Auf das für journalistische Reportagen übliche Taxifahrer-Zitat muss dieser Artikel verzichten. Denn die Fahrt zum neu eröffneten Lucas Museum of Narrative Art in Los Angeles erfolgt in einem Waymo, einer jener in der Westküstenmetropole üblichen selbstfahrenden Taxis. Auf dem Weg von West Hollywood in den Süden der Stadt ziehen Palmen aller erdenklichen Größen und Formen an den Autofenstern vorbei, und unwillkürlich drängt sich Randy Newmans ikonisches Zitat „Look at those trees!“ („Schaut euch diese Bäume an!“) aus seinem Hit „I Love L.A.“ auf.
Los Angeles ist nicht nur die Stadt des Films (Warner Bros., Paramount, Universal und zahlreiche andere Filmstudios sind hier zu Hause). Es ist auch die Stadt der Zukunft, in der selbst Bäume aussehen wie futuristische Designobjekte, in der Baristas längst nicht mehr nur nach Hafer- oder Sojamilch, sondern nach Kreatin-, Collagen- oder MCT-Öl-Zusatz im Kaffee fragen und in der kastenförmige Roboter die kalorien- und proteinabgezählte Essensbestellung nach Hause liefern. Außerdem ist es die Stadt der Museen (von klassischen wie dem „Getty Center“ über filmbezogene wie dem „Academy Museum“ bis hin zu ausgefallenen wie dem „Museum of Failure“).
Futuristisches Design
All das verbindet der „Star Wars“-Erfinder George Lucas nun in einem riesigen Raumschiff, das von außen so aussieht, als wäre es aus der Zukunft für einen kurzen Zwischenstopp gelandet und würde gleich wieder abfliegen. Von innen sieht es so aus, als hätte sich ein 82-jähriger Kunst-Fan Gedanken gemacht, was er auf einer rund 28.000 Quadratmeter großen, fünf Stockwerke umfassenden Fläche an Werken von Banksy und Frida Kahlo über Norman Rockwell und Jessie Willcox Smith bis hin zu Artemisia Gentileschi und Vincent van Gogh zusammenstellen könnte, um Außerirdischen klarzumachen, was ein Mensch ist.
Die im Namen „Museum of Narrative Art“ angelegte Ausgangsthese lautet nämlich: Der Mensch, das ist das erzählende Tier. Und wie erzählt der Mensch? Durch Gemälde, Comics, Fotografie, Wandmalerei, Graffiti, Filme.
Auffällig ist, dass die Ausstellung gänzlich auf Erklärtexte verzichtet. „Habt Spaß und erkundet!“, rufen einem die Museumsmitarbeiter an den Aufzügen entgegen. „Fangt an, wo ihr wollt, links oder rechts, lasst euch einfach treiben!“ Das Museum sieht von kunsthistorischer Anleitung ab und vertraut ganz auf die unmittelbare Begegnung mit den Werken. Das Fehlen des akademischen Überbaus dürfte von einigen mit skeptischem Naserümpfen aufgenommen, von anderen jedoch als die lang ersehnte Befreiung vom intellektuellen Ballast gefeiert werden.
Angeordnet sind die Exponate bis auf wenige Ausnahmen nicht nach Künstlern oder Epochen, sondern nach Themen. Viele davon widmen sich Lebensbereichen wie „Kindheit“, „Abenteuer“, „Geschichte“, „Mutterschaft“, „Spiel“, „Schule“, „Liebe“ und „Sport“, andere wiederum Genres wie „Western“ und „Science Fiction“ und wieder andere Kunstformen wie „Comic“, „Fotografie“, „Film“ und „Architektur“. Die Werke überspannen Zeiten, Kontinente und Kunstformen.
Das Museum der erzählenden Künste ist vieles – wundersam, außergewöhnlich, atemberaubend –, aber das letzte Adjektiv, das einem zu seiner Beschreibung einfallen würde, wäre „prätentiös“. Berührungsängste hat Lucas weder in Richtung Hoch- noch in Richtung Populärkultur. Den Anfängen der Narration trägt er mit Reproduktionen von Michelangelos David, Höhlenmalereien von ca. 35.000 vor Christus, Steinskulpturen der Azteken und Fresken aus der Sixtinischen Kapelle Rechnung. Und dann lachen einem immer wieder Pikachu, Pinocchio, Snoopy, und natürlich Requisiten aus „Star Wars“ zwischen ernsten Selbstporträts und Alltagsdarstellungen entgegen.
Obwohl sich das Museum „Erleben statt Verstehen“ auf die Fahnen geschrieben hat, nimmt es angenehm Abstand von dem sonst in L.‑A.‑Museen derzeit bis zur Erschöpfung praktizierten Trend der Instagram-tauglichen Immersion. Erleichtert stellt man irgendwann fest, dass man nun schon ein Dutzend Räume durchschritten hat, ohne auch nur einmal dazu aufgefordert worden zu sein, sich für ein Foto an den Tisch des „Paten“ oder auf den Besen aus „Harry Potter“ zu setzen. In diesem Sinne bleibt „Star Wars“-Regisseur Lucas der klassischen Tradition des kontemplativen Betrachtens dann zum Glück doch treu.
Entworfen hat das Ufo im Herzen von Los Angeles der berühmte chinesische Architekt Ma Yansong und sein Büro MAD. George Lucas und seine Frau, die Unternehmerin Mellody Hobson, haben für die Verwirklichung dieses Traums etwa eine Milliarde Dollar ausgegeben. Der Bau der Kathedrale für Geschichtenliebhaber wurde vollständig privat finanziert. Zunächst wollte Lucas sein Projekt in San Francisco beheimaten. Als das Vorhaben scheiterte, versuchte er es in Chicago.
Beide architektonischen Entwürfe sind im Lucas Museum in Los Angeles ausgestellt (das Chicago-Design sieht aus wie ein auf einer Wiese ausgeschütteter Wackelpudding), wo das Projekt schließlich zu seiner Verwirklichung fand – direkt gegenüber vom Campus der University of Southern California, wo Lucas Film studiert hat. Schon als College-Student begann Lucas, Kunstwerke zu erwerben. Über die Jahrzehnte hinweg sammelte er 40.000 Werke, ohne auch nur ein einziges davon zu verkaufen.
Zum Museum gehören neben der umfangreichen Galerie auch zwei Kinosäle, in denen ununterbrochen Filme laufen, in dem einen Experimentalfilme, in dem anderen Dokumentationen. Gerade läuft „Who Are You Charlie Brown?“, eine Doku über den „Peanuts“-Erfinder Charles M. Schulz. Außerdem gehört zum Gebäude eine frei zugängliche Bibliothek.
Das beste Museum der Welt?
Eine Bekannte, die wie ich seit einigen Wochen in Los Angeles lebt, berichtete nach ihrem Besuch begeistert, dass das Lucas Museum das „beste Museum“ sei. „Wow, das beste Museum, das du bisher in L.A. besucht hast?“, fragte ich zurück. „Nein, das beste Museum überhaupt“, entgegnete sie. Es überrascht nicht, dass der Bau zu derartigen Superlativen inspiriert.
Ebenso wenig wie es kaum überrascht, dass die eindrücklichsten Bilder der Ausstellung Kinder zeigen (Jessie Willcox Smiths Schneeballschlachten, Vorleseabende und Gutenachtgeschichtenszenen ebenso wie Mary Cassatts mit Katze spielende Kinder oder Florence Krogers mit Teddy schlummerndes Kleinkind, George Hughes’ heimkehrende Familie oder Norman Rockwells Mädchen unter vier Bundesmarshal-Stellvertretern). Denn es ist die Kindheit, das kindliche Staunen, die kindliche Neugier und Begeisterung, denen Lucas Tribut zollt, immer schon Tribut gezollt hat. Den Menschen charakterisiert Lucas in seinem Wunderkammer-ähnlichen Sammelsurium nicht nur als erzählend, sondern auch als spielend, lernend, ausprobierend.
Im Vorwort des Programmhefts entwirft der Gründer ein Plädoyer für Mythen. Mythen würden uns helfen, Dinge zu verstehen, die unverständlich sind. Mythen seien Geschichten, die emotional Sinn ergeben, auch wenn sie nicht wahr sind. Im zweiten Vorwort, verfasst von Guillermo del Toro, schreibt der Filmemacher, dass Lucas’ Museum ohne Zweifel einen genauso großen Eindruck hinterlassen werde wie Lucas’ Filme. Beide beschreiben das Betreten des Museums fast wie ein religiöses Erweckungserlebnis. Und vielleicht ist es genau das. Vielleicht wird man in wenigen Jahren sagen: „‚Star Wars‘? Das ist doch der Film von dem Gründer des Lucas-Museums!“