Der Mann wird immer jünger

Auf dem neuen Soloalbum von David Byrne
klingt viel wie bei den Talking Heads, und doch anders. Man hat das Gefühl,
dass ein paar Geister aus dem Frühwerk herumschwirren. Doch wer sind sie und wo
spuken sie? Ist es die schmissig geschrummelte akustische Gitarre im
Eröffnungsstück , oder sind es die Wiederholungen – ? Klingt so
ansteckend munter alles, und dennoch digital degeneriert, wenn alle füreinander
grinsen und zu viel voneinander wissen. Bekannt von früher kommen einem auch
Wendungen vor wie , oder als
würde ein postmoderner Prediger eine Geschichte der persönlichen Läuterung
erzählen. Man könnte auch sagen, Byrne lässt uns damit in Echtzeit teilhaben am
Erzählen.

So hält er es auch als Autor. In seinem
Buch, den wunderbaren ,
lässt er seine Leser ihm beim Denken zuschauen. Und so textete er 1980 den Hit dann zum Publikum gewendetObwohl
oder gerade weil Byrne eine milde Form von Autismus hat und auch darüber
spricht, tut er in der Kunst manchmal einiges, um möglichst zugewandt zu
wirken. Es gelingt ihm wieder ganz besonders auf

Aber das ist kein Buch, sondern ein
Album. Natürlich zieht uns auch das musikalische Pastiche in das Wurmloch zum
frühen Byrne, diese betörende Mischung aus New Wave und mittel- und
südamerikanischer Musik? Das wirkte bei Byrne ja nie nur abstrakt, sondern
konkret, weil sein natürliches Gehege, New York City, an vielen Ecken
tatsächlich so klang?

Man muss David Byrne von seinem Frühwerk her verstehen

Vielleicht ist betört aber auch einfach
das kindliche Erstaunen des ewig schlaksigen, heute 73-jährigen Musikers, der
mit großen Augen auf die Dinge blickt und dabei nie die Nerven verliert oder
gar der Alterserscheinung des Starrsinns nachgibt. Im Song wird
die Liebe zu seinem Kunst-Milieu deutlich, aber er macht sich darüber auch
lustig. So wird ein fröhliches Hadern daraus, und keine Rechthaberei. Den Ernst
beweist er zur Genüge in den musikalischen Mitteln. klingt
in der Strophe so modernistisch-aufmüpfig, als hätte sie ein junger Hanns
Eisler vor 100 Jahren komponiert. Der Refrain folgt dann einer runden
Popharmonie, als möchte er die Sehnsucht nach dem Applaus doch auch parodieren.
Das war stets das Teil von Byrnes Ästhetik: den Mainstream weiten – mit anderer
Musik, mit Rollenspielen, Geschichten und mit Humor.

Das Kammerensemble Ghost Train
Orchestra macht jede Kapriole auf diesem Album mit, die sich in den Songs
verstecken. Und es sind alles sauber verleimte Songs, nicht ausgelassene Riffs
und Jams, über die Byrne seine Geschichten erzählt wie früher auf manchen
Talking-Heads-Alben. Die Geister von früher stecken auch in der Stimme. Der
Produzent Kid Harpoon hat die Fäden in der Hand, er hat unter anderem für
Shakira und Harry Styles Hits verantwortet und als Anfangsvierziger ist er Teil
einer Generation, in der Byrne oft als Legende verehrt wird. Liegt die gut
gelaunte Rückführung an Kid Harpoon, will er den alten Byrne als
postjugendlichen Sänger zurückhaben? Es ist gerade deshalb, dass man dieses
Album besser versteht, wenn man David Byrne von seinem Frühwerk her betrachtet.

Als vor anderthalb Jahren der
Konzertfilm von 1984 in einer restaurierten Fassung in
den Kinos lief, war das Publikum schon in den ersten Minuten elektrisiert.
Regisseur Jonathan Demme, der später etwa r
drehte, filmt erst nur die halbsauberen weißen Stoffschuhe und etwas Bein vom
hellgrauen, weiten Anzug von David Byrne, dem Sänger der Band Talking Heads, und
wie er alleine zum Mikrofonständer an der Rampe läuft. Byrne stellt einen
Kassettenrekorder auf den Boden und sagt: Tach,
ich hab’ ein Tape mitgebracht. Click, die Drum Machine setzt ein, eine Roland
808, die von Marvin Gaye über Whitney Houston bis Hip-Hop, House und Techno das
Jahrzehnt prägte, vor allem in der Black Music. Byrne spielt ganz allein, nur
mit der akustischen Gitarre, den Song . Die Bude brennt
lange bevor der Hit den Rest erledigt. 

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