Zwei Tage nach der Wahl von Evelyn Palla an die Spitze der Deutschen Bahn steckt der Staatskonzern in einer Personalkrise: Der von Verkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) vorgeschlagene Kandidat für einen zentralen Posten verzichtete nach heftiger Kritik von Arbeitnehmerseite auf den Top-Job.
Schnieder hatte am Montag seine Strategie für die Bahn vorgestellt und bei der Gelegenheit Palla als neue Chefin vorgeschlagen. Zudem kündigte er an, auch den Vorsitzenden der wichtigen Infrastruktursparte DB Infrago austauschen zu wollen. Dirk Rompf solle Philipp Nagl ersetzen. An der Personalie hagelte es daraufhin Kritik, weil Rompf bereits von 2014 bis 2019 unter anderem als Vorstand für Netzplanung und Großprojekte bei Bahn zuständig war. In dieser Zeit verfiel die Infrastruktur zunehmend, weil zu wenig Geld in den Erhalt investiert wurde.
Gegen Rompf formierte sich Widerstand in der mächtigen Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) sowie in der SPD. „Der Name Rompf hat weit in den Bahn-Konzern hinein für Unglauben und Ablehnung gesorgt“, sagte der EVG-Chef Martin Burkert. In der Belegschaft blieb er vor allem wegen seines „Sparwahns“ in Erinnerung.
Am Donnerstag zog Rompf dann zurück. Rompf habe ihm mitgeteilt, „dass er für den Vorstandsvorsitz der InfraGO nicht mehr zur Verfügung steht“, erklärte Verkehrsminister Schnieder. Er bedaure den Schritt. Später ergänzte der Minister, dass der derzeitige Infrago-Chef Nagl den Posten behalten werde.
Rompf verbreitete über die Deutschen Presse-Agentur auch eine persönliche Erklärung über seinen Verzicht, in der er erklärte, er habe sich weder aus seiner Zeit bei der DB AG noch in seiner aktuellen Position etwas vorzuwerfen. Für den Zuspruch bedanke er sich. Palla und der Deutschen Bahn wünsche er alles Gute.
Grüne halten Schnieder für angekratzt
Die Grünen sehen durch das Personalchaos bei der Deutschen Bahn Verkehrsminister Schnieder beschädigt. „Es ist nicht nur ein Kandidat gescheitert. Gescheitert ist auch ein Minister, der ein erschreckendes Ausmaß an Kommunikationsunfähigkeit an den Tag gelegt hat“, sagte der Bahn-Experte der Grünen im Bundestag, Matthias Gastel.
Gastel sagte, der Aufsichtsrat habe bei der Bahn über Personalien zu entscheiden und nicht der Minister. „Der Unwille, andere in Entscheidungsprozesse einzubinden, lässt eine schwache Durchsetzungsfähigkeit des Ministers auch bei anderen Projekten erahnen. In der Deutschen Bahn wurde völlig unnötig Verunsicherung und Unruhe ausgelöst.“
Die EVG hatte sich gute Chancen ausgerechnet, die Berufung Rompfs notfalls im Aufsichtsrat verhindern zu können. EVG-Chef Burkert ging davon aus, dass für den Manager keine einfache Mehrheit zustande gekommen wäre, weil auch Vertreter der Arbeitgeberseite im Aufsichtsrat hätten gegen ihn stimmen können. Die Sitzung sollte innerhalb der nächsten Wochen stattfinden.
Weitere Kritik an Rompf richtete sich gegen dessen Tätigkeit für das Beratungsunternehmen Ifok, bei dem er seit seinem Ausscheiden bei der Bahn 2019 arbeitet. Ifok beriet in den vergangenen Jahren auch die Bahn und das Bundesverkehrsministerium – für die EVG ein Interessenkonflikt.
Der „Spiegel“ berichtet, dass im internen System für Whistleblower bei der Deutschen Bahn Compliance-Beschwerden eingegangen seien. Gemäß einer internen Richtlinie seien Beratungsverträge mit ehemaligen Führungskräften nicht erlaubt, Ausnahmegenehmigungen durch den Aufsichtsrat aber möglich. Die Bahn muss laut „Spiegel“ nun ermitteln, ob für Rompf die Genehmigungen vorlagen.
Rompf wirkte bei Stuttgart 21 mit
2014 war Rompf in den Vorstand der damaligen DB Netz gewechselt, dem Vorgängerunternehmen der heutigen InfraGo. Dort war er für die Netzplanung und Großprojekte verantwortlich. 2019 verließ Rompf die Bahn erneut und arbeitete bis zuletzt als Geschäftsführer bei der Strategieberatung Ifok.
Für Kritiker steht Rompf wie kaum ein anderer für die Ära Ronald Pofalla. Dem damaligen Konzernvorstand für die Infrastruktur wird bis heute vorgeworfen, den miserablen Zustand weiter Teile der Infrastruktur über Jahre schöngeredet und nichts gegen den Verfall des Netzes unternommen zu haben. Das von Rompf mitverantwortete Großprojekt Stuttgart 21 gilt als ein Musterbeispiel verfehlter Bauplanung und aus dem Ruder gelaufener Baukosten.
