„Alle haben gesagt, ich bin verrückt!“ Sophie Semin-Handke dreht sich um und lässt ihre dunklen Augen, nachtschwarz umrandet, über die Schulter funkeln. Im Blick liegt eine erhabene, aber belustigte Skepsis. Kurz denkt man an eine Katze, verdrängt den Gedanken aber gleich wieder: Klischee. Ebenso wie den Gedanken, dass viele Pariserinnen jenseits der Fünfzig eine unabhängige Schönheit ausstrahlen, nicht trotz ihres Alters, sondern losgelöst davon: auch das ein Klischee. Dass die Schriftstellerin Colette in diesem Zusammenhang von der strahlenden Fülle gelebter Erfahrungen geschrieben hat, ebenso.
„Kommen Sie“, entschlossenen Schrittes führt Semin in den Hinterraum ihrer Buchhandlung Le Neuvième Pays, die sie vor drei Jahren eröffnet und nach einem poetischen Sehnsuchtsort in einem Roman ihres Mannes, des Literaturnobelpreisträgers Peter Handke, benannt hat: „Das Neunte Land“ ist ein Ort, der durch das Erzählen entsteht und in ihm erhalten bleibt.
Einen ausgefeilten Businessplan habe sie zur Eröffnung nicht gehabt, erzählt Semin, während sie in charmant französisch gefärbtem Deutsch einen Apfelsaft „gespritzt“ anbietet. Stattdessen habe sie die unbedingte Idee gehabt, an diesem Ort in der Rue Bonaparte etwas Bleibendes entstehen zu lassen: „Es war wie ein Wunder, die Zeit schien wie für mich gemacht.“ Früher war in den Räumen ein Antiquariat, in dem der uralte Betreiber zwischen seinen bis unter die Decke wuchernden Bücherstapeln hauste, ein bibliophiler Eremit wie aus einem Victor-Hugo-Roman, der seine Höhle nicht verlassen wollte; am Ende musste man sich eine Schneise durch Papier und Buchstaben schlagen, um ins Innere vorzudringen oder wenigstens zur Kasse. Semin überzeugte ihn mit ihrem Angebot und kaufte den Laden, der seitdem, von einem bordeauxroten Schaufenster umrahmt, französische und deutsche Literatur anbietet.
Der Schriftsteller und frühere Verleger Michael Krüger, ein Freund Handkes und Semins, hat in seinen Lebenserinnerungen auf die Überlagerungen von Gedanken, Kulturen und Sprachen hingewiesen, die Buchhandlungen idealerweise schaffen. Krüger nennt sie ein „geistiges Netz aus Gelehrtheit, Enthusiasmus und Vielfalt“ als Fundament europäischer Zivilisation, die im 20. Jahrhundert oft von jüdischen Emigranten gegründet wurden, wie etwa die Pariser Librairie Calligrammes, die, wie die meisten, inzwischen geschlossen ist. Wer einfach nur schnell ein Buch braucht, geht zu Fnac oder bestellt bei Amazon, das ist in Paris kaum anders als anderswo. Vor der legendären amerikanischen Buchhandlung „Shakespeare and Company“ bilden sich Touristenschlangen, die nach Souvenirs – Taschen, Ansteckern, Geschirrtüchern – anstehen, im angeschlossenen Café bekommt man Matcha Latte mit Mandelmilch für 6,50 Euro.
Gibt es die unabhängige Buchhandlung also vor allem in der Emily-in-Paris-geprägten Vorstellung von Bookstagrammern statt in der Wirklichkeit, weil Unabhängigkeit heute teuer und kompliziert ist? Na ja, antwortet Semin, ein großes Geschäft sei das alles nicht für sie, aber sie bewahre sich ihre Freiheit. So verkaufe sie die deutschen Bücher schon aus Prinzip zu dem in Deutschland üblichen Ladenpreis. Und oft sei sie die einzige Buchhandlung im Großraum von Paris, die einen bestimmten französischen Lyriktitel vorrätig habe. Auf den Tischen liegen an diesem Nachmittag Yasushi Inoué in der Nähe von Albert Camus und Aimé Césaire, daneben eine Hölderlin-Übersetzung, im nächsten Raum die Titel der Shortlist des Deutschen Buchpreises an Ingeborg Bachmann und einer Reclam-Ausgabe Goethe. Schon in der Präsentation der Bücher wirkt alles auf erfrischende Weise aus der Zeit gefallen: als ginge es weniger darum, sie zum Verkauf anzupreisen oder zum Posten auf Instagram auszustellen, und eher darum, ihnen ein temporäres Zuhause unter Geistesverwandten zu geben.
Die programmatische Ausrichtung ist locker von den Vorlieben Semins geprägt, auch wenn sie gesteht, dass es sie zu Beginn geradezu in Panik versetzt habe, wenn sie um Empfehlungen gebeten wurde. Sie wolle auch nicht zu schnell über ein Buch urteilen: „Wer bin ich, das zu tun?“ Einen „coup de coeur“ zackig in drei, vier Sätzen zu formulieren, sei ihr unmöglich, sagt Semin und lacht. Blickt man vom Hinterzimmer in den Raum, sieht man, außer dem jungen Buchhändler Pierre Stapf, der Semin unterstützt, eine Gen-Z-Frau mit einer der obligatorischen Tote Bags, wie sie auch an der Kasse verkauft werden, und einen älteren Herrn, den Semin später persönlich begrüßen wird, in ein Buch vertieft.
Sophie Semin war lange Schauspielerin. Sie spielte unter Antonioni und Wim Wenders und in zahlreichen Filmen und Stücken von Peter Handke. Literatur habe sie nicht studiert, sagt sie, sondern Jura, aber Bücher seien immer ihr „Land“ gewesen, seit ihren Kindertagen schon, die sie in einer kleinen Stadt in Lothringen verbrachte. Sie erinnere sich bis heute an die Stadtbücherei an der Mosel, in der sie zu den besten Kunden gehört habe: „Der Ort ist immer in mir.“ Ein klares Vorbild für ihre Buchhandlung „Le Neuvième Pays“ gebe es nicht, eher verschiedene Elemente, deren Inspiration aus Paris, Graz oder Triest stammt. „Ich bin kein Experte“, sagt Semin, es ginge ihr bei Literatur vor allem darum: „Sie muss durch mich durchgehen, meine Seele, meinen Körper.“
Seit einiger Zeit finden auch Veranstaltungen statt, wobei „Veranstaltung“ ein zu spröder Ausdruck ist, genauso wie „Lesung“: Eher ist es eine Soiree, zu der Semin in lockeren Abständen lädt, mal in Erinnerung an verstorbene Dichter, mal zur Buchpremiere durch einen befreundeten Schauspieler. Demnächst soll es einen Doderer-Abend geben, das neue Werk von Yasmina Reza von Isabelle Huppert vorgestellt werden und Handkes „Die Ballade des letzten Gastes“ gelesen. Die Zusammenkünfte sind immer von den Begegnungen geprägt zwischen Schriftstellern, Schauspielern, Künstlern, Nachbarn, jung, alt, deutsch, französisch: Zuhören, Sprechen, ein Glas Wein und dann zurück in die dauerbelebte Stadt.
Ein paar Meter die Straße herunter, an diesem Nachmittag von Frühherbstleuchten beschienen, liegen die Kirche Saint-Sulpice und der Jardin du Luxembourg und damit Literaturgeschichte: Heinrich Heine, Joseph Roth, Rilke. Herzlich begrüßt Sophie Semin eine ältere Dame, die nur eben schnell vorbeischauen wollte: „Madame Modiano!“ Kurz scheint es, als sei man in eine Fortsetzung von Woody Allens „Midnight in Paris“ geraten.
In Deutschland ist zuletzt zu spüren gewesen, dass der Buchmarkt im Vergleich zu vor wenigen Jahren schwächelt. Wie ist die Lage in Frankreich für eine Buchhändlerin? Semin winkt ab, ja, die Lage sei nicht gerade gut, reich werde sie nicht: „Aber es ist reich in mir.“ Natürlich gebe es Leute, die meinten, bald seien Buchhändler überflüssig, die Künstliche Intelligenz könne einem die besten personalisierten Buchtipps liefern. Daran glaube sie nicht, fährt Semin fort, und nicht erst seit dem in Frankreich gerade heiß diskutierten Fall des Schriftstellers Thélyson Orélien, der seinen weithin gelobten Roman mit KI geschrieben haben soll, das aber bestreitet. Künstliche Intelligenz sei ein sinnvolles Arbeitswerkzeug im Alltag, aber zum Schreiben? Nein! Ob sie denn selbst literarische Texte schreibe? „Nein! Das ist Tabu!“, ruft Semin halb empört, halb lachend. „Aber es ist interessant, dass Sie fragen.“ Schreiben sei eine hohe Kunst, aber hart – „c’est dur“, sie kenne das von ihrem Mann.
Vielleicht bedeutet die Vereinzelung, die nicht nur das Schreiben, sondern auch das Lesen mit sich bringt, dass eine Buchhandlung heute, im Zeitalter der digitalen Dauerablenkung, darauf setzen muss, ein Ort zu sein, an dem man sich aufhält, weil man sich verstanden fühlt, im „neunten Land“ des Erzählens. Und vielleicht kann das, denkt man, als man wieder auf die Straße tritt, diese Frau besonders gut: weil sie sich die Zeit genommen hat, dessen papiergewordene Geschichte zu verkörpern.
Die französische Schauspielerin Sophie Semin-Handke, Jahrgang 1961, schloss nach dem Studium der Rechtswissenschaften eine Ausbildung am Institut Français de la Mode ab. Sie war Pressechefin des Modedesigners Yohji Yamamoto, bevor sie 1992 in Peter Handkes Film „Die Abwesenheit“ an der Seite u.a. von Jeanne Moreau und Bruno Ganz debütierte. 1993 bis 1995 absolvierte sie eine Schauspielausbildung und spielte danach unter u.a. Rainer Werner Fassbinder, Michelangelo Antonioni und Wim Wenders. Sie ist seit 1995 mit dem österreichischen Literaturnobelpreisträger Peter Handke verheiratet. 2023 eröffnete sie die deutsch-französische Buchhandlung „Le Neuvième Pays“ im 6. Arrondissement von Paris.