aufmerksamkeit ausländischer Medien haben sich die Grönländer im vergangenen Jahr gewöhnt, aber der geopolitische Wettstreit um ihr Heimatland ist für sie trotzdem kein Spektakel. Er ist existenziell.

Die Argumente sind realitätsfern

Für viele Dänen ist es nach wie vor schwer zu begreifen, dass Grönland und deshalb auch Dänemark in dieser neuen Weltordnung zu so etwas wie der Front geworden ist. Auch für mich, der in Kopenhagen lebt, aber Miteigentümer einer Hütte in der ostgrönländischen Siedlung Kulusuk ist und regelmäßig auf die Insel reist, fühlt sich die Bedrohung noch fern an. Ich glaube, die meisten Dänen vertrauen, möglicherweise naiv, noch darauf, dass am Ende doch die Vernunft siegen wird. Dass die Amerikaner nicht die Stabilität aufs Spiel setzen, von der wir zumindest in Europa, und auch in Nordamerika, 80 Jahre lang profitiert haben.

Was Politikern wie Bürgern in Dänemark und Grönland aber Angst macht, sind die Motive hinter dem Begehren der amerikanischen Regierung. Die Argumente, die eine Übernahme legitimieren sollen, scheinen völlig realitätsfern.

Erstens sind die Ideen der amerikanischen Regierung selbst bei den amerikanischen Wählerinnen und Wählern ziemlich unpopulär: Einer Reuters-Umfrage zufolge sind nur 17 Prozent der Wähler für eine „Übernahme“, und nur vier Prozent stehen hinter einem militärischen Eingreifen. Zweitens befinden sich, entgegen den Behauptungen der Amerikaner, derzeit sehr wahrscheinlich keine russischen oder chinesischen Schiffe in den Gewässern vor Grönland. In den vergangenen Jahren waren es ohnehin schon weniger als früher noch. Drittens haben amerikanische Unternehmen, so wie alle anderen auch, die Möglichkeit, auf der Insel nach Seltenen Erden und anderen Rohstoffen zu schürfen, solange sie die Umweltauflagen einhalten. Es ist ihnen nicht verboten. 

Und schließlich: Die USA können ihre Militärpräsenz bei Bedarf schon jetzt erhöhen. Das erlaubt ihnen ein Nachkriegsabkommen von 1951, das zuletzt 2004 bekräftigt wurde. Noch vor Kurzem war das amerikanische Militär deutlich stärker auf Grönland vertreten als heute. Überall in Grönland finden sich entsprechende Spuren: rostiger Metallschrott, den die amerikanische Armee hinterlassen hat. Auch auf der kleinen Insel Kulusuk, wo meine Jagdhütte liegt. Die habe ich übrigens, weil ich vor Jahren mal ein journalistisches Projekt über Walfang im Nordatlantik gemacht habe. Ich brauchte eine Unterkunft und kam über Kontakte bei einem etwas älteren dänischen Ehepaar unter, dem die Jagdhütte gehörte. Später fragten sie mich, ob ich Mitbesitzer werden wollte. Natürlich sagte ich ja. 

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