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Andrea Orcel: Der „Hai“ will Deutschlands Commerzbank übernehmen

Andrea Orcel: Der „Hai“ will Deutschlands Commerzbank übernehmen
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Berlin/Rom – „Ronaldo des Investmentbankings“, „Aggro-Banker“, der „Hai“ – UniCredit-Chef Andrea Orcel (63) hat in der Finanzwelt viele Spitznamen. Der Knallhart-Manager gilt in Verhandlungen als kompromisslos, holt sich, was er haben will. Jetzt schnappt der Finanzhai nach einem besonders fetten Brocken – der Commerzbank.

Orcel steht kurz davor, Deutschlands zweitgrößte Privatbank zu kontrollieren. Die italienische Großbank und Holding UniCredit hat Zugriff auf 46,7 Prozent der Commerzbank-Aktien. Der Bund hält noch gut zwölf Prozent – ein Paket im Wert von rund fünf Milliarden Euro. Bundeskanzler Friedrich Merz (70, CDU) gab Mitte Juli seinen Widerstand gegen den Deal weitgehend auf: „Wir verhindern nicht diese Fusion“, sagte er.

Auch die Bankenaufseher stellen sich Orcels Plänen offenbar nicht in den Weg: Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Kontrollübernahme zwar noch nicht endgültig genehmigt, sieht laut Reuters aber bislang keinen triftigen Grund, sie abzulehnen.

Es geht um eine Bank mit Wucht

Die Commerzbank hat in Deutschland mehr als zehn Millionen Privat- und Unternehmerkunden. Sie ist eine der wichtigsten Banken für den Mittelstand. Inzwischen reden die Gegner miteinander. Nach Informationen des „manager magazins“ trafen sich Orcel und Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp (56) Ende Juli beim Google-Camp auf Sizilien. Bei ihrem rund einstündigen Gespräch vereinbarten beide angeblich einen gemeinsamen Kurs.

Was bedeutet Orcels Griff nach der Commerzbank für Kunden und Mitarbeiter? Konten, Karten und Kredite laufen vorerst weiter. Auch die Einlagen bleiben geschützt: Gesetzlich sind bis zu 100.000 Euro pro Kunde und Bank abgesichert – für höhere Beträge greift bei der Commerzbank unter bestimmten Voraussetzungen zusätzlich die freiwillige Einlagensicherung.

Bei den Jobs könnte die Übernahme allerdings Folgen haben. Die Commerzbank baut ohnehin schon Stellen ab: Rund 3900 Vollzeitstellen sollen bis Ende 2027 wegfallen, weitere 3000 Stellenstreichungen hat die Bank für ihre eigene Strategie angekündigt. UniCredit will zusätzlich massiv Kosten senken.

Rucksackreise durch Südamerika

Andrea Orcel gilt als überehrgeizig, analytisch, detailverliebt – und kompromisslos. In Meetings soll er alle wichtigen Zahlen auswendig können. Für 2025 kassierte Orcel rund 16,6 Millionen Euro – mehr als doppelt so viel wie im Vorjahr. Seit Orcel 2021 UniCredit-Chef wurde, jagt ein Rekord den nächsten. 2025 machte die Bank 10,6 Milliarden Euro Nettogewinn – so viel wie nie zuvor. Und die Aktionäre jubeln: Ihre Gesamtrendite ist seit Orcels Amtsantritt um rund 750 Prozent gestiegen.

Berufsziel: Banker. Diesen Plan soll Orcel während einer Rucksackreise durch Südamerika mit nur 18 Jahren gefasst haben. Geboren in Rom. Sein Vater führte ein kleines Leasingunternehmen, seine Mutter arbeitete für die Vereinten Nationen. Er besuchte das französische Elite-Gymnasium Lycée Chateaubriand, studierte Wirtschaft in Rom und Frankreich mit Auszeichnung, wurde Investmentbanker bei Merrill Lynch und Goldman Sachs. Über sich selbst sagt der Italiener: „Ich bin niemand, der die Dinge auf sich beruhen lässt.“

Zug um Zug ans Ziel

Das hat auch Deutschland zu spüren bekommen. Seit September 2024 arbeitet Andrea Orcel beharrlich an der Übernahme der Commerzbank. Er kaufte immer mehr Commerzbank-Aktien und sicherte sich über Finanzgeschäfte Zugriff auf weitere Anteile. Und das trotz des Widerstands von Bundesregierung, Commerzbank-Vorstand und Arbeitnehmervertretern. Lange versuchte Orcel laut „manager magazin“, an das gesamte Aktienpaket des Bundes zu kommen. Als das nicht gelang, baute er seine Machtposition über den Kapitalmarkt aus. Zug um Zug schuf er Fakten.

Orcels Lieblingsbuch: „Grit: The Power of Passion and Perseverance“ von Angela Duckworth. Im Buch geht es darum, dass Beharrlichkeit und Leidenschaft wichtiger sind als Talent – ein Gedanke, den Orcel in Vorträgen immer wieder aufgreift. Privat hält Orcel sich im Hintergrund, man weiß wenig über ihn: Er ist verheiratet mit Clara Batalim-Orcel, einer portugiesischen Innenarchitektin, hat Tochter Allegra (15), einen Husky namens Flash, eine Vorliebe für rote Seidenkrawatten von Ferragamo. Er joggt angeblich gerne vor der Arbeit um 5 Uhr morgens.

Einen Bruch gibt es in seinem zielgeraden Lebenslauf. 2018 wollte die spanische Großbank Santander Andrea Orcel als neuen Vorstandschef holen – kurz vor seinem Amtsantritt platzte der Deal im Streit um seine Millionen-Vergütung. Doch auch hier gab Orcel nicht auf – hatte er für Santander doch seinen hoch bezahlten Job bei UBS aufgegeben und bereits eine Schule in Madrid für seine Tochter gesucht. Er zog vor Gericht – ihm wurden 43,5 Millionen Euro Entschädigung zugesprochen. „Andrea ist nicht naiv. Er ist ein Taktiker (…) Er weiß ganz genau, wie er sein Ziel erreichen will“, sagte Alessandro Profumo (69), der ehemalige Vorstandsvorsitzende der UniCredit, 2024 der „Financial Times“.

Thema von Andrea Orcels Diplomarbeit in den 1980er-Jahren an der Uni in Rom war übrigens „Feindliche Übernahmen“ – genau jenes Geschäft, das ihn später zu einem der bekanntesten Dealmaker Europas machen sollte. Jetzt steht der „Hai“ kurz davor, sich den größten Happen einzuverleiben: die Commerzbank.

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