Berlin – Nach der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus kursiert bei den Grünen ein internes Papier, in dem Mitglieder der Umweltpartei knallhart mit ihrer Führungsspitze abrechnen. Hintergrund: Die Grünen kamen unter Spitzenkandidat Werner Graf (46) auf 14,3 Prozent – das schlechteste Ergebnis seit 20 Jahren. Zum Vergleich: 2006 holten die Grünen 13,1 Prozent, 2021 waren es 18,9 Prozent.
„Totkuscheln der Linken“ gescheitert
Die elfseitige Analyse (liegt BILD vor) datiert auf den Montag nach der Wahl und listet sämtliche Misserfolge auf. „Wir sind 2026 die einzige Partei außer der SPD, die verglichen mit 2021 und 2023 doppelt verloren hat“, heißt es. Und: „Wir haben die Wahlziele des Landesverbands (u. a. in Berlin stärkste Kraft werden, im linken Lager vorn liegen) erneut verfehlt.“ Außerdem hätten sich die Grünen vorgenommen, durch ein Bekenntnis zu Rot-Rot-Grün und durch „Totkuscheln der Linken“ ins Rennen gegen die CDU einzusteigen – doch auch dieser Plan sei krachend gescheitert.
Grüne: „in Berlin weit unter unserem Potenzial“
Weiter hält das Papier fest: „In Berlin profitieren wir kaum vom zwanzigjährigen Schrumpfen der SPD oder vom Bundestrend.“ Der Berliner Landesverband erziele „schlechtere Wahlergebnisse in Berlin als der Bundesverband“, zeigt ein Vergleich mit dem Ergebnis der Bundestagswahl 2025. Da waren die Grünen noch auf 16,8 Prozent gekommen – inzwischen ging es um 2,5 Prozentpunkte runter. Besonders bitter: „Auch im Vergleich mit anderen Städten und Ländern bleiben wir in Berlin weit unter unserem Potenzial.“
Harte Kritik an Spitzenkandidat Graf
Berlin sei „insgesamt unzufrieden mit dem Spitzenpersonal“, halten die Grünen, die das Papier verfasst haben, fest – „aber mit unserem seit 2021 am meisten“. Parteiintern gilt der Berliner Landesverband der Grünen, der nach offen ausgetragenem Zoff zwischen Linken und Realos zerrüttet ist, als umstritten. Entsprechend laut war die Kritik am Wahlkampf, den Graf zu verantworten hat. Seine „verstolperte“, „unpräzise“ Strategie habe Wähler abgeschreckt, heißt es. Ein klares Profil? Fehlanzeige. Und: Weil Graf und Ex-Bürgermeisterin Bettina Jarasch (57) als „Spitzenduo“ angetreten waren, sei nicht mal klar gewesen, dass ER Regierender Bürgermeister werden wolle.
Entsprechend bitter fällt das Fazit in dem Papier aus: „Ein glaubwürdiger politischer Neustart in der Stadt gelingt nur mit personeller Erneuerung an der Spitze“, heißt es auf der letzten Seite. Die Führungsspitze im Senat müsse „Verantwortung für die Aufstellung und das Wahlergebnis übernehmen, und zurücktreten“. Stattdessen sollte der Senat aus „neuem Personal, bspw. mit Exekutivkompetenz aus den Bezirken“ bestehen.