Als die beiden Rivalen an diesem Montag das Studio des Münchner Lokalradios Charivari betreten, hat jeder bereits subtil sein Alter optimiert. Dieter Reiter will sich am kommenden Sonntag ein drittes Mal sein Amt als Oberbürgermeister sichern. Dafür verjüngt der SPD-Mann seine 67 Jahre mit Sneakern, Jeans und weinrotem Pulli überm T-Shirt. Sein Herausforderer Dominik Krause von den Grünen kontert mit dem Seriositäts-Upgrade aus dunklem Anzug und weißem Hemd, auf dass seine 35 Jahre nicht ganz so frischlingshaft wirken, als Bewerber für den Chefposten in Deutschlands größter und wirtschaftsstärkster Landeshauptstadt.
„Viel München – feel good Music“ steht auf einer Charivari-Tasse. Und dass der Junior und der Senior aus dem rot-grünen Rathausbündnis hier überhaupt zum Radio-Duell vor der anstehenden Stichwahl aufeinandertreffen, ist bereits eine Sensation: Als haushoher Favorit galt der Amtsinhaber im ersten Wahlgang. Doch dann beging der OB einen Fehler, für den er in einem Interview mit der ZEIT folgende Worte fand: „Ich war da tatsächlich fast nicht ganz bei Sinnen.“ Ein Satz, wie ihn Gerhard Polt nicht schöner hätte sagen können.
Vier Tage vor dem ersten Wahlsonntag am 8. März musste Reiter sich im Stadtrat rechtfertigen, weil er ohne Genehmigung ein Aufsichtsratsmandat beim FC Bayern angenommen hatte. Erst polterte der OB gegen seine Kritiker, doch nach der Sitzung musste er eingestehen: Er hatte bereits seit 2021 als Mitglied des Verwaltungsbeirats jährlich 20.000 Euro Aufwandsentschädigung kassiert – wiederum ungenehmigt und undeklariert (wenn auch ordentlich versteuert). Seitdem kommt der OB nicht aus der Defensive, obwohl er sich vielfach entschuldigt hat, alle Ämter beim FC Bayern niederlegte und die 90.000 Bayern-Euro spenden will. Wird nun auch die Stichwahl zur Denkzettelwahl?
Unerwartet eröffnet sich jedenfalls für die Grünen die Chance auf den OB-Posten. Es wäre erst der dritte überhaupt in einer Landeshauptstadt, nach Fritz Kuhn in Stuttgart (bis 2021) und aktuell Belit Onay in Hannover.
Im Charivari-Studio spielen die Moderatoren mit den Kandidaten ein heiteres ABC und sind bei „C“ wie „Charisma“ angelangt. „Jugendliche Leichtigkeit“ fällt dem Senior zum Junior ein, was dessen biografischen Standortnachteil verstärkt. Neulich erst wieder habe er, Reiter, jemanden über Dominik Krause sagen hören: „Ein Süßer ist er schon.“ Krauses Konter: „Ich hab’ auch schon Leute gehört, die dich süß fanden.“ Worauf Reiter bei „D“ wie „Dieter & Dominik“ beisteuert, seine Enkel würden ihn „Didi“ nennen.
Fairness im Umgang nennen die Rivalen, die sich duzen, diesen Schmusekurs mit Hinterfotzigkeiten. Tatsächlich aber zeigt das Sticheln vor der Stichwahl die Tücken einer übersteigerten Personalisierung: In hochpolitischen Zeiten wirken unpolitische Wahlkämpfe hohl.
„Politik wird unglaublich oft mit Marketing gleichgesetzt, und zwar nicht Marketing für Ideen, sondern für Personen“, räumt Reiter im Interview ein, „wir brauchen den Mut, uns manchmal von den Marketingmenschen zu emanzipieren.“ Nachdem die SPD die Stadt mit dem Konterfei ihres Kandidaten zugepflastert hat, tut sie sich nach dessen Blamage schwer, plötzlich auf Inhalte umzuschalten.
Dabei steht München vor gravierenden finanziellen Einbußen, die gesamtwirtschaftliche Schieflage macht selbst vor der Landeshauptstadt nicht mehr automatisch Halt.
Doch auch die Grünen haben vor allem ihren fotogenen Spitzenmann plakatiert, mit feinen Unterschieden: vor dem ersten Wahlgang im T-Shirt, vor der Stichwahl mit Krawatte, wenn auch locker gebunden. Mehr Appeal an dringend benötigte Wechselwähler scheint bis Sonntag nicht im Angebot. Bei Charivari haben sie sicherheitshalber auf Hörerfragen verzichtet. Ob Dieter oder Dominik, sagt ein Radiomann im Backstage, das sei doch eh mehr eine emotionale Entscheidung.
