Pyrotechnik und Festnahmen – Zehntausende türkische Fans auf den Straßen, Polizei im Großeinsatz

Die ersten Autos stehen bereits Stoßstange an Stoßstange, als sich ein Streifenwagen mit Blaulicht und Martinshorn langsam durch die Kolonne schiebt. Hupen überlagern das Sirenengeräusch. Fahnen ragen aus heruntergelassenen Fenstern. Die Fahrzeuge bewegen sich nur im Schritttempo in Richtung Breitscheidplatz. Es ist kurz nach Abpfiff, der Asphalt noch nass vom Regen, die Luft kühl. Vor der Gedächtniskirche sammelt sich eine Menge, die weiter anwächst.

Der Anlass liegt nur Minuten zurück. Mit dem Schlusspfiff endet das Spiel gegen den Kosovo, die Türkei gewinnt 1:0 und sichert sich damit die Qualifikation für die nächste Weltmeisterschaft – erstmals seit 24 Jahren. Viele verfolgen die Partie noch in Cafés, Restaurants oder zu Hause. Kurz danach verlagert sich die Reaktion auf die Straße. Innerhalb kurzer Zeit entstehen in mehreren Städten Versammlungen.

Aus allen Richtungen strömen Menschen auf den Platz. Einige kommen aus der U-Bahn-Station Wittenbergplatz, andere laufen vom Kurfürstendamm herüber. E-Scooter werden am Rand abgestellt, Autotüren schlagen zu, Motoren bleiben laufen. Gruppen formieren sich, bleiben stehen, lösen sich wieder. Aus Lautsprechern dringt Musik, dazwischen Sprechchöre. „Türkiye, Türkiye, Türkiye“, hallt es über den Platz. Einzelne steigen auf Poller oder Mauervorsprünge, um Fahnen zu schwenken.

Kilometerlange Staus

Die Szenerie wirkt zunächst ungeordnet. Menschen bewegen sich kreuz und quer, Fahrzeuge versuchen, sich durch die Menge zu schieben, werden langsamer, bleiben stehen. Mit jeder Minute verdichtet sich das Bild. Rund um die Gedächtniskirche stehen schließlich etwa 2500 Menschen. Dazwischen Hunderte Fahrzeuge, viele mit Fahnen aus den Fenstern. Neben türkischen Flaggen sind auch Fahnen des Kosovo zu sehen. Immer wieder halten Autos kurz an, Insassen steigen aus und schließen sich den Gruppen an.

Zwischen KaDeWe, Wittenbergplatz und Breitscheidplatz kommt der Verkehr weitgehend zum Erliegen. Kolonnen ziehen sich durch die Straßen, Warnblinker leuchten. Einige Fahrer lassen die Motoren aufheulen, andere rollen langsam weiter. Auch der Busverkehr ist in diesem Bereich unterbrochen. Die Polizei beginnt, erste Straßenabschnitte zu sperren, um den Verkehrsfluss zu unterbrechen und Raum für Einsatzfahrzeuge und die Menge zu schaffen.

Auf dem Breitscheidplatz stehen Familien am Rand, Kinder sitzen auf Schultern oder halten kleine Fahnen. Junge Männer und Frauen bewegen sich durch die Menge, filmen mit ihren Handys, rufen Freunden zu, lachen. Die Stimmung wirkt ausgelassen, gleichzeitig kontrolliert.

Immer wieder entstehen kleinere Kreise. Menschen klatschen im Takt, singen gemeinsam und lösen sich wieder auf. In einer Gruppe wird die türkische Nationalhymne angestimmt, andere stimmen ein. Die Stimmen setzen an, brechen ab und beginnen erneut. Einige Jugendliche spielen zwischen parkenden Autos Fußball, passen sich den Ball zu, stoppen kurz, wenn Fahrzeuge vorbeiziehen.

Wenige Meter entfernt steht eine Frau mit zwei kleinen Kindern. Sie hält beide an den Händen, blickt in Richtung der Menge und weint. Es sind leise Tränen, kaum sichtbar im Halbdunkel. Der Moment bleibt kurz – sie freut sich über den Sieg, mit schwenkender Fahne in der Hand scheint sie die Situation zu genießen.

Vereinzelt wird Pyrotechnik gezündet. Ein Bengalo taucht den Platz in oranges Licht, dichter Rauch steigt auf und zieht zwischen den Menschen hindurch. Kurz darauf folgt ein weiterer, dann ein Feuerwerkskörper, der über dem Platz explodiert. Die Sicht ist stellenweise eingeschränkt, die Menge rückt enger zusammen.

Feuerwerk und Festnahmen

Die Polizei ist von Beginn an präsent. Zwei Hundertschaften stehen rund um den Platz, an Zufahrten, Kreuzungen und Engstellen. Beamte bewegen sich in kleinen Gruppen durch die Menge, sprechen einzelne Personen an und beobachten die Situation. An mehreren Stellen drängen sie Menschen zurück, um Durchfahrten freizuhalten. Die Kommunikation erfolgt direkt, oft ohne Lautsprecher, im unmittelbaren Kontakt.

Zwischenzeitlich wird die Situation unruhiger. Pyrotechnik wird vermehrt gezündet, ein Jugendlicher ruft laut aus der Menge auf Türkisch „Hurensohn“. Die Polizei greift häufiger ein, stoppt einzelne Gruppen und schiebt sie zurück.

Kurz vor Mitternacht erreicht die Situation ihren Höhepunkt. Ein Jugendlicher soll Pyrotechnik gezündet haben. Als er die Beamten sieht, läuft er davon. Er verliert das Gleichgewicht und stürzt auf den nassen Asphalt. Mehrere Beamte sind sofort bei ihm, drücken ihn zu Boden und legen ihm Handschellen an. Immer mehr Menschen versammeln sich aus Solidarität um die Beamten herum. Ein Polizist funkt brüllend nach Verstärkung. Kurz darauf wird der Mann abgeführt.

Auch außerhalb des Breitscheidplatzes setzt sich die Bewegung fort. Am Kurfürstendamm ziehen sich die Kolonnen weiter, mit Fahnen aus den Fenstern. Am Kottbusser Damm fahren Fahrzeuge in beide Richtungen, Menschen lehnen sich aus den Autos, rufen und filmen. In mehreren Bezirken entstehen ähnliche Bilder, die sich über Stunden halten.

Bundesweite Versammlungen

Bundesweit zeigen sich parallele Szenen. In Frankfurt ziehen sich Autokonvois entlang des Mainufers bis tief in die Innenstadt. Mehrere hundert Menschen sind dort unterwegs, Straßen werden zeitweise unpassierbar. In München versammeln sich mehrere Tausend rund um das Siegestor, der Verkehr wird gesperrt, Pyrotechnik wird gezündet. In Bremen kommen mehrere Hundert Menschen in der Innenstadt zusammen, ebenso in Dortmund und Böblingen. Auch dort prägen Fahnen und Feuerwerk das Bild, stellenweise kommt es zu Drifts und Konvois.

Zurück in Berlin bleibt die Lage bis kurz nach Mitternacht angespannt, aber kontrollierbar. Die Polizei greift punktuell ein, löst kleinere Verdichtungen auf und führt Kontrollen durch. Neben der Festnahme am Breitscheidplatz kommt es zu weiteren vereinzelten Maßnahmen. Insgesamt bleibt die Situation überschaubar.

Gegen Mitternacht beginnt sich der Platz zu leeren. Fahrzeuge setzen sich langsam wieder in Bewegung, Gruppen lösen sich auf. Die Polizei räumt schrittweise Bereiche und gibt Straßen wieder frei. Das Blaulicht spiegelt sich auf dem nassen Asphalt, während der Verkehr nach und nach freigegeben wird.

Zurück bleiben vereinzelte Jugendliche, die noch nach einem Uber oder nach einem Bus schauen und langsam in Richtung Kurfürstendamm ziehen. Der Breitscheidplatz ist kurz vor zwei Uhr menschenleer.

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