Kultur

Seltsam getröstet geht man am Ende aus diesem Film

Seltsam getröstet geht man am Ende aus diesem Film

Lea sitzt auf einer Tischtennisplatte. Lea ist 17. Der Mann vom Fernsehen, der eine Homestory mit ihr machen will für die Castingshow, in der sie Coldplays „Fix You“ singen soll, hat ihr eine Frage gestellt, die man Pubertierenden eigentlich nicht stellen darf.

Er hat sie nach etwas gefragt, was sie nicht hat, was sie sucht und umkreist, wie es beinahe alle Mädchen in Leas Alter tun. Was denn das Besondere an ihr sei, hat der Mann gefragt. „Weiß nicht“, sagt Lea, denkt, blickt umher, man sieht nur ihre Augen. „Nichts. Weiß nicht, was soll man da antworten?“ Blickt und sucht Halt in der Luft, denkt und schweigt.

In Eva Trobischs drittem Spielfilm sitzt Lea (Frida Hornemann) da. „Etwas ganz Besonderes“ heißt der Film. Und er ist eine große Suchbewegung. Die Geschichte einer Familie, einer Stadt, eines Landes im Fluss, auf der Suche nach dem, was das Besondere ist, was es vielleicht nie war und was es sein könnte.

Die Stadt heißt Greiz

Greiz liegt in Thüringen, eingekesselt im engen Tal der Weißen Elster. Reich war die Stadt mal, herrliche Häuser hat sie, weil es Textilindustrie gab. Und Schlösser hat sie, weil sie Residenz der Fürsten von Reuß war (ältere Linie, der berüchtigte Reichsbürger-Rädelsführer Heinrich XIII. Prinz Reuß entstammt der jüngeren Linie).

Jetzt stehen Elend und Eleganz nebeneinander in den Straßen, aufwendig Restauriertes neben vernarbtem Verfall. Greiz, das an Görlitz erinnert, bevor da alles zum Architekturmuseum für Hollywood hochrenoviert wurde, ist nicht nur die Kulisse für Leas Geschichte. Sie ist einer der vielen Spiegel im Escape-Labyrinth der Suchenden, durch das Eva Trobisch uns schickt. In dem wir immer wieder Menschen begegnen, sie eine Zeit lang beobachten, in ihren Gesichtern lesen, den Untertönen ihrer Sätze zuhören, ihnen nahekommen und doch fremd bleiben.

Würde man Matze (Max Riemelt) fragen, Leas Vater, was denn gerade sein Beziehungsstatus ist, würde er schweigen, schauen, denken und „Weiß nicht“ sagen. Rieke (Gina Henkel), Leas Mutter, hat sich von ihm getrennt, sie ist schwanger von Arthur (Florian Lukas). Sie üben Patchwork noch, wissen genau, wo die Wunden sind, auf die sie nur drücken müssen, damit es so richtig weh tut. Und kommen trotzdem nicht so richtig los voneinander.

Matze ist mal in der alten Wohnung, mal in der Reiterpension seiner Eltern. Einem innen mit Eichenholz ausgegossenen Tagungshotel, das mit der Lage in den Alpen wahrscheinlich eine Goldgrube wäre. Fernab von Greiz steht es schimmelig am Waldrand herum. Würden da nicht regelmäßig Rechte vorbeikommen, die sich in den ranzigen Gängen zwischen den toten Tieren an den Wänden anscheinend wohlfühlen, hätten Leas Großeltern den Laden längst schließen müssen. Von ihren Kindern will den auch keiner übernehmen.

Die sind alle irgendwie wieder da in der Pension mit dem weiten Blick und den unsicheren Aussichten, als „Etwas ganz Besonderes“ anfängt. Auch Kati (Eva Löbau) ist wieder da, hat den Fuß in Gips und hinkt an Krücken herum (ein wenig weniger Symbolik hätte dem Film gelegentlich schon auch gut getan). Leas Lieblingstante war lange im Westen, kann stundenlang und wortreich von Kunst und Kultur schwärmen, und verwandelt gerade das Obere Schloss in ein Museum.

Westler erklären den Osten

Das war mal ein Altenheim zu DDR-Zeiten. Es ist viel erhalten geblieben vom alten Glanz, den alten Decken zum Beispiel. Man hat einen schönen Blick auf die Stadt mit der Weberei im Zentrum. In dem Museum sollen sich die Geschichte und die Geschichten von Greiz spiegeln. Dafür ist Geld da, viel Geld, Millionen aus Brüssel. Gefällt nicht jedem in Greiz. Weil es Brüssel ist. Und weil sie es nicht mögen, wenn da wer aus dem Westen ihnen erklärt, wie alles war und kam. Kati wurde von den Greizern mental in den Westen zwangsumgesiedelt.

Dazwischen sitzt Lea und hört zu, schweigt und schaut sich um, in den alten, zerbrechenden Welten und den neuen, in die sie durch die Show geschleudert wird. Das alles kann Frida Hornemann verteufelt gut, sie ragt aus dem Ensemble heraus. Dann singt sie – damit auch der Letzte und selbst der Casting-Moderator versteht, worum es ihr und Trobisch geht – ein Lied, in dem es um Trauer geht, um Verlust und Hoffnung, um die Sehnsucht, dem Liebsten beizustehen, damit alles gut wird und licht.

„Etwas ganz Besonderes“ ist nichts für Hektiker. Trobisch flaniert mit uns an ihren Figuren vorbei, sammelt Skizzen, hört genau hinein ins Schweigen zwischen den Sätzen und den Menschen. Erzählt sie durch ihre Gesten mehr als durch ihre Worte? Man sieht Daumen zucken, Augen flackern, Blicke fliegen durch Räume. Die Figuren verlieren schnell alle Schemenhaftigkeit. Bevor einem der Kopf zu voll wird von der sorgsam dramaturgisch ausbalancierten Familienaufstellung auf ihrem offenen Geschichtengewebe, räumt Eva Trobisch zwischendurch immer mal wieder alles frei. Dann schaut man auf Wände, aus Fenstern, in tote Räume.

Seltsam getröstet geht man am Ende aus diesem Film. Und fängt schon in Höhe des Popcornautomaten an, sie zu vermissen. Matze und Rieke und Kati und Lea. Vielleicht sieht man sich ja wieder. In Greiz.

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