Es beginnt wie einer dieser schlimmen Träume. Christian Thielemann tritt ans Pult, um das von Brahms zu dirigieren, aber
da ist gar kein Pult. Vor ihm: keine Partitur. Und in seiner Rechten: kein
Taktstock.
Vor Thielemann sitzen erwartungsvoll die Musiker der Berliner
Staatskapelle, dahinter reiht sich der Staatsopernchor. Es ist still, der
ausverkaufte Große Saal der Hamburger Elbphilharmonie voller Erwartung. Wäre
dies ein Traum, würde Thielemann genau jetzt schweißgebadet aufwachen. Doch
dieser Moment ist nicht das Ende eines Traums, sondern der Beginn eines
anderthalbstündigen Konzertabends, an dem deutlich wird, warum der von vielen
bewunderte, von anderen aber auch argwöhnisch beäugte Thielemann, 66 Jahre alt,
der Dirigent der Stunde ist.
Hier schiebt der Chef noch selbst
Thielemann steht da, hellwach, kerzengerade, und wartet. Vier
Sekunden lang. Fünf. Sechs. Sieben. Dann hebt er langsam, vorsichtig die Hände
– ergibt er sich? Nein, er gibt dem ersten Ton einen kleinen Schubs. Und dem
zweiten. Und dem dritten. Er setzt das Werk aus eigener Kraft in Bewegung. Natürlich,
jeder Dirigent macht das, für die anderen aber ist der erste Einsatz Mittel zum
Zweck und keine Aussage für sich. Hier ist es eine. Hier schiebt der Chef noch
selbst.
Und so macht Christian Thielemann schon vor Ende des allerersten
Taktes klar, worin das Besondere an diesem Abend besteht. Es ist, klar, auch
die Musik. Vor allem aber ist es der Gestus, mit dem Thielemann zu Werke geht –
ein überwölbendes .
Thielemann ist gefürchtet – und wird deshalb bewundert
Christian Thielemann ist einer der renommiertesten
Dirigenten der Klassikwelt, gefeiert für seine Interpretationen vor allem der deutschen
Spätromantik. Manche halten ihn für den künstlerischen Erben Wilhelm
Furtwänglers, und es ist gut möglich, dass das nicht ganz falsch ist. Seine
Jahre als ungestümer Wunderknabe hat er hinter sich, Jahre, in denen er keiner
Machtprobe aus dem Weg ging, davon viele gewann und einige spektakulär verlor.
Inzwischen ist Odysseus nach Hause zurückgekehrt, folgt seinem einstigen Meister Daniel Barenboim als Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden und steht an der Schwelle zu – ja, wozu? Vielleicht ja jenen goldenen Jahren, die in einer Dirigentenkarriere alles überstrahlen, wenn man später, viel später, an sie zurückdenkt. Vielleicht kommt aber auch diesmal was dazwischen, man wird sehen.
Er ist kein Gute-Laune-Dirigent. Er kann Karrieren befördern und beenden, jetzt und auf der Stelle. Würde er selbst nie so sagen, aber die daraus erwachsende Autorität hilft ihm in jedem einzelnen Takt. Thielemann ist gefürchtet und wird dafür bewundert, auch das ist Teil seines Geheimnisses. Er regiert mit der Aura: Ihr wisst, es ist besser, wenn ihr macht, was ich will. Meist hat er recht.
Ein dunkles Werk, licht und locker
Man könnte jetzt im Detail beschreiben, wie Thielemann an
diesem Abend in Hamburg die Staatskapelle und den Staatsopernchor durch Brahms‘ Requiem führt. Wie er im zweiten Satz das Tempo anzieht und binnen weniger
Takte die Luft in Brand setzt. Wie hell, leicht und schön die Parts der beiden
Solisten Nikola Hillebrand und Samuel Hasselhorn klingen. Wie gut bitte der
Chor an diesem Abend in Form ist. Und wie licht und locker dieses
Monumentalwerk von Brahms klingt, das ja musikalisch aus sehr viel dunkler
Materie besteht – im ersten Satz des Requiems spielen die Geigen, Flöten
und Klarinetten keinen einzigen Ton.
Aber all das ist keineswegs überraschend. Dass dieses
Konzert gelingt, steht interessanterweise keine Sekunde infrage, denn , die viel spannendere Frage lautet also: Warum ist es trotzdem so
faszinierend?
Was hier passiert, ist schon psychologisch nicht zu
verachten: Ein Mensch ordnet das Chaos der Welt mit bloßen Händen, nicht mit
physikalischer, sondern rein metaphysischer Kraft, und macht daraus Rhythmus,
Harmonie und Schönheit, sodass sich alle danach ganz aufgeräumt fühlen. Auch
das machen alle Dirigenten, klar. Nur sind bei Thielemann sogar die Teppichfransen besonders schön gekämmt.
Das Auge hört mit
Die Sache mit dem Pult und den Noten ist natürlich kein
Versäumnis, sondern Absicht, wer ohne Noten dirigiert, zeigt nicht nur, dass er
es ohne kann und das Werk also besser verstanden haben muss als sein Schöpfer.
Er verschleiert auch, dass dieser Abend einem exakt ausgearbeiteten Bauplan
folgt. Alles scheint sich wie von selbst zu ergeben. Das hört man, aber
natürlich: Das Auge hört mit.
Und man hört und sieht, dass Thielemann selbst dieses
Requiem als keineswegs vergeistigte, sondern als höchst körperliche
Veranstaltung, ja: begreift. Er scheint die Töne aus der Luft zu pflücken,
manche löst er sorgsam heraus, einige reißt er mit Gewalt an sich. Einen
Kontrabasseinsatz greift er sich mit der gestreckten Linken, einen anderen
wirft er in Richtung tiefes Blech. Viele Klänge scheint er auf diese Weise zu
formen, den Takt schlägt er mit der flachen Hand, den Schlussakkord des
vorvorletzten Satzes lässt er vor sich im Handteller liegen, ehe er ihn frei
lässt.
Abgesehen davon lässt er seine Musiker in Ruhe. Wenn es
kompliziert wird, hält er sich zurück, er lässt die Leute ihre Arbeit machen
und geht ihnen nicht auf die Nerven. Die Musiker nehmen ihn ernst, und er sie
ebenfalls.
Plötzlich zaubern alle
Und nicht zuletzt daran wird deutlich, wie ausbalanciert das
Machtverhältnis auf dem Podium tatsächlich ist: Ein Dirigent allein kann gar
nichts, aber steht er vor hundert Musikern, kann er zaubern, und sie plötzlich
auch.
Den Schluss des allerletzten Satzes bringt er so zum Halten,
wie er den Anfang des ersten angeschoben hat: Er hebt die Hände, Handflächen
nach vorn – so wie es Zauberkünstler tun, um deutlich zu machen: Hier ist
nichts. Keine Tricks, es ist wirklich Magie.
Aber auch das wusste man ja schon.