München – Sein Aufstieg gelang ihm zu großen Teilen auf Kosten der CSU, gleichzeitig hielt er die AfD in Bayern in Schach. Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger (†55) war für Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (59, CSU) Gegner und Helfer zugleich. Sein Tod wird weitreichende Folgen für die Politik in Bayern haben.
15,8 Prozent hatte Aiwanger mit seinen Freien Wählern bei der letzten Landtagswahl in Bayern am 8. Oktober 2023 geholt. Für die CSU war das ein Schock. Sie musste zum zweiten Mal eine Koalition mit Aiwangers Freien Wählern akzeptieren. Das hatte seit 1962 keine Partei mehr in Bayern geschafft. Die Freien Wähler schienen die Alleinherrschaft der Christsozialen im Freistaat dauerhaft beendet zu haben.
Aiwanger polterte gegen Corona-Maßnahmen, er forderte lauthals: „Holen wir uns die Demokratie zurück!“ Das waren Sprüche, die der CSU unter Kanzlerin Angela Merkel (72, CDU) nicht möglich waren. Bei den Bauernprotesten im Januar 2024 stellte er sich an die Spitze, mobilisierte gegen den damaligen Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (60, Grüne). So sammelte Aiwanger ländliche konservative Wähler ein, die unzufrieden über die CSU grummelten.
Aiwanger: „Ohne uns hätte die AfD längst 20 Prozent“
Vielen in der CSU galten die Stimmen, die an die Freien Wähler gingen, als „Fleisch vom eigenen Fleisch“. Aiwanger hielt dem immer entgegen, dass seine Partei die Bayern-Brandmauer gegen ein Erstarken der AfD wäre. „Ohne uns hätte die AfD in Bayern schon längst 20 Prozent“, sagte Aiwanger im Landtagswahlkampf 2023 zu BILD.
Trotz des harten Kampfs um Stimmen gelang Aiwanger und Söder eine ruhige, sachliche Regierungspolitik. Söder als Ministerpräsident, Aiwanger als sein Stellvertreter und Wirtschaftsminister. Stolz nannten sie sich „die Bayern-Koalition“ und wollten Vorbild sein für die oft chaotischen Koalitionen der Berliner Bundesregierungen. „Wir haben eine stabile Arbeitsbeziehung“, sagte Aiwanger über sein Verhältnis zu Söder zu BILD.
Im Frühjahr 2026 wurde diese bayerische Arbeitsbeziehung allerdings empfindlich gestört. Bei den Kommunalwahlen verdoppelten die Freien Wähler die Zahl ihrer Landräte von 14 auf 28 und das komplett auf Kosten der CSU. „Das ist noch nicht das Ende der Freien-Wähler-Entwicklung“, jubelte Aiwanger. Markus Söder dagegen stürzte in die größte Krise seiner Amtszeit. Kommunalpolitiker aus der CSU kritisierten offen seinen Regierungsstil als zu selbstbezogen und auf Publicity ausgerichtet. Söder gelobte Besserung, versprach mehr Basisarbeit und stellte sein Food-Blog „Söder isst“ ein.
Bei der Missstimmung in der CSU spielte auch der Neid auf das politische Talent von Aiwanger eine Rolle. Der Erfolg der Freien Wähler in Bayern gilt vor allem als sein Erfolg. Seit 2006 war er ihr Vorsitzender und hatte aus dem Bündnis von lokalen Wählergruppen eine schlagkräftige Partei geformt. Viermal wurde sie unter ihm in den bayerischen Landtag gewählt. Zweimal kandidierte er – allerdings erfolglos – für den Bundestag. Seine Auftritte und Reden im Land verschafften den Freien Wählern Mitglieder und Wählerstimmen. Vier von 14 Ministern stellten die Freien Wähler seit 2023 in der bayerischen Staatsregierung.