Kultur

Die Agenten, die Ratten und der dement werdende Vater

Die Agenten, die Ratten und der dement werdende Vater

Es fängt ganz harmlos an. Eine mit nachgemachtem Teakholz getäfelte Wand im Guggenheim Museum in Manhattan; darauf ein paar Schwarz-Weiß-Fotografien, wie man sie in einem privaten Album finden könnte. Eine Moschee, eine orthodoxe Kirche, eine exotische Modeschönheit. Die Fotos stammen vom Vater der Künstlerin: Wie die Bildlegende erklärt, hat er in einer nicht näher definierten Funktion für das amerikanische Außenministerium gearbeitet. War er vielleicht ein Spion? Sehen wir Schnappschüsse, die er gemacht hat, wenn er im geheimen Regierungsauftrag unterwegs war?

Keine Antwort, aber kaum sind wir um die Ecke gebogen, wartet ein schockierend-schönes Riesenfoto auf uns: die Vulva einer Frau während der Geburt. Die offenen Schamlippen der Frau schließen sich kreisrund um das haarige Köpfchen des Babys. Eine Hand mit orange lackierten Nägeln hält oberhalb des dunklen Haargekräusels ein Ultraschallgerät auf den Bauch der Gebärenden. Es erinnert an Gustave Courbets Gemälde „L’origine du monde“ – nur eben in echt.

Und nun beginnt ein Fotoroman: Wir verfolgen den Lebensweg eines anonymen FBI-Agenten, der, wie sich herausstellen wird, an der Untersuchung vieler Entsetzlichkeiten der jüngeren amerikanischen Geschichte beteiligt war. Da war der Absturz einer Boeing kurz nach dem Start vom John-F.-Kennedy-Flughafen in New York (1996); der Bombenanschlag von Al-Qaida auf die amerikanische Botschaft in Kenia (1996). Der Terrorangriff auf das Pentagon (2001). Die Jagd nach dem mörderischen Vater-Sohn-Duo, das in Washington willkürlich Menschen erschoss (2002). Manche der Fotos, die wir zu sehen bekommen, sind verstörend, andere rätselhaft, wieder andere komisch.

Die Künstlerin, Taryn Simon, wurde 1975 in New York geboren und treibt sich schon lange im Grenzgebiet von Journalismus und künstlerischer Fotografie herum. Ihre Karriere begann mit einem Auftrag des Wochenendmagazins der „New York Times“ – Taryn Simon sollte Menschen ablichten, die unschuldig im Gefängnis gesessen hatten. Sie reiste kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten und ließ die Leute an den Tatorten der Verbrechen posieren, die sie nicht begangen hatten. Daraus wurde eine Ausstellung, „The Innocents“ (Die Unschuldigen), die 2002 gezeigt wurde. Fünf Jahre später folgte „An American Index of the Hidden and Unfamiliar“ (Ein amerikanischer Index des Verborgenen und Ungewohnten). Dieses Fotobuch zeigte lauter Dinge, die vor dem Blick der amerikanischen Öffentlichkeit verborgen werden sollten: abgebrannte nukleare Brennstäbe in einem Endlager für Atommüll, einen Schwarzbären beim Winterschlaf.

Die Ausstellung von Taryn Simon, die jetzt – unter dem Titel „Father Country I Do Love You“ – im Guggenheim-Museum gezeigt wird, ist die größte, die dort je der Fotografie als Kunstform gewidmet wurde. Auch hat im Guggenheim noch nie ein Künstler oder eine Künstlerin Gebrauch vom gesamten Rundbau des Museums gemacht: vom Erdgeschoss bis buchstäblich unter das Dach. Jahre hat es gedauert, dieses Projekt zu vollenden. Das Ergebnis ist sehr merkwürdig und monumental.

Von außen erinnert das Guggenheim bekanntlich an ein Schneckenhaus; im Inneren zwingt der Bau den Besucher, auf einer leicht ansteigenden Rampe immerzu um einen runden Innenhof herumzugehen. Bei anderen Ausstellungen kann das nerven, weil es diktatorisch ist. Man kann nicht, wie in anderen Museen, hier ein bisschen verweilen, dort zurückgehen und ein Kunstwerk noch einmal betrachten. Es gibt immer nur eine Richtung: vorwärts und hinauf.

Bei Taryn Simons Ausstellung ist die Architektur des Guggenheim-Museums aber die einzig angemessene. Denn was diese Fotos erzählen, hat eine narrative Struktur – auf Deutsch: Es handelt sich um eine Geschichte, eins geschieht nach dem anderen. Dass diese Geschichte mit Fotos von einer Geburt beginnt, ist völlig angemessen: Es geht hier um ein Leben. Genauer gesagt: Es geht um das Leben eines Menschen, der Zeuge von Katastrophen wurde.

Eine gar nicht subtile Nebenbedeutung dabei ist, dass Katastrophen immer auch etwas mit Sehen und Gesehenwerden zu tun haben. In jenem Abschnitt, der vom Terroranschlag von Kenia handelt, sehen wir Porträts von 36 Kenianern, die, als die Bombe hochging, ihr Augenlicht verloren haben. Unter jedem Bild steht ein kurzer Satz, der beschreibt, was das Letzte war, was jedes der Opfer vor der Explosion erblickt hat. Vier Abschnitte handeln von Verrätern, die der anonyme FBI-Agent als Ratten bezeichnet; folgerichtig werden hier Fotos von toten Ratten in verschiedenen Stadien der Verwesung gezeigt.

Ein Abschnitt handelt von einem Mann, der einem Unfall zum Opfer fiel, aber als potenzielles Mordopfer behandelt wurde. Die FBI-Agenten erhielten den sinnlosen Befehl, den Unfallort umzugraben und alles Verdächtige zutage zu fördern; sie fanden lediglich Überbleibsel aus dem amerikanischen Bürgerkrieg. Taryn Simons Fotos zeigen jedes einzelne verrostete Relikt, als sei es von ausgesuchter Wichtigkeit – was auf groteske Weise lustig ist.

Zu ihrem Thema kam Taryn Simon durch Zufall. Anno 2017 sah sie Akten eines Kriminalfalles aus den 1990er-Jahren durch, von dem sie damals dachte, dass sich aus ihm ein Kunstprojekt entwickeln würde. Auf der Quittung für ein Beweisstück stieß sie auf den Namen eines FBI‑Mannes. Eine Mitarbeiterin von Taryn Simon rief ihn an, dann schickten der pensionierte FBI-Agent und die Künstlerin einander SMS-Nachrichten. Schließlich trafen sie sich – in Restaurants neben Highways, auf Parkplätzen vor Kirchen.

Taryn Simon mochte den Mann: Er war uneitel, geradeheraus, patriotisch. Unter anderem erzählte er ihr, dass er nach Saudi-Arabien geflogen sei, um den Mord an einem Amerikaner aufzuklären, dem Terroristen den Kopf abgetrennt hatten. Endlich (es waren Jahre vergangen) erlaubte er ihr, einen Blick in seine Akten zu werfen. So wurde diese Ausstellung geboren.

Irgendwann wurde bei der Planung der Ausstellung die Frage akut, die sich auch jedem Romancier stellt: Wie aufhören? Auf welches Ende läuft die Geschichte zu? Wiederum kam der Künstlerin der Zufall zu Hilfe: Am 5. November 2024 schickte ihr ehemaliger FBI-Agent ihr ein Bild mit einem Aufkleber, der zeigte, dass er soeben seine Stimme in den Präsidentschaftswahlen abgegeben hatte. Dann kam mehrere Tage lang nichts mehr. Die Fotografin begann, sich Sorgen zu machen. Es stellte sich dann heraus, dass der FBI-Mann, nachdem er gewählt hatte, ganz plötzlich vergessen hatte, wo er war. Er wusste nicht einmal mehr seinen Namen – ein Fall von vorübergehender Amnesie. Der Mann landete im Krankenhaus.

Zur gleichen Zeit versank Taryn Simons geliebter Vater (der vielleicht ein amerikanischer Spion gewesen war) immer mehr in Demenz. Beides liefert der Ausstellung die Pointe: Die zwei Leben überschneiden sich. Am Ende sehen wir eine Serie von Fotos von Leuten, die, wie Taryn Simons Held, vorübergehende Amnesieanfälle erlitten haben: Sie vollführen in ihren Wohnzimmern rätselhafte Bewegungen, die an Tänze erinnern. Ganz am Schluss ein Video mit den riesigen Fingern von Simons Vater, die Dias von Gebäuden und Skulpturen und Menschen hochhalten, während er verzweifelt vor sich hinbrabbelt. Was bleibt eigentlich übrig von so einem kleinen Menschenleben, was wird aus den Erinnerungen? Und was bleibt von der Vaterlandsliebe? Zerfällt die Welt in Scherben und Fragmente?

„Vater Land ich liebe dich so“ ist der Titel von Taryn Simons Ausstellung. Wir sehen diesen Titel an der Wand des Guggenheim-Museums in der beinahe kindlichen Krakelschrift ihres dementen Vaters.

„Taryn Simon. Father Country I Do Love You“, bis 14. März 2027, Guggenheim Museum, New York

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