Wieder eine schauerliche Episode der bekannten Reihe „Weil
es geht“: Auf der Plattform X generiert und verbreitet der Chatbot Grok pornografische Bilder
echter Menschen, sogar von Kindern, und verletzt damit massenhaft Urheber- und Persönlichkeitsrechte.
Elon Musks Freunde finden das so geil, dass sie gleich mal 20 Milliarden
US-Dollar mehr in die Grok-KI investieren. Datenschutzbeauftragte
aller Länder sind alarmiert, strengen Untersuchungen an und drohen damit, X
komplett zu sperren. In Deutschland hat sich das Bundesjustizministerium
eingeschaltet und ein „Digitales Gewaltschutzgesetz“ angekündigt, das schon
2024 geplant war, aber dann mit der zerrütteten Ampelregierung unterging. Herrje,
jetzt muss man wohl mal reagieren.
Reaktion ist das Stichwort. Die technologische Entwicklung
im Bereich KI galoppiert davon, und der rechtschaffene Teil der Menschheit hat
es nicht einmal geschafft, ihr ein Halfter anzulegen. Sie ist ja eh zu schnell.
Und wenn sie irgendwo ein Gatter durchbricht, wird es eben in Ruhe repariert.
Solange stürmt sie voran, weil sie es kann. Muss es denn so sein? Wäre nicht Aktion besser als Reaktion?
Und ist es nicht albern, einzelne Rechtsbrüche durch die Plattformen abzuwarten,
anstatt zu antizipieren, wie dieser Technologiewandel in wenigen Jahren die
gesamte Welt und das menschliche Zusammenleben strukturell verändern wird?
Die USA sind Europa meist fünf Jahre voraus. Popkultur,
Wirtschaft, Gesellschaftsdebatten, politische Strömungen: Was die Supermacht
beschäftigt und erfindet, beeinflusst mit etwas Verzögerung auch das alte Europa.
In Bezug auf die aktuelle Tech-Revolution dürfte das so aber eigentlich nicht
gelten. Zwar sind die Vereinigten Staaten die Heimat der führenden Techkonzerne, aber die
US-Bevölkerung hatte keinen wesentlichen Vorsprung in der Auseinandersetzung
mit Large Language Models. Zivil nutzbare Chatbots und Bildgeneratoren kamen für
alle gleichzeitig auf die Welt. Seit 2023 ist KI unter uns, wir haben sie
inzwischen in unseren Browsern und Handys, sie beschleunigt Arbeitsprozesse und
erledigt diffizile Spezialjobs. Politisch könnte der Umgang mit ihr jedoch nicht
unterschiedlicher sein, besonders, wenn man Deutschland mit den USA vergleicht.
Da steht Reaktion gegen Aktion.
Während sich hierzulande alle ganz gemütlich dem
herrschenden Betriebssystem unterordnen, haben die US-Demokraten in der
KI-Ablehnung ein großes Wahlkampfthema entdeckt. „Das Argument stammt aus dem
progressiven Flügel, findet aber inzwischen in breiten Teilen der Partei
Anklang: Seid offen, lautstark und ohne Vorbehalte Anti-KI“, schreibt das
US-Medium in einem ausführlichen Beitrag über das sozialpolitische
Potenzial der aktuellen Technikkritik.
Maschinen werden buchstäblich bekämpft
Nur 17 Prozent der US-Bevölkerung sind nämlich der Ansicht,
dass sich KI in den kommenden 20 Jahren positiv auf die Gesellschaft auswirken
kann.
80 Prozent sind für eine staatliche Regulierung von KI, selbst
wenn darunter das Wirtschaftswachstum leiden sollte. So technikpessimistisch
wie die Amerikanerinnen und Amerikaner ist kein anderes Volk, sagt eine Studie
des Pew-Instituts.
Die USA, Italien und Australien führen die internationale Liste der KI-Zweifler
an, Deutschland rangiert auf Platz 19. Und dabei galten Medienkonservativismus,
Zukunftsangst und Maschinenskepsis doch immer als typisch deutsche Eigenschaften.
Den neuen Tech-Oligarchen und ihren Plattformen geht es um
Profit, nicht um Moral. In den USA provozieren sie damit einen Widerstand, der
den Kern aller Mitte-Links-Parteien trifft: die Angst vor Arbeitslosigkeit, vor
erhöhten Strompreisen und Lebenshaltungskosten, vor Missbrauch von
Persönlichkeitsrechten und Datenschutz, nicht zuletzt vor einer Entmenschlichung des sozialen Miteinanders. Die
Neo-Ludditen an der amerikanischen Ostküste nehmen den Kampf gegen die
Maschinen wörtlich und treffen sich zur gemeinsamen Zerstörung der digitalen
Produktionsmittel.
Das Horrorszenario der sozialpolitischen Aktivisten: Von der Unterschicht bis
zur oberen Mittelschicht werden alle arbeitslos – und die Milliardäre
verstecken sich in ihren Weinkellern.
Zwar gibt es kaum belastbare Prognosen, wie genau KI den US-amerikanischen
Arbeitsmarkt und den Alltag der Menschen verändern wird. Aber dass der CEO des
KI-Unternehmens Anthropic vor einer kommenden Massenarbeitslosigkeit warnt und meint, innerhalb der nächsten fünf Jahre würde die Hälfte aller
Einstiegsjobs in Büros wegfallen, wirkt sicherlich nicht beruhigend. Etwas
handfester erscheint die Analyse der demokratischen Abgeordneten Alexandria
Ocasio-Cortez in einer Kongressanhörung: „Wir sprechen davon, dass rund 40
Prozent des Aktienwachstums in den Vereinigten Staaten allein auf Unternehmen
aus dem KI-Sektor zurückgeführt werden. Und dieser Sektor hat bislang keinen
Gewinn erzielt.“ Im Wettbewerb um die klügsten Rechenmodelle steigen die Unternehmensbewertungen von Microsoft, Google, Amazon und Meta höher und höher. Doch das sind nur
Hypotheken auf eine Zukunftshoffnung: Die Konzerne nutzen fremde Daten und
Inhalte, spielen mit der menschlichen Psyche, und selbst das ist kein
kostendeckendes Geschäftsmodell. Was, wenn die KI-Blase platzt? Kommt es dann schlimmer als 2008?
Die verhängnisvolle Verbindung von oligopolischer Machtkonzentration,
Hypothekenlast auf ein zu findendes Geschäftsmodell, Umwälzung aller
Wertschöpfung und Disruption des Energie- und Arbeitsmarktes sowie des
menschlichen Miteinanders – klingt doch alles so, als könnten das auch deutsche
Sozialdemokraten und Linkenpolitikerinnen sinnvoll thematisieren. Tun sie aber
nicht. In den Wahlprogrammen zur Bundestagswahl 2025 war der wachsame,
verantwortungsvolle Umgang mit KI überhaupt kein Thema. Es ging vorrangig um
den wirtschaftlichen Nutzen digitaler Automatisierung. Das Land müsse innovationsfreudig
und wettbewerbsfähig bleiben, da lagen SPD, FDP und Union nicht weit
auseinander. Die AfD schloss sich dem an und forderte – wie die amerikanischen
Rechtspopulisten – noch weniger Regulierung. Die Linke konzentrierte sich auf
Datenschutz, kein Wort zu KI.