Das Jahr 2026 könnte das Jahr sein, in dem eine nicht nur
rechtsradikale, sondern auch in wirtschafts-, außen-, kultur-,
bildungs-, wissenschafts- und nicht zuletzt sozialpolitischer Hinsicht völlig indiskutable
Partei auf Landesebene Regierungsmacht erlangen könnte. Es könnte somit für die
Demokratie in Deutschland jenes Jahr sein, in dem der Vertrauensverlust in Verfahren, Eliten und begründetes Wissen gravierende Folgen hat: Es kämen politische Akteure in Verantwortung, deren Konzepte
offenkundig katastrophal für das Land wären. Eigentlich dürfte niemand diese Leute
aus inhaltlichen Gründen wählen. Es ist auch nicht unbedingt so, dass die
rechtsradikale Anmutung durchgängig auf ein stabiles rechtsradikales Weltbild
trifft. Vielmehr stößt diese Partei auf eine maximale Bereitschaft zur Provokation
und Elitenkritik. Die Erfolge der AfD als Protestwahl zu rahmen, setzt viel zu
viel Rationalität voraus. Es dürfte eher eine Provokationswahl sein. Sie setzt
sich in Differenz zu dem, was als , als ungeschriebene Verabredungen des Zusammenlebens, über lange Zeit leidlich
stabil war.
Ein Faktor, der diese ungeschriebenen stark berührt,
ist Vertrauen. Vertrauen zu haben bedeutet, nicht so genau hinsehen zu müssen.
Vertrauen ist eine spezifische Form des Kontrollverzichts: Wenn ich vertraue,
vertraue ich vor allem darauf, dass die Dinge sich erwartbar und wünschenswert
verhalten, ohne dass ich selbst für die Bedingungen gesorgt haben muss, unter
denen sie sich erwartbar und wünschenswert verhalten.
Was ist Vertrauen?
Um zu vertrauen, muss ich
die Kontrolle abgeben – zumeist an anonyme Strukturen und an eine latente
Erwartung, dass sich die Dinge erwartungsgemäß entwickeln. So kann ich nur am
Straßenverkehr teilnehmen, wenn ich darauf vertraue, dass die anderen die
Rechts-vor-links-Regel nicht nur kennen, sondern auch anwenden; ich setze mich
nur in eine U-Bahn, weil ich davon ausgehe, dass sie aus dem dunklen Tunnel
wieder herauskommt; ich werde eine Flugreise nur antreten, wenn ich davon
ausgehe, dass vorne kein Soziologe, sondern ein Pilot sitzt (sogar zwei!); ich
vertraue darauf, dass die Zahlenwerte auf meiner Bank-App tatsächlich einem
realen Guthaben entsprechen; ich rechne nicht damit, dass das Essen im
Restaurant vergiftet ist; und meinen Mitmenschen begegne ich im großstädtischen
Gewimmel arglos und indifferent, weil ich sie nicht per se für bedrohlich
halte. Und all das sind Fragen, die gar nicht erst gestellt werden –
allenfalls, wenn die Erwartung enttäuscht wurde.
Vertrauen ist praktischer Umgang mit Kontrollverzicht. Denn
das macht das Soziale in komplexen Gesellschaften aus: Unser Tun und unsere
Perspektiven mit Leuten zu koordinieren, die wir nicht kennen und mit denen uns
relativ wenig verbindet – außer die Unterstellung, dass die Dinge so ähnlich
verlaufen, wie wir mit ihnen rechnen. Wir erzählen uns gerne Geschichten vom
Zusammenhalt und gemeinsamen Werten, von Zusammengehörigkeit, Toleranz und
Gemeinsinn, am liebsten ausbuchstabiert und mit deutlichen Worten. Aber der
eigentliche Kitt gesellschaftlicher Praxis und Zufriedenheit ist eher der
Verzicht auf zu genaues Ausbuchstabieren, der Verzicht auf Informationen. Es
ist Kontrollverzicht, der die Welt als gut eingerichtet erscheinen lässt.
Diese Vorrede ist nötig, um gegenwärtige Umfragen über den
Vertrauensverlust gegenüber Institutionen, Eliten, Verfahren und Kompetenzen
verstehen zu können. Eine jüngste Allensbach-Umfrage etwa bescheinigt der
Mehrheit der Deutschen fehlendes Vertrauen in die Institutionen der Demokratie
und in das politische Personal. Was solche Meinungs- und Einstellungsumfragen
messen, ist freilich nichts anderes als die Sagbarkeit von Sätzen. Im
Zusammenhang mit Vertrauensfragen messen solche Umfragen genau genommen nur, ob
die Befragten auf die entsprechenden aktuellen Themen aufspringen. Die veröffentlichte
gesellschaftliche Selbstbeschreibung ist derzeit voll von Diagnosen, die in
jedem Detail nachweisen, dass nichts mehr vertrauenswürdig ist.
Die Misstrauensgemeinschaften
Der Tenor
lautet, dass alles den Bach runtergeht – die Wirtschaft ebenso wie die Kultur,
die Bildung ebenso wie das Recht, die militärische Sicherheit ebenso wie die
technische Infrastruktur. Um nicht missverstanden zu werden: In all diesen
Bereichen strotzt es nur so vor Baustellen und liegen gebliebenen
Herausforderungen – aber man kann nicht behaupten, dass alles nur Teil einer
großen Verfallsgeschichte ist. Die Verfallsgeschichte zu erzählen, scheint
jedenfalls für viele ziemlich vertrauenswürdig zu sein, was man daran erkennen
kann, dass man hier nicht so genau hinschauen muss. Deshalb funktioniert eine
sogenannte alternative Presse so gut (die auch in vormalige Qualitätsmedien
hinüberschwappt), und die Flüchtigkeit von Sätzen in den sozialen Medien hat das Nichthinsehen geradezu als Programm. Das erzeugt
Misstrauensgemeinschaften, wie der Dortmunder Soziologe Aladin El-Mafaalani es nennt.
Kommunikation ist von Bestätigung abhängig, von dem, was man
in der Soziologie Anschlussfähigkeit nennt. Sätze mit geringer
Anschlussfähigkeit evozieren höhere Begründungs- und Rechtfertigungslasten. Sie
sind riskanter, weil sie mit mehr Widerspruch rechnen müssen. Und deshalb
steigt bei entsprechenden Umfragen die Wahrscheinlichkeit, entsprechende
Antworten zu geben, deren Plausibilität in der Wiederholungsrate ihres
Auftretens zu suchen ist.
Wenn also die dominante sichtbare Selbstbeschreibung der
Gesellschaft darin besteht, das Vertrauen in Eliten, Verfahren, ökonomische,
politische und kulturelle Formen infrage zu stellen, wenn die Wiederholung
maßloser externer Kritik an Deutschland und Europa als mediales Geschäftsmodell
taugt, wenn „Systemkritik“ nicht mehr linksakademischer Alltagssport und -spott
ist, sondern in andere Milieus auswandert, wenn Widerspruch und Kritik als
Angriff auf Meinungsfreiheit gerahmt wird (und sogar ganze Teilredaktionen
danach benannt werden, um sich selbst den Anschein von Widerstand zu geben) –
wenn all das in hoher Frequenz wiederholt wird, wird es die risikoärmste Form
der Beschreibung.
Kritische Pose, rechtslibertäre Attitüde
Deren Informationswert sinkt zwar, je öfter sie wiederholt
wird. Aber die ach so kritische Attitüde funktioniert ästhetisch gut. Sie hat von
ihren früheren provokativen linken Vorbildern gelernt und die kritische Pose
geradezu perfektioniert, jetzt im Gewand einer rechten und rechtslibertären
Attitüde, die ihre Identitätspolitik als ganz eigenen Opferdiskurs einer
angeblichen linksgrünen Hegemonie gegenüber inszenieren kann. Ich jedenfalls
fühle mich daran erinnert, wie man in manchen linksradikalen Diskursen weiland gut
dialektisch davon überzeugt war, dass erst die Zerstörung oder wenigstens das
Scheitern der Verhältnisse die Menschen wachrütteln könne, damit sich die Dinge
verbessern. So ähnlich wird heute wieder geredet – die Linken damals hatten
freilich eine erheblich kleinere Massenbasis als das heutige Kritik-Milieu.
Vertrauensverlust ist dann nicht mehr einfach Nebenfolge, sondern Programm.
Was tatsächlich fehlt – und vielleicht ist das der Grund für
den in Umfragen sichtbar werdenden Vertrauensverlust –, ist die Diskussion in Grau- und Zwischentönen. Es wäre naiv, zu behaupten, dass in
früheren Zeiten politische und mediale Öffentlichkeiten dem Ideal von
Meinungsbildung nahekamen, deren Möglichkeitsbedingungen man an der Universität
gelernt hat. Aber es waren insofern bessere Zeiten für die öffentliche Meinungsbildung, als nicht schlicht alles infrage gestellt wurde. Die gegenwärtigen
Krisenerfahrungen haben damit zu tun, dass die Grundbedingung fürs Vertrauen sehr
wohl durch krisenhafte Erfahrungen infrage gestellt wird, und zwar Erfahrungen,
die in den letzten beiden Jahrzehnten allzu sichtbar geworden sind.
