Berlin – Kaputte Weichen, marode Strecken, Dauer-Frust für Millionen Fahrgäste: Fast jeder zweite Fernzug der Deutschen Bahn kommt inzwischen zu spät. Aber: Weniger Züge könnten zukünftig dafür sorgen, dass die verbliebenen wenigstens pünktlich ans Ziel kommen. Dafür hat die Bahn jetzt eine unabhängige Expertenkommission eingesetzt. Sie soll untersuchen, wie viel Zugverkehr das überlastete Schienennetz noch verkraftet.
Wie ernst die Lage ist, macht Enak Ferlemann (63), Ex-Bahnbeauftragter der Bundesregierung und „DB InfraGO“-Aufsichtsratsmitglied, gegenüber dem „Tagesspiegel“ klar: „Angesichts des Zustands fahren auf unseren Gleisen viel zu viele Züge.“
Wie sich das ändern könnte, zeigt Ferlemann am Beispiel Berlin–Hamburg: Hier könne „nur noch einmal pro Stunde“ ein Fernzug fahren, „statt alle 30 Minuten“. Die Hoffnung dahinter: Weniger Züge auf den überfüllten Gleisen könnten weniger Staus und damit weniger Verspätungen bedeuten. Ferlemann ist überzeugt, Reisende hätten lieber ein kleineres Angebot, wenn sie sich dafür wieder auf den Fahrplan verlassen könnten.
ICE 1541 mit durchschnittlich 90 Minuten Verspätung
Die Zahlen zeigen: Die Bahn ist am Limit. Mehr als zehn Prozent der Züge waren 2025 auf Strecken unterwegs, die zu über 115 Prozent ausgelastet waren. Innerhalb von zehn Jahren stiegen die durch Staus verursachten Verspätungen um 150 Prozent. Besonders bitter für Fahrgäste: Im September kam nur noch jeder zweite ICE pünktlich ans Ziel. Vor allem der Fernverkehr weist eine horrende Verspätungs-Bilanz auf: Der ICE 1541 zwischen Köln und Berlin kommt laut einer aktuellen „Railwise“-Auswertung durchschnittlich 90 Minuten zu spät.
Jetzt soll das Schweizer Fahrplan-Unternehmen „SMA und Partner AG“ ausrechnen, wie viel Verkehr das angeschlagene Netz noch verträgt. Zuletzt hatte auch Verkehrsminister Steffen Bilger (47, CDU) einen Masterplan vorgelegt, wie die Bahn verlässlicher werden könnte: Der sogenannte „Infraplan“ soll erstmals detailliert festlegen, welche Strecken und Bahnhöfe in den kommenden fünf Jahren saniert, ausgebaut oder modernisiert werden.