Man
malt sich aus, dass sie sich die Köpfe eingehauen und nach nervenaufreibenden
Streitereien, vielleicht sogar Schreiereien diesen Kompromiss gefunden haben.
Aber vielleicht war es ganz anders. Wahrscheinlich hat die Jury unter Vorsitz
des US-amerikanischen Regisseurs Alexander Payne vollkommen einträchtig und
friedvoll entschieden, den Goldenen Löwen der 82. Filmbiennale an das neueste Werk des
US-amerikanischen Regisseurs Jim Jarmusch zu vergeben.
Was hat sie in gesehen, der in diesen zehn Festivaltagen auf dem Lido
weder von Publikum und Kritik gefeiert noch besonders diskutiert wurde? In drei
Episoden erzählt der Film von schwierigen Begegnungen zwischen Eltern und
Kindern: Bruder und Schwester (Adam Driver und Mayim Bialik) besuchen ihren
Vater (Tom Waits), der am Rande des Existenzminimums zu leben scheint, aber
offenbar seine kleinen Geheimnisse hat. Zwei Schwestern (Cate Blanchett und
Vicky Krieps) finden sich zum alljährlichen Teebesuch bei ihrer kühlen Mutter
(Charlotte Rampling) ein. Ein Zwillingspaar (Indya Moore und Luka Sabbat) besucht
nach dem Unfalltod von Vater und Mutter deren leere Wohnung in Paris.
hat den für Jarmusch typischen coolen Groove und vor
allem in der ersten Episode präzise inszenierte Szenen der Befangenheit
zwischen den Generationen: Vater und Kinder schweigen, der Wasserhahn tropft,
hin wieder setzt sich jemand auf den Schaukelstuhl und blickt auf den See. Die
Tochter bemerkt, dass der Vater eine Rolex trägt, und dieser zieht beiläufig
seinen Hemdsärmel über die Uhr. Als die Kinder wegfahren, legt der Vater einen
schicken Anzug an, nimmt die Plane vom ebenso schicken versteckten Oldtimer und
braust zu einer Verabredung. Die zweite Episode wiederholt das Thema des
verlegenen Verlegenheitsbesuchs, ohne es weiterzuführen, und die dritte
verläppert.
Seit
45 Jahren steht der 72-jährige Jim Jarmusch für ein von Lakonie und Langsamkeit
getragenes Kino, er hat legendäre Filme wie (1984) und (1986) gedreht. Auch die Figuren von sind umgeben von auratischer Einsamkeit, aber es ist einfach ein weiterer Jarmusch-Film.
Wenn
dieses Festival etwas gezeigt hat, dann die Vitalität des US-amerikanischen
Kinos, seine Fähigkeit, das eigene Land, seine Kultur und Politik, seine Mythen
und Abgründe immer wieder aufs Neue zu beleuchten, zu ergründen und auf noble
Art auch darunter zu leiden. Als Komödie über das Wesen von Stars und Celebrity
( von Noah Baumbach), als Historienfilm über eine matriarchale
christliche Glaubensgemeinschaft ( von Mona
Fastvold), als brutaler Paranoia-Thriller ( von Yorgos Lanthimos), als
Katastrophenfilm über die nukleare Eskalation ( von
Kathryn Bigelow). Keiner dieser Filme bekam einen Preis.
Silberner Löwe für Film über getötetes palästinensisches Mädchen
Stattdessen
entschied die Jury, ihre zweitwichtigste Auszeichnung an den Film zu vergeben. Er handelt von dem gleichnamigen palästinensischen
Mädchen, das Anfang 2024 getötet wurde. Der Film sowie mehrere unabhängige Untersuchungen legen nahe, dass das Kind,
Teile seiner Familie sowie zwei zur Hilfe kommende Sanitäter von israelischen
Streitkräften getötet wurden. Das israelische Militär bestreitet dies.
Vor ihrem Tod hatte die Fünfjährige
per Handy mehrere Stunden Kontakt mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Hilfsorganisation Palästinensischer Roter Halbmond. Grundlage des Films sind
diese mitgeschnittenen Handygespräche, die tunesische Regisseurin Kaouther Ben
Hania schneidet die echte Stimme des Mädchens in die von Schauspielern und
Schauspielerinnen nachinszenierte Szenen auf der Rettungsstelle hinein. Die
Darsteller spielen sehr emotional, haben fast ununterbrochen Tränen in den
Augen oder weinen. Mehrmals wird ein Smartphone mit Aufnahmen der realen
Personen auf der Rettungsstelle vor die Kamera gehalten, tatsächlich sehen die
Schauspieler und Schauspielerinnen ihnen täuschend ähnlich.
Im Vorspann ist zu
lesen, es handle sich um eine Dramatisierung realer Ereignisse. Aber wozu
bedarf es der Dramatisierung der letzten Momente eines Kindes? Könnte man einem
Film, der keinerlei ästhetischen Zugriff auf die Situation entwickelt,
vorwerfen, das tote Mädchen auszubeuten? Als ein Journalist diese Frage auf der
Pressekonferenz stellte, wurde er von der Regisseurin abgekanzelt. Kaouther Ben
Hania verband ihren Dank für den Großen Preis der Jury mit einer
hochemotionalen Rede zu Hind Rajab und dem Krieg in Gaza. Zuvor hatten sich
zwei weitere Filmemacherinnen mit den Menschen in Gaza solidarisiert, Toni
Servillo, der Gewinner des Darstellerpreises (für seine Rolle eines müden
Politikers in von Paolo Sorrentino) sprach seine Bewunderung für „diejenigen aus, die sich auf den Weg über das Meer nach Palästina machen“. Den Überfall der Hamas auf
Israel am 7. Oktober erwähnte niemand.
Was stach filmisch aus dieser 82. Biennale heraus? Ein
zarter und zugleich wuchtiger Film schwebte ganz am Ende noch auf den Lido ein. Ein Film, mit
dessen Bildern man abheben konnte. In erzählt die ungarische
Filmemacherin Ildikó Enyedi in drei Epochen von Menschen, die Pflanzen
erforschen.
Eigentliche Hauptfigur ihres Films ist ein majestätischer Ginkgo-Baum
im Park eines alten deutschen Universitätsstädtchen. Unter seinen
Fächerblättern und in seinem Schatten beginnt eine junge Frau (Luna Wedler) 1907
ihr Studium der Botanik bei bornierten Alt-Professoren, unternimmt eine andere
Studentin mitfühlende Experimente mit einer Geranie, versucht ein Gastprofessor
(Tony Leung Chiu-wai) während der Corona-Zeit vorbei an einem granteligen
Hausmeister (Sylvester Groth) elektrische Impulse von Bäumen zu messen.
Für
ihre Rolle der leise aufmüpfigen studentischen Pionierin bekam Luna Wedler die
Auszeichnung als beste Nachwuchsschauspielerin, den Premio Marcello Mastroianni.
Und das ist doch endlich mal eine gute Nachricht.
