„Game of Thrones“ für Sensibelchen

Schon wieder Ritter, Turniere, wilde Gelage – doch wo sind nur die Drachen hin? die neue HBO-Spin-off-Serie aus dem Universum, kommt ganz ohne Feuer speiende Sympathieträger aus. Und auch sonst müssen Fans der vom Erfolgsautor George R. R. Martin geschaffenen Mittelalter-Fantasy-Welt namens Westeros auf einiges verzichten: auf epische Schlachten, auf düstere Schlösser in wildromantischer Kulisse, auf die sonst übliche Vielzahl der Figuren und Handlungsstränge, ja sogar auf die royalen Intrigen und das scheinbar einzig feststehende Gesetz der Serie, dass nämlich alle Helden irgendwann mit Mut zur Publikumsenttäuschung hinterrücks gemeuchelt werden.

Konnte man sich als sadistisch veranlagter Zuschauer bei noch an der zelebrierten Unmoral erfreuen, ist das Westeros aus völlig anders – richtiggehend ritterlich. Das liegt vor allem an der Hauptfigur, an Dunk (Peter Claffey), einem einfältigen Möchtegern-Ritter niederer Abstammung mit reichlich Kraft und Anflügen von Anstand, der sich bei einem Ritterturnier bewähren will.

Man kennt den Typus aus dem höfischen Roman des Mittelalters, aus Wolfram von Eschenbachs etwa. Da heißt der edle Tor Rennewart, er hat ständig Hunger und fällt über seine eigenen Füße. Mit dem Schwert, der Waffe des adligen Recken, kann Rennewart nicht umgehen, doch wo er mit der Stange hinhaut, da wächst kein Gras mehr. Genauso ist Dunk, er weiß, dass er bei einem Ritterturnier eigentlich nichts zu suchen hat, denn so ist die ständische Welt nun mal beschaffen. Doch dann beweist Dunk dieser Welt, dass es auch einen inneren Adel gibt, ohne Titel, ohne Herkunft, aber mit Moral und Minne (im der Serie tritt Dunk einem adligen Schnösel den Kiefer krumm, weil der seinem ein Leid antun will).

Ganz allein schafft Dunk seine Ritterwerdung jedoch nicht, es braucht auch die, die sein wahres Ich frühzeitig erkennen, die Zeugen. In heißt dieser Zeuge Egg (Dexter Sol Ansell), er ist ein glatzköpfiges Bübchen mit geheimnisvoller Herkunft. Sechs Folgen à 30 Minuten lang folgt Egg seinem Dunk wie Sancho Panza dem Don Quijote, wird sein Knappe, sein Freund, sein juveniler Mentor.

Mehr passiert eigentlich nicht. Und das ist gut so, denn was passiert, ist so einfühlsam und mit leiser Ironie erzählt, dass man bis zum Ende mit den Figuren mitfiebert. Es geht um Freundschaft, Bewährung und die Moral der vermeintlich einfachen Leute, kurz: um all das, was sowohl in als auch in der ersten und ziemlich öden -Ableger-Serie, noch herzlich egal war. Zu sehr waren die Macher da noch damit beschäftigt, eine nietzscheanische Welt der Grausamkeit zu entwerfen. In der gab es nur Herren und Sklaven, Moral war nichts weiter als die „Vergutmüthigung des demokratischen Herdenthiers“.

In dieser Welt hätte der tollpatschig-liebenswerte Dunk nur als Drachenfutter getaugt. In jedoch gibt es keine Drachen. Die Handlung spielt 90 Jahre vor und die Drachen sind vermeintlich ausgestorben, was so ziemlich das Beste ist, was dieser Serie passieren kann. Zombie-Armeen sucht man auch vergebens. Alles ist kleiner, überschaubarer, realistischer und näher dran am Mittelalter-Vorbild. Manches allerdings wirkt vertraut: Man sieht Geschlechtsteile in Großaufnahme und gleich in der ersten Folge, wie sich Dunk mit Druck im Gedärm an einen Baum erleichtert. Braucht es die Regietheater-Derbheit? In war sie Teil der Zuschauer-Provokation, nun ist sie nur noch Selbstzitat.

Am Ende dieser ersten Staffel macht Dunk sich als echter Ritter auf, Anstand und Moral in die sieben Königreiche zu bringen. Wie geht es weiter? In einem höfischen Roman würde Dunk auf seinem Weg wohl irgendwo über den Heiligen Gral stolpern, der höchste Preis für den wahren Helden. In Westeros scheint das unwahrscheinlich. Da wird zwar auch viel gebechert, doch Gott ist tot. Oder etwa doch nicht?

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