Lieber zu viel als zu wenig

Lieber zu viel als zu wenig: So lautete das Motto seiner Schallplattenfirma
ZickZack, und so hieß auch die Sammlung von  die 1981 auf diesem
Label erschien. Die trugen dann ihrerseits Titel wie , gesungen von der Gruppe Die Zimmermänner, von Andreas Dorau oder – mit etwas diffuserem Bezug auf das
Thema – von den Einstürzenden Neubauten. Ach, denkt
man sich, wenn man diese Kompilation an einem lauen Sommerabend wieder einmal
auf den Schallplattenteller legt – wie schön waren doch die Achtzigerjahre!
Jedenfalls Sommerhits wie diese werden heute nicht mehr komponiert.

Alfred Hilsberg heißt der Mann, dem wir all das verdanken und
noch vieles mehr; vielleicht kann man heute einmal kurz innehalten und sagen:
Ohne Alfred Hilsberg wäre die Geschichte der deutschen Popmusik eine andere
gewesen. Geboren wurde er 1947 in Wolfsburg, er schaffte es als Proletarierkind
auf das Gymnasium, aber vor dem Abitur warf man ihn raus. Also ging er nach
Hamburg, wo er Anfang der Siebzigerjahre damit begann, experimentelle Kurzfilme
auf LSD zu drehen, außerdem wurde er Dozent an der Hochschule für Bildende
Künste und Geschäftsführer der Filmmacher Cooperative. 1977 wandte er sich der
Musik zu, nach einem Konzert der britischen Punkband The Vibrators in Hamburg
entwickelte er eine große Liebe zum gerade erblühenden Punk. Er schrieb im
damals wichtigsten westdeutschen Musikmagazin und versuchte,
dessen eher noch Hippie- und Protestsong-sozialisierte Leserschaft für die rohe
Energie, den Witz und den Nihilismus dieser neuen Musik zu begeistern. hieß ein einschlägiger Text, in dem er 1978 über die entstehende
Punkszene in Westdeutschland berichtete, er begann mit der Beschreibung eines
Konzerts im Gemeindesaal der Martin-Luther-Kirche in Düsseldorf: „Lucy lüpft das Netzhemdchen, um auf
Zehenspitzen und mit spitzem Mund den Welthit zu
intonieren. Lucy singt bei der Punk-Band T.V. Eyes aus Köln.“

Mit der Gesamtsituation unzufrieden

Ja, so sah damals der deutsche Punk-Underground aus, und
Alfred Hilsberg hatte zwar große Zweifel daran, ob sich daraus etwas
Dauerhaftes entwickeln könnte, wie man in seinem -Text
nachlesen kann, aber er mochte das Selbstorganisierte, Nicht-Kommerzielle; er
mochte den sich ausbreitenden Willen, eine eigene musikalische Kultur zu
etablieren, ohne sich den Regeln der Kulturindustrie zu unterwerfen. 1979
gründete er sein eigenes Schallplatten-Label, um all den jungen, neuen,
aufregenden Bands, die um ihn herum aus dem Boden sprossen, die Möglichkeit zu
geben, ihre Musik zu verbreiten. Die ersten Bands, die er veröffentlichte,
hießen Geisterfahrer, Abwärts und Freiwillige Selbstkontrolle; in letzterer
spielte der Journalist Thomas Meinecke, der später auch als Schriftsteller zu
Bekanntheit gelangte. 1981 brachte ZickZack die erste EP ()
und das erste Album der Einstürzenden Neubauten heraus: prägte
mit seinem infernalischen, selbstbewusst amusikalischen Krach und den
romantisch-nihilistischen Texten des Sängers Blixa Bargeld
eine ganze
Generation junger Menschen, die mit der Gesamtsituation unzufrieden waren.

Lieber zu viel als zu wenig: In den ersten Jahren des
ZickZack-Labels produzierte Alfred Hilsberg seine Schallplatten wie im Rausch
in riesigen Mengen – was dadurch erleichtert wurde, dass er die Künstler, die
er veröffentlichte, so gut wie niemals bezahlte.

hieß die Kompilation, mit der Alfred Hilsberg 1980 sein
Label erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt hatte. Damals soll er für die von
ihm favorisierte Musik auch den Begriff Neue Deutsche Welle erfunden haben;
diese Geschichte wird oft erzählt, ist allerdings falsch. Richtig ist hingegen,
dass die von Hilsberg geförderten Bands gemeinsam eine deutschsprachige
Pop-Avantgarde bildeten, in der wirklich etwas Neues passierte. Wenn es eine
Neue Deutsche Welle gab, die diesen Namen verdiente, dann hat Alfred Hilsberg sie
erfunden. Woraufhin die Musikindustrie, wie es so ihre Eigenart ist, den Trend
kommerziell auszubeuten begann mit Marketinggeschöpfen wie Peter Schilling,
Hubert Kah, Extrabreit usw. und binnen Kurzem dann auch ruinierte.

hieß dann die Kompilation, mit der Alfred Hilsberg am Beginn
des nächsten Jahrzehnts einen neuen Anlauf nahm; auf ihr hörte man unter
anderem Kolossale Jugend und Cpt. Kirk &. – zwei Bands aus der ersten
Generation der später sogenannten Hamburger Schule, die ihrerseits für den
deutschsprachigen Pop der Neunzigerjahre prägend sein sollten. Dafür war dann
vor allem ein Album verantwortlich, das Hilsberg im Jahr 1992 herausbrachte: ,
das Debüt der Hamburger Gruppe Blumfeld, das vor allem mit den gleichermaßen
intellektuell überdehnten, kunstvoll verkomplizierten und zugleich total
sensibel und authentisch wirkenden Texten des Sängers Jochen Distelmeyer
wiederum eine ganze Generation junger popmusikbegeisterter Menschen prägte. So
war Hilsberg in den Neunzigerjahren noch einmal zum wichtigsten Impresario der
deutschsprachigen Pop-Avantgarde geworden. Und immer noch zahlte er seinen
Künstlern keine Honorare – gut dokumentiert von der Berliner Band Mutter, die
ebenfalls auf dem What’s-So-Funny-About-Label epochale
Zeitlupen-Schlammrock-mit-Selbstgeißelungs-Texten-Alben wie oder herausbrachte; in , einem Dokumentarfilm über die Band, sieht man ihre Mitglieder
nach einem Konzert in einem erbitterten Streit mit Hilsberg darüber, dass alle
Einnahmen der zurückliegenden Tournee verschwunden scheinen.

hieß die Kompilation, mit der Alfred
Hilsberg, etwas verspätet, im Jahr 2002 die Nullerjahre einläutete, es war seine letzte
Jahrzehntbegrüßungskompilation. Von den Künstlern und Bands, die er darauf
versammelte, ist vor allem Jens Friebe in Erinnerung geblieben; dessen
Langspieldebüt wurde dann 2004 zu einer Art
generationaler Selbstverständigungsplatte, ähnlich intellektualisiert wie
Blumfelds , aber – seiner Zeit angemessen – nicht mehr vom
Aufbruchsgeist der Neunziger geprägt, sondern nun vielmehr von der
desillusionierten Lethargie, die auf dieses Jahrzehnt folgte. 

Musik und Politik und die Blödigkeit der Welt

Bis Anfang der Zehnerjahre brachte Alfred Hilsberg weiter
Musik heraus. Wenn seine Bands in Berlin oder Hamburg in meist kleinen Clubs spielten, saß er selber hinter der Kasse oder hinter dem Merchandising-Tisch.
Wer ihn nicht kannte, konnte ihn von seiner Gesamterscheinung für einen meist
ausgesprochen übellaunigen, menschenfeindlichen Typen halten, dieser Eindruck
ist nicht völlig aus der Luft gegriffen. Aber man konnte auch in späteren
Jahren wunderbare Gespräche mit ihm führen über Musik und Politik und die
Blödigkeit der Welt und freute sich jedes Mal, wenn das Telefon klingelte und
am anderen Ende jemand mit einer sehr tiefen, gleichermaßen zugewandten und
keinen Widerspruch duldenden Stimme sagte: „Hier ist Alfred. Wir müssen über
meine Band XY reden. Die muss jetzt in die Zeitung, wann machst du das. Sonst
komm ich persönlich vorbei.“

Auf dem Debütalbum von Jens Friebe gibt es einen Song mit dem
Titel , darin singt er: „Ich hab heut
nacht geträumt / es wär nicht alles egal / und wir hätten eine Wahl“. Sein
Mentor, unser Freund, der große Ermöglicher Alfred Hilsberg ist nun im Alter
von 77 Jahren in Hamburg gestorben.

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