Rostock (Mecklenburg-Vorpommern) – Sie habe den achtjährigen Fabian geliebt, „als wäre es ihr eigenes Kind“. Mit diesem Satz ließ der langjährige Psychotherapeut der Angeklagten Gina H. im Mordprozess um den getöteten Jungen aufhorchen. Der Arzt schilderte vor dem Landgericht Rostock das Verhältnis seiner Patientin zu Fabian und sprach auch über ihre psychische Erkrankung.
Der Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie behandelte die heute 30-Jährige von 2017 bis 2025. Vor Gericht erklärte er, bei Gina H. liege eine Persönlichkeitsstörung mit Borderline-Symptomatik vor. Die Erkrankung sei jedoch vergleichsweise leicht ausgeprägt gewesen. Während der gesamten Behandlung habe er keinen Anlass für eine stationäre Einweisung gesehen.
Therapeut schildert Borderline-Erkrankung
Die Angeklagte habe ihm während der Therapie von einer „inneren Leere“ und einer ausgeprägten Angst vor Menschenmengen berichtet. Nach Angaben des Therapeuten sei ihre Sozialphobie auch ein Grund gewesen, weshalb sie nicht gearbeitet habe. Borderline-Störungen gelten als Persönlichkeitsstörungen, die unter anderem mit starken Gefühlsschwankungen und instabilen zwischenmenschlichen Beziehungen einhergehen. Im Laufe der Jahre habe sich ihr Zustand jedoch verbessert.
Richter zweifelt an Sozialphobie
Vor Gericht wurde dieser Punkt kritisch hinterfragt. Obwohl Gina H. wegen ihrer psychischen Erkrankung eine Erwerbsunfähigkeitsrente bezog, versorgte sie nach Angaben des Vorsitzenden Richters täglich ihre fünf Pferde und besuchte regelmäßig Reitturniere mit vielen Menschen. Auch der Zeuge erklärte: „Ich sehe da schon einen Widerspruch.“
Immer wieder sei in den Therapiesitzungen auch Fabian Thema gewesen. Gina H. habe sehr viel für den Jungen empfunden, berichtete der Therapeut. Nach seinem Eindruck sei das Verhältnis der beiden liebevoll und fürsorglich gewesen. Sie habe Fabian geliebt, „als wäre es ihr eigenes Kind“, sagte der Arzt vor Gericht.
Nach Einschätzung des Therapeuten konnte sich Gina H. auch in schwierigen Situationen gut abgrenzen. Als Beispiel nannte er den Umgang mit dem leiblichen Vater ihres eigenen Sohnes. Dort habe sie einen guten und souveränen Weg gefunden, sich zu distanzieren.
Angeklagte schweigt weiter
Die Staatsanwaltschaft wirft der 30-Jährigen vor, den Achtjährigen am 10. Oktober 2025 an einem Teich bei Klein Upahl mit sechs Messerstichen getötet und den Leichnam anschließend angezündet zu haben. Bis August 2025 war Gina H. vier Jahre mit Fabians Vater liiert. In dieser Zeit hielt sich der Junge regelmäßig bei ihr auf. Zu den Vorwürfen schweigt die Angeklagte bislang.