Wenn Jens Spahn ein lukratives
Maskengeschäft einfädeln oder einen renitenten Fraktionskollegen einnorden
muss, greift er nach eigenen Aussagen gerne „selbst zum Telefonhörer“ oder kürzer „zum Hörer“, dieser alten Kulturtechnik oder bloß der Redewendung ist Spahn über die Jahre und bis zuletzt treu geblieben. Das ist lobenswert, wenngleich etwas aus der Zeit gefallen. Aber
klar, „Jens Spahn greift zum Telefonhörer“ klingt staatsmännischer als: „Jens
Spahn brabbelt in sein Headset“ oder „Jens Spahn installiert seinen
True-Wireless-In-Ear-Kopfhörer“. Andererseits sollte auch der
Unionsfraktionschef zur Kenntnis nehmen, dass die Telekom gerade dabei ist,
das ohnehin zunehmend verpönte Festnetz weiter unattraktiver zu machen und damit womöglich das Todesurteil über das
Festnetztelefon und auch über den guten alten Telefonhörer vollstrecken will.
Betriebswirtschaftlich ist das bestimmt sinnvoll. Über den immobilen Plausch am stationären Apparat ist unsere hochmobile Zeit eh herzlos hinweggegangen. Wer noch ein Festnetztelefon besitzt, gilt als gestrig. Kein Anschluss, ja nicht einmal mehr ein Anschiss unter dieser Nummer.
Wir Kulturmenschen können diesen Frevel auf keinen Fall dulden. Auch wenn zu fürchten ist, dass der Bundesminister für
Digitalisierung und Staatsmodernisierung (er heißt Karsten Wildberger, nur dass
Sie’s mal gehört haben) das Vorhaben super findet, weil er alles zackig
durch- und wegdigitalisieren will, wie das in seiner Zunft halt üblich ist. Telefonhörer
sind Kultur, möchte man ihm zurufen, aber davon verstehen diese Digitalmenschen
natürlich nichts, und Herr Wildberger schon gar nicht. Sonst hätte er nicht zur Totaldigitalisierung der Verwaltung, mithin also zum
Kampf gegen rätselhafte Papierformulare und sinnlose Behördengänge aufgerufen und damit ein ganzes literarisches Sujet (vgl. Kafka) diskriminiert. So einer
wirft den Telefonhörer bestimmt leichten Herzens weg.
Aber was, liebe Digitalisierer, wäre
etwa die Filmgeschichte ohne den Telefonhörer? In Hitchcocks steht Grace Kelly mit dem schweren Hörer in der Hand am Telefon, als sie von
hinten mit einem Schal erwürgt werden soll. Sie löst das Problem dann mit einer
spitzen Schere, aber das nur nebenbei. Oder Jeanne Moreau in : Da schwört sie ihrem Liebhaber die ewige Liebe, aber nicht
persönlich oder bei einem Aperol Spritz mit dem Handy, sondern einsam an einem
schwarzen Telefonhörer.
Leidenschaft, Verzweiflung, emotionale Tiefe – das ist
der Telefonhörer. Und ästhetische Vollendung. Leuchtend orange und grüne
Tastentelefone spiegelten den Zeitgeist der Achtzigerjahre, ganz abgesehen von Omas
prachtvoll mit Stoff ummanteltem Hörer. Der ganze Apparat im Brokatkleid, welch
ein Anblick! Und heute? Die aufklappbare
Boomer-Hülle fürs Smartphone ist kein Ersatz.
Wie immer, wenn das Abendland in
Gefahr ist, suchen wir Hilfe beim Kulturstaatsminister Wolfram Weimer. Der ist
schließlich dafür bekannt, dass er neumodischen Quatsch wie das Gendern einfach
verbietet. Wird Weimer auch die Digitalisierung aufhalten? Kaum. Aber wer
rettet dann den Telefonhörer? Wenn die Politik versagt, ist die Industrie zur
Stelle. Längst gibt es formschöne Retro-Exemplare fürs digitale Telefon,
einfach anzuschließen mit einem USB-C-Adapter. Aber wollen wir das? Jens Spahn
mag sich damit zufriedengeben. Für uns bleibt nur der Schmerz über den
verlorenen Sound des Freizeichens aus dem Telefonhörer.
