Zunächst einmal: Warum spielen Menschen überhaupt Theater? Und warum sieht sich ein Publikum das an? Peter Zadek, der von 1985 bis 1989 das Hamburger Schauspielhaus leitete und wohl der mondänste und charismatischste Intendant war, den diese Stadt in Friedenszeiten erlebt hat, sagte es so:
„Der einzige Weg, die wirklichen Schrecken des Lebens zu überstehen, besteht darin, sie nachzuspielen. (…) Über dieses Spiel findet man vielleicht heraus, wie das Leben besser oder angenehmer oder klüger zu leben ist, oder man entdeckt etwas, das man vorher nicht gesehen hatte.“
Das Hamburger Publikum nannte er „das waghalsigste der Bundesrepublik“. Aber er sagte auch: „In Hamburg lässt es sich leichter Banker sein als Künstler.“
Das klingt ein wenig zwiespältig. Die Hamburger Bühnen sind also Orte, an denen man die Angst teilen und bearbeiten kann, in aller Waghalsigkeit. Aber man tut das offenbar in einer Stadt, die nicht unbedingt dazu aufgelegt ist, sich Angst oder Schwäche anmerken zu lassen – anders etwa als das schöne Wien, wo der Tanz mit dem Tod zur Folklore gehört, weil der Tod bekanntlich ein Wiener ist.
So ganz warm wurde Zadek jedenfalls mit Hamburg nicht, auch das Publikum war ihm ein wenig fremd. In seinem Erinnerungsbuch steht: „Die dünnere Luft in Hamburg, die Distanz zwischen den Künstlern und dem Publikum“ hätten ihn gereizt, „und es reizte mich auch das Englische der Hamburger in ihren Spielregeln. Ich fand hier eine Gesellschaft, die der englischen, in die ich nie hineingekommen war, nicht unähnlich war. Hier kam ich sozusagen von oben sofort herein und merkte gleich, dass ich ein Mensch bin, der sich in dieser Gesellschaft, auch wenn er dazugehört, unwohl fühlt.“
Hier kommt noch eine Aussage über Hamburg – allerdings eine, in der die Stadt nur in Abwesenheit aufscheint. Sie stammt von Ivan Nagel, der von 1972 bis 1979 das Hamburger Schauspielhaus geleitet hatte. Ein paar Jahre später, 1985, übernahm Nagel die Intendanz des Staatsschauspiels in Stuttgart. Und er versäumte nicht, den Stuttgartern gleich bei seiner Ankunft zu versichern, sie seien „das beste Theaterpublikum in Deutschland“. Diese Spitze gegen Hamburg wurde in der Stadt, gegen die sie gerichtet war, mit einem indignierten Räuspern vermerkt und ansonsten, wie man so sagt, gar nicht erst ignoriert.
Aber um es einmal klarzumachen: Das Hamburger Publikum ist ein großartiges und großzügiges Publikum! Von der keineswegs überschwänglichen hanseatischen Alltagsmentalität, die man fast schon als Unterschwänglichkeit bezeichnen könnte, ist am Abend in den Theatersälen nichts zu spüren. Hier herrscht, wie stets in den Post-Corona-Jahren, die Bereitschaft zur Begeisterung und eine starke Neigung zur Standing Ovation.
