Kunstpreise für Künstler gibt es unzählige. Auszeichnungen für Kunstmuseen gibt es kaum. Im Jahr 2023 wurde eine besondere Lücke geschlossen. Mit dem Tiemann-Preis gibt es seitdem eine Auszeichnung, die den Einsatz von Museen würdigt, ein bestimmtes Kunstwerk in ihre Sammlung zu bringen – und den Kauf ermöglicht. Denn kaum ein öffentliches Haus ist finanziell in der Lage, auf dem Kunstmarkt einzukaufen: Die Ankaufsbudgets sind zu niedrig. Die 50.000 Euro, mit denen der Tiemann-Preis dotiert ist, sind da kein geringes Preisgeld.
Doch die Hürde, die die Auslober des Preises gesetzt haben, ist hoch. Dem Berliner Ehepaar Ingeborg und Jürgen Tiemann, das mit seiner Stiftung unter anderem auch die Freunde Preußischer Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, die Studienstiftung des deutschen Volkes und die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern unterstützt, reicht es nicht, dass Museumsdirektoren, Sammlungsleiter und Kuratoren ein Kunstwerk vorschlagen, das sie gern hätten. Die Museumsleute sind hingegen aufgefordert, ausführlich zu argumentieren, warum gerade dieses Werk ihre Sammlung weiterentwickeln kann.
Und ausgerechnet Malerei, diese im zeitgenössischen Kunstdiskurs mitunter arg geschmähte Gattung, soll es auf Wunsch der Stifter auch noch sein!
Die fünfköpfige Jury des Tiemann-Preises entscheidet also nicht nur über einen Künstler und seine Arbeit, sondern auch über die Qualität der Bewerbung. Nach dem Museum Folkwang in Essen (mit einer Werkgruppe des Malers Armin Boehm), dem Kunstmuseum Magdeburg, Kloster Unser Lieben Frauen (mit der Künstlerin Özlem Altın) und dem Marta Herford (mit Kerstin Brätsch) konnte 2026 der Hamburger Bahnhof in Berlin damit überzeugen, den Ankauf einer Werkserie von der in Berlin lebenden, kanadischen Künstlerin Elif Saydam für die Sammlung zu finanzieren. Das Museum für Gegenwartskunst ist eines der drei Häuser der Nationalgalerie.
Saydam (geboren 1985 in Calgary) hat Schwarz-Weiß-Fotos aus dem Umfeld der für die Hauptstadt typischen Spätverkaufsstellen auf kleine Leinwände gedruckt und mit Ornamenten aus leuchtenden Farben und 23-karätigem Gold bemalt: „Späti Paintings“. Diese Verbindung erzeuge „eine Spannung zwischen urbaner Alltagskultur und Codes von Wert, Pracht und handwerklicher Tradition“, erklärt Charlotte Knaup, Kuratorin am Hamburger Bahnhof. Kunst und Handwerk seien im Diskurs Mitteleuropas meist hierarchisch getrennt. „Saydams Bildsprache macht diese Differenz sichtbar und verschiebt zugleich etablierte Wertordnungen.“
Elif Saydam selbst nennt diesen Gegensatz von einfacher Darstellung und kostbarer Ausführung „diminutiven Materialismus“. Die Jury des Tiemann-Preises hat diese Ironie der Verniedlichung verstanden und erklärt in ihrer Urteilsbegründung, Malerei sei „immer auch eine Materialfrage. Sie ist schon lange, bevor sie auf dem Kunstmarkt landet, eine Sache ökonomischer Größen.“ Und ein Kunstpreis bedeutet immer auch eine Aufwertung.
Die Werkgruppe ist in der aktuellen Sammlungspräsentation „Tausendmal Berlin“ im Hamburger Bahnhof zu sehen. Der Tiemann-Preis wird am 30. Oktober 2026 nach einem Künstlergespräch mit Elif Saydam verliehen.