Besessen vom Bild

In den kargen Dünen nahe des nordirakischen Mossul steht ein
Mann und erzählt davon, wie das Grauen klingt: nach dem dumpfen Nachhall eines
Schusses, nach dem gierigen Klicken von Kameraauslösern und nach dem Grölen
einer Menschenmenge, die dabei zusieht, wie Unrecht geschieht. Azad Hassan ist
der Name des Mannes, der vor zehn Jahren Opfer der Gewaltherrschaft des
Islamischen Staates wurde. Ihm wurde eine Hand abgehackt, er trägt seither eine Geschichte mit sich. Wir hören sie jetzt an der Berliner Schaubühne, wo ihre deutsche Premiere feiert.

Das Stück des Theatermachers Milo Rau wurde im Juni auf den
Wiener Festwochen uraufgeführt, die Rau seit 2023 leitet. Der aufwühlende Abend
verwebt die realen Gewalterlebnisse des irakischen Lehrers Hassan mit der fiktionalen Erzählung einer Kriegsfotografin, dargestellt von der Schauspielerin
Ursina Lardi
. Auf einer sandverwehten Bühne, zwischen Autoreifen und Plastikmüll, steht Lardi als die Seherin und spricht nüchtern in ein Mikrofon:
„Es beginnt alles mit einem Bild.“ Sie erzählt von ihrer Kindheit, in der sie
sich heimlich unter der Decke Kriegsbilder ansah („Das elektrisierte mich“), bis
sie schließlich selbst eine Kamera in der Hand hält und sich fragt: „Wie
fotografiert man ein Massengrab?“ Mit einer schwer aushaltbaren Schamlosigkeit
beginnt sie, das einzufangen, wovor andere die Augen verschließen: die
gnadenlose Brutalität des Krieges.

Die Auseinandersetzung mit Gewalt steht im Zentrum der
großen Produktionen von Milo Rau, die stets darauf abzielen, das Leid Einzelner
in einen Weltzusammenhang zu stellen. Auch in holt er weit
aus: Was bedeutet die Darstellung des Todes, wenn sie im Internet millionen-
und milliardenfach reproduziert wird? Und welche Bilder sind stärker: die auf
der Speicherkarte oder die vor dem inneren Auge?

Die Kriegsfotografin jagt hier als buchstäbliche Seherin nach beidem, reist von einem
Schauplatz des Schreckens zum nächsten und zückt in den grausamsten Momenten
die Kamera: „Kinder sind immer gut, auch gut: Leichensäcke.“ Ein Blitzlicht,
ein Knall – kurz verfällt sie in Starre und das Publikum mit ihr. Welcher
Auslöser war das: der einer Kamera oder der einer Schusswaffe? , schrieb Susan Sontag in ihrem Essay
sie reagierte damit auf die Bilderflut in den
Massenmedien der späten Siebzigerjahre. In Lardis Monolog wird Sontag ironisch diffamiert als eine von denen, die „um die 40 ein Buch mit
einem ‚Über‘-Titel“ schreiben“. Dabei trifft Sontag mit ihrer Beobachtung
das Thema im Kern, um das kreist.

Fragt man Milo Rau vor der Premiere, mit welcher Strategie
er die Balance zwischen seriöser Dokumentation und greller Horrorschau findet, antwortet
er taktisch klug: „Wir zeigen eigentlich gar nichts. Es gibt fast eine Art von
Bilderverbot in der Inszenierung.“ Tatsächlich kommt der Abend mit wenig
expliziten Darstellungen aus und lebt von der Wucht der Worte. Da ist Azad
Hassan, zu sehen und zu hören in einer Videoaufzeichnung. In Kapuzenjacke
steht er in der Ödnis auf irakischem Boden, aus seinen Augen spricht der Schmerz
seiner öffentlichen Peinigung: „Das Schlimmste war das Geschrei der Menge,
diese Begeisterung.“

Dagegen wirkt der trocken-distanzierte, zynische Ton Ursina
Lardis auf der sandigen Bühne irritierend abgeklärt. Es ist, als würde sich die
Schauspielerin in ihrer Rolle als fanatische Fotografin dauerhaft von außen
betrachten. Durch den Sucher schauend, wird sie auch zu ihrer eigenen Voyeurin:
„Da ist kein Ich mehr, es ist wie eine Art See – und darauf, sanft schaukelnd:
Augen, Haut.“  

Mehr lesen
by Author
Es beginnt wie einer dieser schlimmen Träume. Christian Thielemann tritt ans Pult,…