Während in der Ukraine täglich Soldaten und Zivilisten getötet, Städte zerstört und Grenzen verschoben werden, führt man im Rekordtakt diplomatische Gespräche, macht Appelle und schmiedet immer neue Friedenspläne. Bislang mag sich keine Lösung abzeichnen, die der Ukraine gerecht würde, auch weil Russland kein Interesse an einer solchen hat. Doch mit der permanenten Beschwörung eines baldigen Kriegsendes stellt sich zunehmend die Frage nach dem Danach: Was von Russlands Angriffskrieg im Gedächtnis bleiben wird und wer die Verantwortung für ihn übernimmt. Es sind Fragen, die sich nicht nur an das Kremlregime richten, sondern auch an jene, die diesen Krieg führen oder in deren Namen er geführt wird: uns Russen.
Wenn ich in diesem Text von „wir Russen“ spreche, meine ich kein homogenes Kollektiv. Menschen, die sich als russisch identifizieren, sind politisch, biografisch und moralisch innerhalb Russlands und außerhalb des Landes höchst unterschiedlich positioniert – auch unter jenen, die sich als Oppositionelle verstehen.
Doch kaum jemand von uns musste sich die Frage nach der gemeinsamen Verantwortung für unsere Gewaltgeschichte bislang je stellen: In seiner von Kriegen, Besatzungen und ethnischen Säuberungen geprägten Geschichte ist Russland stets straflos davongekommen. Die russische Führung jedenfalls hat für keines dieser historischen Verbrechen Verantwortung übernommen. Und selbst viele jener Russen, die sich selbst als oppositionell bezeichnen und seit Jahren gegen das Kremlregime Putins aufbegehren, bleiben bemerkenswert still, wenn es um die Aufarbeitung aktueller und vergangener russischer Schuld geht – dazu gehören neben der Besatzung der Ukraine die beiden Tschetschenienkriege in den 1990er- und 2000er-Jahren, die Deportationen indigener Völker wie der Kalmücken in den 1940ern; die Hungergenozide in der Ukraine, der Wolgaregion und Kasachstan in den 1930ern; die ethnische Säuberung der Tscherkessen oder die Eroberung und Kolonisierung von Zentralasien und dem Kaukasus im 19. Jahrhundert. Um nur einige Verbrechen zu nennen.
Doch selbst russische Liberale weigern sich oft, solche Ereignisse zu thematisieren. Und wenn sie vom Krieg gegen die Ukraine sprechen, nennen sie ihn oft “Katastrophe“ oder „Tragödie“, als handle es sich um ein übernatürliches Ereignis, auf das man keinerlei Einfluss habe. Träumen sie vom Zerfall des Putin-Regimes, hinterfragen sie nicht die blutig gezogenen Grenzen der Russischen Föderation und wollen von den Unabhängigkeitsbestrebungen Indigener nichts wissen.
Beispielhaft für dieses Phänomen war ein kürzlicher Auftritt der Oppositionspolitikerin Julija Nawalnaja in Brüssel: Dort sprach sie von einem „schwierigen Moment“ für Europa und einer „schrecklichen Zeit“ für Russland – die Ukraine jedoch erwähnt sie mit keinem Wort. Über Aktivisten, die den russischen Kolonialismus aufarbeiten wollen, äußerte sie sich abschätzig; schließlich wollten diese ja ihr „großes Land“ zerstückeln. Der Rassismus, der den Kalmücken, Dagestanern oder Burjaten in Russland widerfährt, ist für Nawalnaja wie auch für viele andere liberale Oppositionspolitiker kein Thema. In einem ZEIT-Interview konnte sie sich nicht einmal für Waffenlieferungen an die Ukraine bekennen, schließlich würden durch diese Waffen auch Russen sterben.
Vielleicht tun sich so viele russische Oppositionspolitiker damit schwer, Mitgefühl mit den Ukrainern oder anderen Opfern der russischen Kolonialpolitik zu zeigen, weil sie sich selbst ebenfalls lediglich als Opfer der aktuellen Kremldiktatur verstehen. Zugleich betrachten sie sich aber, wie die meisten Russen, als stolzer Teil einer großen, geschichtsträchtigen und angeblich friedliebenden Nation, deren Ansehen lediglich von Putin und seinen Schergen beschädigt worden sei, welche die Macht im Land gekapert hätten. Die kasachische Historikerin Botakoz Kassymbekova bezeichnet dieses Verhaltensmuster als “imperiale Unschuld“ – die aktive Verweigerung, sich selbst als Aggressor zu begreifen, verbunden mit der Inszenierung der eigenen Vergangenheit als Leidens-, Opfer- und Erlösungsgeschichte. Leidtragende des russischen Kolonialismus stören da nur dieses Bild.
Und in dieser Realitätsabwehr liegt das Problem: Wer Putin als Unfall in der sonst angeblich so glorreichen russischen Geschichte betrachtet, hat kein realistisches Bild von ihr. Und wird auch nie verstehen, dass ein Despot wie er keine Ausnahme darstellt, sondern die logische Konsequenz und Kontinuität einer seit Jahrhunderten andauernden Historie von Krieg und Kolonialismus. Das aktuelle Russland ist keine Schöpfung Putins – Putin ist eine Schöpfung Russlands. Deshalb ist auch zu bezweifeln, dass sich Russland nach seinem Tod automatisch in einen Rechtsstaat verwandeln würde, geschweige denn den Imperialismus und Kolonialismus überwinden wird.
Seit beinahe vier Jahren frage ich mich, was diese russische Schuld für mich persönlich bedeutet. Denn ich bin Tochter russischer Eltern, die beide in den Neunzigern aus Moskau nach Deutschland eingewandert sind. Seit meiner Geburt besitze ich zwei Pässe. Die russische Sprache lernte ich noch vor der deutschen und beherrsche sie bis heute gut. Auch wenn ich Russland lange Zeit nur aus Besuchen in den Sommerferien, Fernsehen und den Erzählungen meiner Eltern kannte, betrachte ich dieses Land als meine zweite Heimat. Und obwohl ich keine Rakete abgefeuert und nie Putin gewählt habe, begleitet mich seit Kriegsbeginn das Gefühl, Teil eines Täterkollektivs zu sein. „Jeder Mensch ist nicht nur verantwortlich für das, was er tut, sondern auch für das, was jeder andere tut“, schrieb schon Dostojewski. Ja, spätestens seit dem 24. Februar 2022 ist für mich alles Russische unwiderruflich mit dem Angriffskrieg gegen die Ukraine verbunden, der auf die Zerstörung ukrainischer Staatlichkeit, Kultur und Identität zielt. Russischsein lässt sich nicht mehr als unpolitische kulturelle Identität denken, sich nicht von aktuellen wie vergangenen politischen und militärischen Geschehnissen entkoppeln.
Mit diesem Gefühl bin ich in der Minderheit. Viele Oppositionelle bedienen stattdessen den Mythos der „guten Russen“ – ein diffus begründetes Vertrauen in die russische Gesellschaft bei gleichzeitiger Abgrenzung gegen das Regime. „Das ist nicht unser Krieg, es ist Putins Krieg“, sagte etwa der Oppositionspolitiker Wladimir Kara-Mursa nach seiner Freilassung 2024 und forderte, Sanktionen gegen einfache Russen zurückzunehmen. Während einer Rede im französischen Senat im Frühjahr behauptete er gar, dass es für Russen angeblich psychologisch schwieriger sei, Ukrainer zu töten, als für „Vertreter nationaler Minderheiten“. Damit meint er Angehörige indigener Völker, die überproportional häufig für die Front mobilisiert werden. Die im Exil lebende russische Politologin Ekaterina Schulmann geht sogar noch weiter: Die Vorstellung einer kollektiven russischen Verantwortung ist ihrer Meinung nach ein „faschistoides Konzept“.